Quantencomputer aus Deutschland

eleQtron: »Wir stehen mit den US-Wettbewerbern auf Augenhöhe«

9. Juli 2026, 10:05 Uhr | Heinz Arnold
Jan Henrik Leisse, CEO von eleQtron
Jan Henrik Leisse, CEO von eleQtron: »Heute verdient eleQtron vor allem mit dem Verkauf von Quantencomputern Geld. Langfristig wird jedoch ein anderes Geschäftsmodell dominieren: Quantum Computing as a Service. Jetzt bauen wir die Infrastruktur und das Partnernetzwerk aus, vor allem, um realistische Use Cases zu finden und die erforderliche Rechenleistung zur Verfügung stellen zu können.«
© eleQtron

57 Mio. Euro aus der neuen Finanzierungsrunde unter Führung von Schwarz Digits und ein Auftragspolster von 54 Mio. Euro: »Jetzt wollen wir unsere Quantencomputer industrialisieren«, sagt Jan Henrik Leisse, CEO von eleQtron im Interview mit Markt&Technik.

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Markt&Technik: eleQtron hat kürzlich in einer der größten europäischen Finanzierungsrunden im Quantencomputing bisher 57 Mio. Euro eingesammelt. Zudem kann sich eleQtron über ein Auftragspolster von 54 Mio. Euro freuen. Sie verkaufen also schon Quantencomputer?

Jan Henrik Leisse, CEO von eleQtron: Ja, und was uns besonders freut: Mit dem Auftragsbestand stehen wir mit den Wettbewerbern aus den USA auf Augenhöhe. Wir sind gerade dabei, unsere Quantencomputer der neuesten Generation auszuliefern, sowohl an das DLR als auch an das Forschungszentrum Jülich. Beide betreiben bereits Quantencomputer von uns an ihren Standorten. Derzeit besteht der größte Teil unseres Auftragseingangs aus Bestellungen, die sich auf unsere Hardware beziehen. Wir stehen aber noch auf zwei weiteren Umsatzsäulen: Erstens den Verkauf von Rechenzeit und zweitens Services, zu denen wir die Veranstaltung von Workshops sowie die Erarbeitung von Use Cases mit unseren Kunden zählen.

DLR und Jülich, da dürfte es sich doch schon um recht unterschiedliche Use Cases handeln?

Ja, in Jülich geht es darum, den Quantencomputer in die dortige HPC-Umgebung einzubinden. Das wird in Zukunft eine große Rolle spielen, weil Quantencomputer spezielle Rechnungen in Sekunden erledigen können, für die herkömmliche Supercomputer Hunderttausende von Jahren benötigen. In HPC-Datenzentren könnten sie also schon bald als Beschleuniger arbeiten. Was für uns besonders wichtig ist: Hinter dem Rechenzentrum Jülich steht ein großes industrielles Netzwerk.

Ist das im DLR ganz anders?

Sowohl das Forschungszentrum Jülich als auch das DLR sind nicht nur einfach Kunden. Zusammen mit ihnen arbeiten wir daran, das Quantencomputing in Rechenzentren und in kommerzielle Anwendungen in die Industrie zu bringen. Das Forschungszentrum Jülich beschäftigt sich damit, die Quantencomputer fit zu machen, um spezielle Use Cases bearbeiten zu können, sie beispielsweise für die Materialentwicklung, die Logistik, die Chemie usw. nutzbar zu machen. Wir verkaufen unsere Quantencomputer an unsere Kunden, und treiben parallel die Entwicklung der Hardware, der Quantenalgorithmen und Software sowie der Use Cases voran. Das muss Hand in Hand gehen, alle drei Elemente bedingen sich gegenseitig und müssen auf die speziellen Anforderungen eines jeweiligen Einsatzfalles zugeschnitten und aufeinander abgestimmt werden. Erst dann wird das Quantencomputing sein volles Potenzial in den ganz unterschiedlichen Use Cases ausspielen können. Das kann in einer hybriden Umgebung geschehen oder mit puren Quantencomputern wie im DLR, denn es gibt viele Use Cases, in denen ausschließlich Quantencomputer Einsatz finden.

Den größten Teil des Umsatzes wird eleQtron also mit dem Verkauf der Quantencomputern generieren?

Das ist derzeit so, aber das wird nicht so bleiben. Denn längerfristig werden wir den größten Teil unseres Umsatzes über den Verkauf von Rechenzeit erzielen, das ist die Zukunft. So wie die traditionellen Rechenzentren ihren Umsatz ja auch über den Verkauf der Rechenzeit generieren. Denn genauso wenig wie sich jeder sein eigenes Rechenzentrum hinstellen kann, kann auch nicht jeder einen Quantencomputer installieren.

Wird eleQtron die eigenen Quantencomputer also zum größten Teil selbst in eigenen Quantencomputer-Rechenzentren betreiben, um dann die Rechenzeit zu verkaufen?

Das ist der Plan: Wir werden einen guten Teil des Geldes der A-Runde-Finanzierung in den Aufbau der Infrastruktur stecken, erstens, um unsere Fertigung zu erweitern und mehr Quantencomputer herstellen zu können und zweitens, um sie an unserem Standort in Siegen zu betreiben. Bisher war die Zahl der eigenen Maschinen begrenzt, je mehr wir jetzt installieren können, umso mehr Rechenzeit können wir anbieten. Nach der neuen Finanzierungsrunde können wir nun viel mehr Quantencomputer– auch für unseren Eigenbedarf – herstellen.

Das ist die Technologie von eleQtron
eleQtron ist im Mai 2020 als Spin-off aus dem Lehrstuhl für Quantenoptik der Universität Siegen hervorgegangen und ist einer der Hersteller von Quantencomputern, der auf Ionenfallen und eine besondere Technik setzt: Die Ionenfallen-Qubits werden nicht wie meist üblich mit Lasern angesteuert, sondern mit gezielt erzeugten Mikrowellenfeldern. »Magnetic Gradient Induced Coupling«, kurz MAGIC nennt eleQtron diese Technik. Physikalisch basiert MAGIC darauf, dass magnetische Gradienten die inneren Zustände der Ionen mit ihren kollektiven Schwingungsmoden koppeln. So entstehen Quanten-Gatter ohne die sonst üblichen hochpräzisen Laserpulse. Die großen Vorteile spielt MAGIC bei der Kontrolle der Qubits aus: Mikrowellen sind grundsätzlich einfacher zu isolieren und präziser zu modulieren als Lasersysteme, was zu stabileren und verlässlicheren Signalen führt. Weil jedes Ion gezielt mit einem gesonderten Anregungsmuster angesteuert wird, kommt es kaum zum Übersprechen, damit fällt eine Fehlerquelle weg, die anderen Herstellern von Quantencomputern auf Ionenfallenbasis Kopfzerbrechen bereitet. »Wir stellen die Frequenz ein und wissen dann genau, dass wir beispielsweise gerade mit Ion Nummer 5 sprechen«, sagt Dr. Michael Johannig, CTO von eleQtron. »Dazu benötigen wir nur die etablierten Techniken, die ohnehin schon lange aus Sektoren wie dem Mobilfunk bekannt sind. Für unsere Anforderungen reichen die auf dem Markt erhältlichen Standardkomponenten vollkommen aus.« Laser verwendet eleQtron zwar auch, »aber nur zum Kühlen und zum Auslesen, das sind vergleichsweise sehr einfache Schritte.« Dass der britische Start-up Oxford Ionics, den IonQ im Juni 2025 übernommen hat, eine sehr ähnliche Technologie entwickelt hat, stört ihn nicht: »Es zeigt, dass die Mikrowellentechnik relevant ist, IonQ hat sich den Kauf immerhin 1 Milliarde Dollar kosten lassen.« Das zeige, dass eleQtron auf einem vielversprechenden Weg sei. Als entscheidend sieht Johannig es an, dass sich die MAGIC-Technik sehr gut skalieren lässt. Denn die Ansteuerelektronik kann direkt auf den Ionenfallen-Chips integriert werden. Diese Chips haben den Vorteil, dass sie mit Hilfe der aus der IC-Fertigung bekannten Verfahren hergestellt werden können – kostengünstig und in hohen Stückzahlen. Da trifft es sich gut, dass sich auch die Mikrowellenkomponenten auf Basis von CMOS- und MEMS-Techniken auf diesen Chips ohne weiteren großen Aufwand strukturieren lassen. Wer dagegen mit Lasern arbeitet, muss die optischen Komponenten auf den Ionenfallen-Chips integrieren, was sehr viel schwieriger ist, ganz neue Fertigungsverfahren erfordert und deshalb mit nicht zu unterschätzenden zusätzlichen Kosten verbunden ist. Die Quantenprozessoren auf Basis der Ionenfallen fertigt eleQtron nicht selbst sondern arbeitet dazu mit Herstellern zusammen, die aus der Chipfertigung kommen. Dazu zählen Infineon, NXP und die Fraunhofer-Gesellschaften. Seit Im März vergangenen Jahres arbeitet eleQtron im Rahmen des Projektes EPIQ (Entwicklungspartnerschaft Ionenfallen-Quantencomputer in NRW) gemeinsam mit dem Forschungszentrum Jülich und dem Jülich Supercomputing Centre (JSC) daran, einen modularen hybriden Supercomputer aufzubauen, der klassische Hochleistungsrechner mit einem Ionenfallen-Quantencomputer kombiniert. Die Entwicklungspartnerschaft ist auf viereinhalb Jahre angelegt und wird mit 21 Mio. Euro finanziert. Ziel ist es, bis 2027 einen modularen Ionenfallen-Quantencomputer zu entwickeln, der sich in die Supercomputing-Infrastruktur in Jülich einbinden lässt.

Wie entwickelt sich das Partnernetzwerk?

Das Forschungszentrum Jülich und DLR bilden den Kern unseres Netzwerks, darüber hinaus gehören aber viele weitere Unternehmen hinzu, beispielweise auf der Hardware-Ebene Vakuumspezialisten, Kryo-Spezialisten, Laser-Hersteller und Hersteller von optischen Elementen. Ich hatte ja bereits gesagt, dass der Kontakt zu Industriekunden essenziell für uns ist, denn gemeinsam mit ihnen schneiden wir die Hard- und die Software auf ihre speziellen Use Cases zu. So lernen wir, was genau die Industrie wirklich benötigt. Umgekehrt lernt die Industrie, welche Daten wir von ihnen benötigen, um brauchbare Systeme entwickeln zu können, die ihre Probleme tatsächlich lösen. Über diese Sichtbarkeit im Netzwerk ist übrigens Schwarz Digits, unser Lead-Investor, auf uns aufmerksam geworden. Umgekehrt bringt Schwarz Digits uns wiederum zahlreiche neue Industriekontakte, deshalb ist es für uns so wichtig, dass wir Schwarz Digits als Investor gewinnen konnten. Wir hätten uns keinen besseren Partner wünschen können, denn er bringt uns zahlreiche weitere Industriekontakte, verfügt selbst über umfangreiches Know-how und hat sich das Thema europäische Souveränität auf die Fahnen geschrieben.

Was genau können die industriellen Anwender dazu beitragen?

Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Es kommt für die künftigen realen Anwendungsfälle darauf an, dass die Probleme, die die Anwender mit Hilfe des Quantencomputing lösen wollen, so aufbereitet sind, dass sie der Arbeitsweise von Quantencomputern zugänglich werden. Dazu müssen die Anwender zunächst verstehen, was Quantencomputing eigentlich ist und bei welcher Art von Use Cases Quantencomputer hilfreich sein können. Dabei unterstützen wir sie. Dann sind sie so weit, dass sie die wichtigste Aufgabe angehen können: die Daten sammeln, die der Quantencomputer benötigt, um auf Basis der vorhandenen Algorithmen die Lösung der Aufgabe berechnen zu können. Das ist Neuland, weil für die Lösung von solchen hochkomplexen Problemen heute in der Regel noch keine Daten erhoben wurden. Denn diese Probleme galten bislang als unlösbar. Das verlangt eine ganz neue Herangehensweise und ein Umdenken. Deshalb müssen wir mit möglichst vielen Industriekunden zusammenarbeiten: Nur sie können die für die jeweiligen Probleme relevanten Daten erheben und zur Verfügung stellen. Erst damit werden Quantencomputer die Probleme lösen können, an denen herkömmliche Supercomputer scheitern.

Wie viele Quantenalgorithmen stehen überhaupt zur Verfügung?

In der Praxis unterscheidet man zwischen einigen Dutzend grundlegenden algorithmischen Konzepten. Jetzt kommt es darauf an, sie mit Hardware und Use Cases optimal zu kombinieren. Es geht also bei weitem nicht nur um die Maschinen und die Zahl der Qubits.

Dennoch – eleQtron versteht sich in erster Linie als Hersteller von Quantencomputern. Bis zu welcher Ebene entwickelt das Unternehmen Software?

Unsere DNA ist die Hardware, aber wir verstehen uns als Full-Stack-Anbieter. Das heißt, wir beschäftigen uns auch sehr viel mit Algorithmen und Software, um sie an die Use Cases anzupassen. Wie bereits ausgeführt, hängen beide mit der Hardware eng zusammen. Deshalb müssen wir uns auch um Betriebssysteme, Compiler und um die Anbindung an die klassische Computerwelt kümmern. Wer immer das machen will, muss die Hardware sehr tief verstehen. Das tun wir. Das zeigt sich auch daran, dass wir derzeit allein 20 Software-Experten beschäftigen.

Welches sind die wichtigsten Ziele, die über die nächsten zwölf Monate erreicht werden sollen?

Wir wollen unsere Standorte in Siegen und Hamburg weiter ausbauen und die Kapazitäten für den Bau unserer Quantencomputer deutlich erhöhen. Auf Basis unseres Partnernetzwerkes möchten wir die Quantencomputer und die Ingenieure in der Industrie so eng wie möglich zusammenbringen und viele neue Use Cases entwickeln. Das wird uns zusätzlichen Schwung für weiteres Wachstum geben.

Das Quantencomputing wird jetzt rasant an Fahrt aufnehmen. Da bin ich optimistisch, denn viele große Unternehmen entwickeln derzeit bereits ihre Roadmaps. Wir können sie dabei unterstützen.


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