Drei Viertel der Healthcare-Software fällt laut BSI im Pen-Test durch. NIS2 verschärft nun die Haftung für Geschäftsführer und Meldepflichten. Warum punktuelle Tests nicht mehr reichen und PTaaS-Plattformen mit agentischer KI kontinuierliche Sichtbarkeit über die gesamte Angriffsfläche schaffen.
Kaum eine Branche ist so streng reguliert wie das Gesundheitswesen. Die NIS-2-Richtlinie verändert nun die IT-Sicherheit im Gesundheitswesen grundlegend, indem sie den Kreis der betroffenen Einrichtungen deutlich erweitert. Bisher betrafen strenge Vorgaben vor allem sehr große Krankenhäuser als »Betreiber kritischer Infrastrukturen«. Nun fallen durch feste Schwellenwerte auch mittlere Kliniken, medizinische Versorgungszentren, Pharmahersteller, Medizintechnikunternehmen und Großhändler unter die Regulierung.
Als »wichtige Einrichtung« gilt, wer mindestens 50 Mitarbeiter beschäftigt oder mehr als 10 Millionen Euro Jahresumsatz sowie mehr als 10 Millionen Euro Bilanzsumme aufweist; als »besonders wichtig« gilt, wer mindestens 250 Mitarbeiter beschäftigt oder mehr als 50 Millionen Euro Umsatz sowie mehr als 43 Millionen Euro Bilanzsumme erreicht.
Betreiber kritischer Infrastrukturen gelten unabhängig von diesen Schwellenwerten automatisch als »besonders wichtig«. Eine wesentliche Neuerung ist die persönliche Haftung der Geschäftsführung: So müssen Vorstand und Geschäftsleitung die Umsetzung der Sicherheitsvorgaben aktiv überwachen und billigen, regelmäßige Schulungen absolvieren – und haften bei schuldhafter Pflichtverletzung persönlich mit ihrem Privatvermögen. Zudem gelten streng gestaffelte Meldepflichten bei Sicherheitsvorfällen an das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI).
Für die betroffenen Einrichtungen fordert NIS2 verpflichtende Maßnahmen zum Risikomanagement. Sie müssen ein strukturiertes Informationssicherheits-Managementsystem etablieren, technische Schutzmaßnahmen wie Multi-Faktor-Authentifizierung und Verschlüsselung umsetzen sowie die Sicherheit ihrer IT-Lieferkette überprüfen. Penetrationstests sind ein wichtiger Teil des Risikomanagements und der IT-Sicherheit, denn diese legen – gerade bei Software im Gesundheitswesen – immer wieder gravierende Sicherheitslücken offen.
Laut einer aktuellen Meldung des BSI bestehen drei von vier getesteten Gesundheitssoftware-Lösungen den Penetrationstest nicht. Was auf den ersten Blick wie ein Problem einzelner Anbieter aussieht, betrifft tatsächlich die gesamte Gesundheitsbranche als strukturelles Problem.
Das Gesundheitswesen hat sich in den letzten Jahren rasant digitalisiert. Elektronische Patientenakten, vernetzte Medizingeräte, APIs und digitale Patientenservices verbessern die Versorgungsqualität, schaffen aber zugleich eine hochkomplexe und dynamische IT-Landschaft. Dadurch wächst nicht nur die Angriffsfläche, sie wird auch deutlich schwerer zu überblicken.
In vielen Gesundheitseinrichtungen umfasst sie heute tausende Systeme, Schnittstellen und öffentlich erreichbare Assets, die oft historisch gewachsen sind und die niemand mehr vollständig dokumentiert oder versteht. Genau hier liegt eines der zentralen Probleme: Sicherheit scheitert nicht nur an einzelnen Schwachstellen, sondern an der fehlenden Sichtbarkeit im Gesamtsystem. Die BSI-Ergebnisse zeigen, dass durch die Kombination mehrerer Schwachstellen reale Angriffsszenarien entstehen. Angreifer suchen mittlerweile nicht mehr nach einzelnen Sicherheitslücken, sondern nach Wegen, verschiedene Schwächen zu einem funktionierenden Angriffspfad zu verbinden.
In der Praxis kommen weitere Herausforderungen hinzu. Gesundheitseinrichtungen stehen unter enormem Druck, ihre Systeme jederzeit verfügbar zu halten. Anders als in vielen anderen Branchen wirken sich Ausfälle hier direkt auf die Patientenversorgung aus. In großen Kliniken zeigt sich immer wieder, wie stark dieses Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Verfügbarkeit den Alltag prägt. Systeme bleiben länger im Einsatz, Teams planen Updates sehr vorsichtig und nehmen Risiken teilweise bewusst in Kauf, um den Betrieb nicht zu gefährden.
Während viele Gesundheitseinrichtungen noch damit beschäftigt sind, bestehende Systeme abzusichern, entwickelt sich die Bedrohungslage schnell weiter. KI hält zunehmend Einzug in den Gesundheitsbereich, etwa in Form von Chatbots oder assistiven Systemen. Gleichzeitig zeigen aktuelle Sicherheitsanalysen aus der Perspektive von Red Teams, dass sich auch solche Systeme manipulieren lassen – und damit neue Angriffsvektoren entstehen.
Vor diesem Hintergrund wird klar, warum klassische Sicherheitsansätze an ihre Grenzen stoßen. Punktuelle Tests, die Teams nur einmal im Jahr oder vor einem Release durchführen, können die Dynamik moderner IT-Umgebungen nicht mehr abbilden. Systeme verändern sich kontinuierlich, neue Schnittstellen entstehen, und damit auch neue Risiken. Sicherheit ist deshalb kein Zustand, den man einmal erreicht, sondern ein fortlaufender Prozess, der kontinuierliche Überprüfung und Anpassung erfordert.
Diese Entwicklung bestätigen auch aktuelle Analysen: Viele Gesundheitseinrichtungen testen und sichern nur einen Teil ihrer tatsächlichen Angriffsfläche wirksam ab. Daraus resultiert eine strukturelle Abdeckungslücke, die Angreifern systematisch Vorteile verschafft. Die Lehre aus den BSI-Ergebnissen liegt daher auf der Hand: Es reicht nicht mehr aus, Sicherheit punktuell zu überprüfen. Gesundheitseinrichtungen müssen ihre Systeme kontinuierlich aus der Perspektive eines Angreifers testen und verstehen, wie sich Risiken im Zusammenspiel entwickeln. Das erfordert sowohl skalierbare Technologien, um mit dem Tempo moderner IT Schritt zu halten, als auch menschliche Expertise, um komplexe Angriffspfade realistisch zu bewerten.
Eine moderne Plattformlösung für Penetration-Testing-as-a-Service (PTaaS) unterstützt das kontinuierliche Schwachstellenmanagement. Sie kombiniert autonome Test- und Validierungsverfahren agentischer KI mit der Analyse globaler Expertennetzwerke. Dieser hybride Ansatz liefert Ergebnisse für unterschiedliche Sicherheitsbedürfnisse – von der Einhaltung regulatorischer Vorschriften bis hin zur gezielten Risikominimierung.
Durch den Einsatz von KI erfasst und analysiert eine solche Plattform die gesamte digitale Angriffsfläche. Sie verbindet KI-gestützte und von Menschen geleitete Schwachstellenerkennung mit einem zentralen Schwachstellenmanagement und Berichterstattung. Kliniken können dadurch Testzyklen auf Abruf, in regelmäßigen Abständen oder kontinuierlich durchführen. Sämtliche historischen Testdaten fließen an einem zentralen Ort zusammen und machen den Sicherheitsfortschritt im Zeitverlauf nachvollziehbar.
Eine auf agentischer KI basierende Architektur übernimmt dabei autonomes Scoping, die Erstbewertung von Schwachstellen sowie automatisierte Penetrationstests. Basierend auf angesammelten Testdaten identifiziert, validiert und priorisiert die KI Risiken mit Fokus auf umsetzbare Ergebnisse. Daran schließt sich die manuelle Analyse durch Sicherheitsexperten an, die die automatisierte Erkennung um menschliche Expertise ergänzen. Diese Kombination aus KI und menschlicher Analyse ermöglicht es, komplexe Exploit-Ketten zu durchleuchten, tiefliegende Schwachstellen in der Geschäftslogik aufzudecken und subtile Sicherheitslücken zu identifizieren, die rein automatisierten Scans entgehen.
Dass im Gesundheitswesen drei von vier Softwarelösungen im Penetrationstest durchfallen, ist kein Ausreißer. Es ist ein deutliches Signal dafür, dass sich die Anforderungen an die Cybersicherheit grundlegend verändert haben. Die Branche hat dabei kein spezielles Problem mit einzelnen Schwachstellen. Sie steht vielmehr vor der Herausforderung, Sicherheit in hochvernetzten, dynamischen Systemen kontinuierlich zu validieren. Genau dort entscheidet sich, wie gut es gelingt, den wachsenden Risiken in Zukunft zu begegnen. (uh)
Thema: Safety & Cybersecurity - Medizinsysteme sicher entwickeln
22. September 2026, Mövenpick Airport Stuttgart
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