Kommentar Höchste Zeit für Supraleitung

Heinz Arnold, editor-at-large Markt&Technik, HArnold@weka-fachmedien.de
Heinz Arnold, editor-at-large Markt&Technik, HArnold@weka-fachmedien.de

Die Supraleitung findet in Teilchenbeschleunigern und in der Kernfusion Einsatz – ob sie deshalb noch der Hauch des Exotischen und des ewig Zukünftigen umweht?

Doch ohne Supraleitung wäre die Welt kaum vorstellbar. So gäbe es etwa MR-Aufnahmen nicht. Zudem ist den Herstellern supraleitender Drähte ein gewaltiger Schritt nach vorne gelungen. Sie stellen heute Metallbänder beschichtet mit einkristallinen Hochtemperatur-Supraleitern (Sprungtemperatur 77 K) über 1 km Länge her.

Was sie können, zeigt das HTS-Kabel einschließlich der supraleitenden Strombegrenzer des Ampacity-Projekts in Essen: Über eine Distanz von 1 km verbindet das System zwei Umspannwerke; sogar die Kühlung mit flüssigem Sticksoff ist völlig unproblematisch. Nicht weniger als 6000 Experten sind bis heute nach Essen gepilgert, um sich die Technik anzusehen, wie Innogy stolz auf der Ziehl-VI-Supraleitungstagung in Berlin vergangene Woche vermeldete.

Heute gibt es zwei Firmen in Deutschland (weltweit sind es ein Dutzend), die in der Lage sind, HTS-Bandleiter zu produzieren. Beide sind ins Risiko gegangen und haben kräftig in den Ausbau ihrer Kapazitäten investiert. Zu den Pionieren zählen auch mittelständische Systemhersteller wie Oswald (Motoren) und Vision Electric Super Conductors, die supraleitende Stromschienen entwickelt hat. Sie nehmen jetzt in einer Anlage in der chemischen Industrie ihre Arbeit auf und zeigen, dass sie nicht nur technisch machbar sind, sondern auf Dauer echte wirtschaftliche Vorteile bringen. Dasselbe erwartet sich Envision als Leiter des Projekts EcoSwing: Hier wird demnächst ein supraleitender Generator in die Gondel eines Windrades eingebaut, um den Energieertrag deutlich zu steigern.

Das zeigt ein Dilemma auf: Jetzt müssten weitere Projekte folgen, damit die Hersteller die Kapazitäten auslasten und Preise senken könnten. So würden weitere ernsthafte Projekte in der Industrie stimuliert; dann trüge sich der Markt selber. Wenn nicht, dann wären im Heimatland von Johannes Bednorz, der die HT-Supraleitung entdeckte und dafür den Nobelpreis erhielt, wieder einmal die Grundlagen für eine neue – gerade im Zeichen der Energiewende – sehr vielversprechende Technik gelegt worden, die Früchte aber würden andere ernten.

Auf dem parlamentarischen Abend, den die Ziehl-Konferenz organisiert hatte, zeigten sich die geladenen Politiker jedenfalls recht begeistert. Karl Holmeier (CSU), MdB aus Bayern, stellte sogar in Aussicht, in seinem Wahlkreis ein HTS-Kabel zu verlegen. Bei so viel politischem Rückenwind dürfte dem Durchbruch der Zukunftstechnik wohl nichts mehr im Wege stehen!