Neue 15-Millionen-Förderung für SEMECO

Medizinische Halbleiter: Wenn Standard-Chips an ihre Grenzen stoßen

15. Juni 2026, 14:27 Uhr | Ute Häußler
Zum Auftakt der zweiten Förderphase präsentierte sich SEMECO an den Silicon Saxony Days. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (r.) informierte sich bei Dr. Moritz Herzog und den Clustersprechern Prof. Gerhard Fettweis und Prof. Jochen Hampe (v.l.).
© Anja Stübner

Medizinelektronik muss ohne Wartung lange laufen, winzig und dabei sicher sein. Standard-Chips? Helfen vielfach nicht. Mit dem Förderprojekt SEMECO sind Medizin-Chips in Sachsen nun Chefsache: Mit frischen 15 Millionen Euro soll aus Grundlagenarbeit jetzt ernsthafter Technologietransfer entstehen.

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Schneller, billiger, mehr Rechenleistung? Die treibende Kräfte der Consumer-Elektronik gelten in der Entwicklung von Medizintechnik nicht viel: Ein Chip, der im oder nah am Körper sitzt, muss mit minimalem Stromverbrauch über Jahre stabil arbeiten. Er muss Biosignale erfassen, verarbeiten und drahtlos übertragen sowie zuverlässig genug für eine Zulassung nach MDR sein. Standardkomponenten aus der Unterhaltungselektronik erfüllen die zudem meist sehr individuellen Anforderungen der Medical-OEMs nicht. Das Ergebnis: Fast jeder Hersteller entwickelt seine Elektronik weitgehend selbst. Dieser Ansatz ist nachvollziehbar und in vielen Fällen notwendig, aber eben auch sehr aufwändig, teuer und langsam.

Zumal der Bedarf stetig wächst. Mit Wearables, Implantaten und mobiler Diagnostik zieht auch die Nachfrage nach spezialisierten Medizin-Chips in nahezu allen Segmenten an. Nachdem die Digitalisierung und Automatisierung im Gesundheitsbereich noch im Anfangsstadium steckt, wird sich der Trend in den kommenden Jahren noch beschleunigen. Das Dresdner Zukunftscluster SEMECO, die Akronym steht für ‘Secure Medical Microsystems and Communications’, adressiert das strukturelle Problem dahinter.

Zweite Phase, schärferer Fokus

Der Ansatz: modulare, standardisierbare Halbleiterplattformen, die Sensorik, sichere Kommunikation, Datenverarbeitung und KI-Funktionen so kombinieren, dass neue medizinische Anwendungen darauf aufgesetzt werden können, ohne jedes Mal die Grundlagenarbeit neu zu leisten.

Medizinische Halbleiter

... sind spezialisierte Mikrosysteme, die Sensorik, Datenverarbeitung, sichere Kommunikation und KI-gestützte Funktionen gezielt auf die Anforderungen der Medizintechnik ausrichten. Aufbauend auf einem modularen Plattformansatz entstehen so flexibel kombinierbare Halbleiter-, Elektronik- und Software­komponenten, die sicher integriert und schrittweise weiterentwickelt werden können.

Im Mai 2026 startete jetzt die zweite von bis zu drei Förderphasen. Das BMFTR stellt dafür über drei Jahre bis zu 15 Millionen Euro bereit – Teil eines Gesamtrahmens von bis zu 45 Millionen Euro über maximal neun Jahre Laufzeit. Der Freistaat Sachsen ergänzt das mit Mitteln aus der EFRE-Technologieförderung 2021–2027, für die zweite Phase auch über die STEP-Verordnung für strategisch relevante Technologien in Europa.

Transfer in die klinische Praxis

Die erste Phase hatte sich mit den technischen Grundlagen der dedizierten Medizin-Chips beschäftigt. Die zweite soll nun Standardisierung, Marktreife und vor allem den Transfer in industrielle und klinische Anwendung liefern, wie die Clustersprecher Prof. Gerhard Fettweis und Prof. Jochen Hampe von der TU Dresden betonen. »In der ersten Förderphase konnten wir zeigen, dass die enge Verzahnung von Halbleiter- und Kommunikationstechnologien neue medizintechnische Anwendungen ermöglicht. Mit der zweiten Förderphase richten wir unseren Fokus noch stärker auf Anwendung, Standardisierung und Markteinführung.«

Ein konkreter Hebel dabei sollen KI-gestützte Methoden sein, die Zertifizierungs- und Zulassungsverfahren beschleunigen. Wer kennt, wie lange ein Medizinprodukt durch die MDR-Mühlen läuft, weiß, warum das kein akademisches Thema ist.

Regulatorik als Designparameter

SEMECO behandelt Cybersecurity, Datenschutz und Zulassungsanforderungen nicht als nachgelagerte Compliance-Aufgabe, sondern begreift die Regulatorik von Anfang an als Teil des Entwicklungsprozesses. Frank Bösenberg, Geschäftsführer des Silicon Saxony, sagt: »Technologische Innovation, Cybersecurity und regulatorische Anforderungen von Beginn an gemeinsam zu denken – erst dadurch entstehen die Voraussetzungen, um digitale Medizinprodukte schneller, sicherer und effizienter in die Versorgung zu bringen.«

Das ist auch industriepolitisch nicht trivial. Europa hat in der Halbleiterfertigung mit dem Chips Act reagiert und investiert massiv in neue Kapazitäten – nicht zuletzt in Sachsen. SEMECO adressiert die nächste Ebene: medizinische Systeme, die auf europäischen Plattformen basieren und nicht von außereuropäischen Chips und Standards abhängen.

Halbleiter-Heimspiel im Silicon Saxony

Das Silicon Saxony und damit auch das SEMECO-Projekt bautauf der regionalen Halbleiterkompetenz entlang der kompletten Wertschöpfungskette auf und nutzt eine Forschungslandschaft, die international mitspielt. Die TU Dresden als Exzellenzuniversität, kurze Wege zwischen Startups, Mittelständlern und Großunternehmen. Mit Infineon, GlobalFoundries und dem TSMC-Joint-Venture ESMC sind einige Schwergewichte der Branche in Dresden angesiedelt.

»Jahrzehntelang wurde die technologische Stärke der Region vor allem durch die Entwicklung und Fertigung von Halbleitern geprägt. SEMECO geht nun einen entscheidenden Schritt weiter«, sagt Bösenberg. Mit Cluster-Partnern wie Siemens Healthineers, Infineon, Renesas, Carl Zeiss Digital Innovation, der Telekom, Secunet und diversen Fraunhofer-Instituten geht es weg von der reinen Fertigung, hin zu medizinischen Systemen und damit zu einer europäischen Medizin-Chip-Plattform.

Auf den Silicon Saxony Days, die aktuell noch bis 17. Juni in Dresden staffinden, präsentiert SEMECO aktuelle Entwicklungen für sichere und vernetzte Medizintechnik wie Forschungsprojekte zu datenschutzkonformem KI-Training, Cybersicherheit im Gesundheitswesen sowie zur sicheren drahtlosen Echtzeitübertragung medizinischer Vitaldaten über Bluetooth und 5G. Weitere Exponate zeigen mobile Ultraschalltechnologien und intelligente Infusionssysteme zur Unterstützung sicherer Therapieprozesse im Krankenhaus.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer ließ sich von Cluster-Geschäftsführer Dr. Moritz Herzog und den beiden Clustersprechern persönlich einweisen – ein Signal, das über protokollarische Pflicht hinausgeht. Medizinische Mikroelektronik ist in Sachsen nun zur Chefsache geworden.


SEMECO ist einer von 14 geförderten Zukunftsclustern der Clusters4Future-Initiative des BMFTR und an der TU Dresden angesiedelt. Weitere Infos: semeco.info

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