Der Chatbot ChatGPT imitiert menschliche Denkleistungen – aber vollzieht er tatsächlich eine eigene kreative Denkleistung? Um diese Frage zu beantworten, haben Experten der International School of Management (ISM) ihn unter die Lupe genommen.
Seit das Unternehmen OpenAI den Chatbot ChatGPT veröffentlicht hat, haben sich bereits eine Million Nutzer mit dem Chatbot unterhalten. Auch die ISM-Professoren Dr. Veith Tiemann für Data Science & Analytics sowie Dr. Johannes Moskaliuk für Wirtschaftspsychologie und Online Learning haben die KI bereits auf Herz und Nieren getestet. Nach Einschätzung der beiden Digitalisierungs-Experten stellt die Imitation menschlicher Denkleistung Hochschulen und Gesellschaft künftig vor große Herausforderungen.
ChatGPT sorgt für viel Diskussionsstoff. Über eine Million Nutzer haben seit dem Launch im Dezember bereits mit der KI »kommuniziert«. Die verblüfften Reaktionen auf Social Media reichen dabei von großer Begeisterung über Risikoabwägungen bis hin zu reißerischen Warnungen vor der bevorstehenden Apokalypse.
Aus Sicht von Prof. Dr. Johannes Moskaliuk sind die zuweilen heftigen Reaktionen der Nutzer zwar verständlich, aber wenig hilfreich, wenn es um eine nüchterne Beurteilung von ChatGPT geht. Digitalisierungsexperte Moskaliuk differenziert, dass es sich hier aktuell noch um ein Sprachmodell und nicht etwa um ein Wissensmodell handelt. Diese Unterscheidung sei essenziell, wenn es um die Bewertung der neuen Technologie geht: »Grundlage für ChatGPT ist ein künstliches neuronales Netz, das versucht, menschliche Sprache in einem statistischen Modell abzubilden. Mit diesem Modell wird beschrieben, welche Sätze, Antworten und Aussagen in einem bestimmten Kontext passend sind. Dazu wird das Modell mit bestehenden Inhalten trainiert, im Falle von GPT sind das Milliarden von Wörtern, die auf Websites im Netz veröffentlicht sind.« Die neue Technik versuche demnach, menschliche Kommunikation zu imitieren, ohne eigene kreative Denkleistung, betont Moskaliuk: »Die KI ‚versteht‘ nicht, um was es geht, sondern berechnet, welche Antwort passend sein könnte – mit hoher Treffsicherheit.«
Ein Blick auf Google sei dabei hilfreich, um die Weiterentwicklung von ChatGPT aufzuzeigen, erläutert ISM-Professor Dr. Veith Tiemann für Data Science und Business Analytics. Im Gegensatz zu Google zeigt ChatGPT nicht mehr die Links bzw. Textquellen zu einer Stichwortsuche an, sondern erstellt auf Basis eines künstlichen neuronalen Netzes selbst eine präzise erscheinende Antwort. Diese wird aufgrund statistischer Zusammenhänge und Wahrscheinlichkeiten berechnet. Weil die menschliche Sprache aber auch von Feinheiten und Zwischentönen lebt, können dabei auch merkwürdige Ergebnisse bis hin zu Fake News entstehen: »Der Chatbot ist also nur so präzise und korrekt wie die Textinhalte, mit denen er gefüttert wurde«, sagt der Statistik-Experte Tiemann.
»Die Tatsache, dass die Unterscheidung zwischen ausgefeilter Sprachimitation und eigenständigem Denken kaum mehr für die menschlichen User transparent ist, erscheint dabei als die eigentliche Herausforderung im Umgang mit der neuen KI-Generation«, erläutert Tiemann. Aus diesem Grund sei auch eine disziplinübergreifende fachliche und gesellschaftliche Diskussion nötig, wie ISM-Kollege und Wirtschaftspsychologe Johannes Moskaliuk fordert: »Psychologische, soziale, ethische und juristische Aspekte machen eine interdisziplinäre Sicht auf die anstehenden Veränderungen notwendig. Durch die neuen KI-Leistungen müssen wir Fragen lösen wie diese: wer ist verantwortlich für eine KI, die diskriminierende Aussagen macht – und damit nur das wiedergibt, was das System auf Basis von Trainingsdaten kombiniert hat? Wer übernimmt die Verantwortung für Behandlungsfehler, die auf Basis einer Empfehlung durch eine KI zustande gekommen sind? Wer hat die Rechte an einem Gedicht, das von einer KI geschrieben wurde?« Die Hochschulen sind in Zukunft also nicht nur gefordert, ihre Prüfungsnachweise zu überdenken, sondern müssen sich auch interdisziplinär mit den Auswirkungen der neuen KI-Systeme wissenschaftlich auseinandersetzen.
Die International School of Management (ISM) ist eine staatlich anerkannte, private Hochschule in gemeinnütziger Trägerschaft. An Standorten in Dortmund, Frankfurt am Main, München, Hamburg, Köln, Stuttgart und Berlin wird in kompakten und anwendungsbezogenen Studiengängen der Führungsnachwuchs für international orientierte Wirtschaftsunternehmen ausgebildet. Zum Studienangebot gehören Vollzeit-Programme, berufsbegleitende und duale Studiengänge sowie ab Herbst 2021 das Fernstudium. Das internationale Netzwerk umfasst rund 190 Partnerhochschulen.