Wegbegleiter blicken zurück

Als die Halbleiterwelt noch wild war

25. Juni 2026, 07:33 Uhr | Iris Stroh
Ex-Motorola Mitarbeiter auf dem Stammtisch
Gruppenfoto vom Stammtisch ehemaliger Motorola-Halbleiter-Mitarbeiter-/innen vom Mai 2026, mit Grußbotschaft an die M&T, von links nach rechts: Martin Meier, Edmund Eisler, Johanna Schneider, Helmut Barth, Ludwig Klingenbeck, Wolfgang Stammel, Klaus Schröder, Gerd Westphal, Eberhard Roesel, Roland Vollmer, Rosemarie Krause, Dieter Wojak, Jürgen Weyer, Anke Pickhardt, Andreas Wild, Toni Zollikofer, Solveig Lösch, Rainer Makowitz, Wolfgang Perthold, Wolfram Herold
© Solveig Lösch

Auch wenn die Halbleitersparte bei Motorola längst Geschichte ist, treffen sich ehemalige Mitarbeiter noch regelmäßig zu Stammtischen. Zum 50. Geburtstag der Markt&Technik plaudert die "Motorola-Gang" aus dem Nähkästchen.

Diesen Artikel anhören

Hier berichten einige Veteranen der Halbleiterindustrie von merkwürdigen, kuriosen und lustigen Erlebnissen, an die sie sich noch heute gerne zurückerinnern. Eines haben alle gemeinsam: Sie arbeiteten während der 90er Jahre bei Motorola, was durchaus ein Privileg war, galt Motorola damals doch als einer der begehrtesten Arbeitgeber der weltweiten Halbleiterindustrie. Einige von ihnen haben später den Arbeitgeber gewechselt, nicht aber den Schreibtisch, denn Motorola hat 2004 seinen Halbleiterbereich ausgegliedert, wodurch Freescale Semiconductor entstand, und 2015 erfolgte der Merger mit NXP Semiconductors. Andere wiederum sind längst zu anderen Firmen gestoßen oder erfreuen sich ihres Ruhestands. Doch die gemeinsame Zeit bei Motorola verbindet sie noch heute: Regelmäßig finden Stammtische statt, zu denen sich die »Motorola-Gang« trifft. Auch die Verbindung zur Redaktion der Markt&Technik ist über die vielen Jahre nicht abgerissen. Davon zeugen die folgenden Geburtstagsbeiträge ehemaliger Motorola-Mitarbeiter. Viel Spaß beim Lesen!

Power-PC-Park Cebit 1995

Der PowerPC-Park auf der CeBIT 95 wurde mit echten Pflanzen gestaltet. Es entstand eine einmalige Parklandschaft mit Wasserspielen, einem kleinen See und Inseln, auf denen sich die Aussteller präsentierten.

© Motorola GmbH

Edmund Eisler: CeBIT 95 mit unfreiwilliger »Schaumparty«

1991 gründeten Apple, IBM und Motorola die sogenannte AIM-Allianz. Ziel war es, der von IBM entwickelten RISC-POWER-Architektur zum Durchbruch zu verhelfen und eine Alternative zur dominierenden »Wintel«-Welt aus Intel und Microsoft zu schaffen. Die bis dahin von Apple eingesetzten 68000-CISC-Prozessoren hatten ihre Leistungsgrenze erreicht, und Apple entschied sich für den Umstieg auf die POWER-Architektur.

Um die Zusammenarbeit auch öffentlich sichtbar zu machen beschlossen die drei Unternehmen Ende 1994, auf der nur drei Monate später stattfindenden CeBIT 1995 mit einem gemeinsamen Stand aufzutreten. Dafür wurde ein gemeinsames Budget eingerichtet, wobei Motorola die Federführung für die Umsetzung übernahm.

Das Vorhaben war nahezu unmöglich: Für eine Messe von der Größenordnung der damaligen CeBIT betrugen die üblichen Vorlaufzeiten mindestens sechs Monate, zudem waren die relevanten Hallen bereits vollständig ausgebucht.

Nach intensiven Verhandlungen bot die Messegesellschaft an, die gesamte Halle 14 zu vermieten. Mit mehr als 10.000 Quadratmetern war sie für einen klassischen Messestand allerdings viel zu groß. Gleichzeitig bot sie einen entscheidenden Vorteil: Der Zugang vom Bahnhof Laatzen – ICE-Halt und wichtiger Messezubringer – führte direkt durch diese Halle. Jeder Besucher, der über Laatzen an- oder abreiste, musste Halle 14 passieren.

So entstand die Idee, einen großen Teil der Halle in eine Parklandschaft zu verwandeln. Mit echtem Gras, Bäumen, Sträuchern und Blumen wurde der »PowerPC-Park« geschaffen. Man darf nicht vergessen: Die CeBIT fand im März statt. Unser Messebauer, die Firma Walbert-Schmitz aus Aachen, leistete Außergewöhnliches, um die empfindlichen Pflanzen trotz winterlicher Temperaturen rechtzeitig und unbeschadet nach Hannover zu bringen.

Der Park bot einen kleinen See mit Fontänen und Wasserspielen, Ruhezonen mit Parkbänken sowie einen Imbiss- und Getränkestand. Auf einer Insel im See sorgte am späten Nachmittag Livemusik für eine entspannte Atmosphäre. Alle Beteiligten hatten in kürzester Zeit eine mediterran anmutende Landschaft in die Halle gezaubert, die sich deutlich vom üblichen Messealltag abhob.

Umso größer war das Entsetzen, als am zweiten Messetag ein unbekannter »Spaßvogel« Spülmittel in den See kippte und eine regelrechte Schaumparty auslöste. Dank des schnellen Einsatzes der Messefeuerwehr, die den See über Nacht abpumpte und neu befüllte, blieb der Schaden jedoch überschaubar.

Die Präsentationen von Apple, IBM und Motorola sowie der rund 60 Soft- und Hardwarehersteller, die kurzfristig für eine Teilnahme gewonnen werden konnten, waren auf verschiedenen Themeninseln verteilt. Während die drei Gründungsunternehmen jeweils eigene Bereiche belegten, präsentierten sich die übrigen Aussteller nach Anwendungsgebieten geordnet.

Die CeBIT 1995 wurde mit 755.000 Besuchern zur Rekordmesse. Zählungen ergaben, dass mehr als 200.000 Menschen den PowerPC-Park besuchten – ein beeindruckender Erfolg.

Trotz großer Erfolge im Embedded-Bereich konnte sich die POWER-Architektur letztlich nicht gegen die Wintel-Plattform durchsetzen. Wie so oft fehlte die breite Softwareunterstützung. Der Rest ist Geschichte.

Der PowerPC-Park auf der CeBIT 1995 blieb jedoch als eines der ungewöhnlichsten und eindrucksvollsten Messeprojekte der CeBIT in Erinnerung.

Iris Stroh und Ludwig Klingenbeck

Ausgelassene Stimmung beim WEKA-Sommernachtsfest 2019 ganz in weiß auf der Rooftop-Bar – Iris Stroh und Ludwig Klingenbeck

© Componeers GmbH

Ludwig Klingenbeck: Feste arbeiten und Feste feiern…!

Dem Markt&Technik-Team herzlichen Glückwunsch zum 50. Jubiläum! Ich durfte Euch 25 Jahre im intensiven Austausch begleiten. Dazu zählten Interviews oder auch Eure Forumsdiskussionen, bei denen in Expertenrunden sachlich diskutiert wurde und manches Mal die Köpfe rauchten. Für die verantwortlichen Redakteure bedeutete das aber nochmal ein ganz anderes Stück Arbeit, denn mehrere Stunden hitziger Diskussion mussten ja dann für die Leser in ein paar Seiten Artikel komprimiert werden. Da werden Eure Köpfe im Nachgang noch ganz anders geraucht haben! Ganz besonders geschätzt habe ich immer Eure Professionalität und Herzlichkeit, vielen Dank dafür!

Legendär waren auch immer Eure »Networking«-Sommerfeste, von denen man keines missen wollte und seine Geschäftstermine darum herum geplant hat. Mit Euch konnte man also nicht nur feste arbeiten, sondern auch Feste feiern…!

Solveig Lösch bei einer Akrobatikeinlage

Solveig Lösch wurde an ihrem Geburtstag für eine kleine Akrobatikeinlage im Motorola »Hard Ware Café« auserkoren (electronica 96)

© Motorola GmbH

Solveig Lösch: Wilde Zeiten!

Meine Zeit bei Motorola (1992 – 1997) habe ich in toller Erinnerung. Es war eine unglaublich dynamische, kreative, von Aufbruchstimmung geprägte Zeit – in der Halbleiterei im Allgemeinen, und bei uns im Unternehmen im Besonderen. Motorola Halbleiter war Marktführer auf vielen Gebieten, besaß Designcenter und Fertigungsstätten rund um den Globus und hatte Produkte von Weltruf. Als Pressereferentin Zentraleuropa war ich mittendrin im Geschehen. Ständig gab es irgendetwas anzukündigen - neue Produktgenerationen, neue Halbleiterprozesse, innovative Applikationen, später dann viele gemeinsame Projekte zusammen mit Apple und IBM im Rahmen der AIM-Alliance zur Förderung der PowerPC-Mikroprozessoren. Dementsprechend agil und abwechslungsreich war auch unsere Pressearbeit. Pressekonferenzen, Roundtables, Kamingespräche, Exklusiv-Interviews, Editorials, Reden für Konferenzen, auch internationale Pressereisen und natürlich die Pressearbeit rund um die zahlreichen Messeteilnahmen waren zu konzipieren und zu organisieren.

Es war nie langweilig! Besonders Spaß machten mir auch immer die direkten Kontakte mit der Presse. Den Austausch und die Zusammenarbeit fand ich extrem bereichernd, man begegnete sich häufig auf Pressekonferenzen und den Branchenevents, und so lernte ich auch die Redakteure der Markt&Technik näher kennen. Diese waren zum einen anerkannt für ihre hohe Fachkompetenz und zum anderen gefürchtet für ihre kritischen Fragen. Was mir aus dieser Zeit allerdings sehr positiv in Erinnerung geblieben ist, war die sehr konstruktive, wertschätzende und von gegenseitigem Respekt geprägte Zusammenarbeit mit den Medien - auch auf der Managementebene. Gerade wenn es in der Sache auch mal unterschiedliche Auffassungen gab, man hörte einander zu, tauschte sich aus und lernte voneinander. So kam es auch, dass man sich gerne traf – z.B. auf den alljährlichen, legendären Sommernachtsfesten der Markt&Technik bzw. des Verlags. Niemand wollte diese Feste verpassen, auch das Management nicht! Die Einladungen waren heiß begehrt, jeder wollte dabei sein beim alljährlichen „Who‘s who“ der Branche. Es wurde gefachsimpelt, gelacht und getanzt bis spät in die Nacht.

Auch bei Motorola – bei aller harten Arbeit, die über’s Jahr geleistet wurde - verstand man sich durchaus auch auf’s Partymachen. Äußerst beliebt war der traditionelle Kundenabend, den Motorola alle zwei Jahre während der electronica veranstaltete. Das Motto und der Ort des Geschehens wechselten - mal wurde auf dem Firmengelände ein Veranstaltungszelt für ein Variété-Event mit Dinner und Zirkuskünsten aufgebaut, mal wurde ein Club in München angemietet und dort für eine Nacht das »Hard Ware Café« aus dem Boden gestampft. Dieses Fest ist mir noch besonders gut in Erinnerung, denn ich hatte an diesem Tag Geburtstag und wurde dann natürlich zu einem der Show-Acts als »Freiwillige« auf die Bühne geholt – inklusive kleiner Akrobatikeinlage auf einer Art Musik-Motorrad!

Lustig ging’s auch immer am Ende einer electronica-Woche zu - die Messe umfasste damals noch den Samstag, und das war dann traditionell der Tag, an dem Horden interessierter Laien, meist Schülerinnen und Schüler mit ihren Eltern, durch die Messehallen zogen. Viele waren mehr daran interessiert, noch ein paar Werbegeschenke abzugreifen, als sich die technischen Neuerungen erklären zu lassen. An jenem Tag band sich unser Management dann die Schürzen um und schenkte an der Bar des eigenen Messestandes die Getränke für die Besucher aus, zum großen Vergnügen des Standpersonals.

Kurz und gut, es war eine tolle Zeit, voller Aufbruchstimmung, Dynamik, Action und der Freiheit, viele - auch mal spinnerte - Ideen umzusetzen. Man durfte bei Motorola alles sein, nur nicht langweilig! Ich persönlich hab in der Zeit so viele spannende Projekte erleben und so viele tolle Menschen kennenlernen dürfen, dass ich aus dieser Branche nie mehr wegwollte.

Die Markt&Technik als ein wichtiges Leitmedium dieser Branche und die sehr klugen und herzlichen Menschen, die dort arbeiten, habe ich in dieser Zeit kennen- und schätzen gelernt. Ich bin froh darüber, sagen zu können, dass die guten Beziehungen bis heute bestehen. Viele der damaligen Mitarbeitenden sind auch heute noch dabei - ist das nicht klasse? Da kann ich nur sagen – herzlichen Glückwunsch dem gesamten Team für 50 spannende und erfolgreiche Jahre – und von Herzen alles Gute für das nächste halbe Jahrhundert!

Let’s rock: Anke Pickhardt (li) und Sabine Jörg (re)

Let’s rock: Anke Pickhardt (li) und Sabine Jörg (re)

© Motorola GmbH

Anke Pickhardt: electronica 1996 mit Superstimmung

Motorola hat - schon fast traditionell - den ersten Messetag mit einer Pressekonferenz abgeschlossen. Das europäische Management präsentierte aktuelle Zahlen, Fakten und Trends des Halbleiterbereichs. Anschließend konnten Redakteure, Kunden und Mitarbeiter den Messestress vergessen und den Abend in der unverwechselbaren Atmosphäre des »Hard Ware Café« genießen.

Beim Eintreffen in der Münchner Discothek »Pur« gab es zunächst zahlreiche ungläubige Blicke, als jedem Gast ein entsprechend »gebrandetes« T-Shirt überreicht wurde. Doch schnell stellten alle eines unter Beweis: wir verstehen es nicht nur zu arbeiten, sondern mindestens ebenso gut zu feiern. Beim Beat der Musik konnte niemand lange ruhig auf dem Stuhl sitzen und ließ sich von Showeinlagen, u.a. im Stil der Blues Brothers, mitreißen. Pures Vergnügen - und das bis tief in die Nacht hinein.

Carl-Franz von Quadt und Gerd Westphal, in den 1980er Jahren

Carl-Franz von Quadt und Gerd Westphal, in den 1980er Jahren

© Componeers GmbH

Gerd Westphal: Wer nicht fragt, der nicht gewinnt…!

Motorola München war das europäische Hauptquartier für zwei Produktfamilien: die TTL-Logikfamilie sowie die ASICs. Hier befand sich die Zentrale für Marketing, Preisgestaltung und die technische Unterstützung für Europa.

Geleitet wurden die Produktfamilien von einem Operation Manager. Einmal im Jahr wurden sogenannte Strategy Meetings abgehalten, meistens im Headquarter in Phoenix, Arizona. Der Hauptzweck war die Planung und Festlegung des Umsatzes für das nächste Geschäftsjahr sowie die damit verbundenen Investitionen in Manpower und Hardware.

In meiner Funktion als Operation Manager ASIC Europe nahm ich daran teil, wie auch der damalige Marketing Manager (Jürgen Weyer) sowie der Engineering Manager (Dr. Franz Riedelberger).

Am Ende eines derartigen Meetings 1993 in Phoenix fragte mich mein US-Chef plötzlich, wo das nächste Meeting stattfinden sollte. Ich war etwas überrascht, da alle Meetings bisher in den USA stattgefunden hatten. Ich schlug spontan Japan vor. Antwort: »Great Idea!«. Damit hatte ich nicht gerechnet! Man muss dazu wissen, dass zu dieser Zeit unsere Umsätze in Japan sehr überschaubar waren und unser Team dort entsprechend klein ausfiel.

Aber die Entscheidung war getroffen. So flogen wir dann 1994 mit einem Team von Mitarbeitern aus den USA und Europa nach Japan, das zahlenmäßig größer war als die Anzahl der Mitarbeiter in Tokyo damals.

Es war ein sehr erfolgreiches Meeting - soweit ich mich erinnere, waren die Reisekosten damals kein großes Thema, und der Besuch hatte sowohl auf Seiten der Gäste wie auch der Gastgeber eine große motivationsfördernde Wirkung.

Jürgen Weyer auf einem Forum der Markt&Technik

Jürgen Weyer auf einem Forum der Markt&Technik

© Componeers GmbH

Jürgen Weyer: Nichts ist beständiger als der Wandel

Es ist völlig richtig, dass heutzutage alles noch schnelllebiger geworden ist und das Tempo, in dem sich Veränderungen gerade in der Halbleiterei vollziehen, nochmals angezogen hat. Aber diese Branche war schon immer von großer Dynamik gekennzeichnet, und so war auch ich in meinen 40 Jahren Halbleiterkarriere bei Motorola, Freescale und NXP von vielen fundamentalen Veränderungen betroffen. Als kleines Beispiel: Anfang 2000 haben wir aus München den ersten synthetisierbaren Microcontroller für Automotive mit Technologie von einem Auftragsfertiger – auch als »Foundry« bezeichnet – vorgestellt. Das Feedback meiner Kunden war von großer Skepsis geprägt, nach dem Motto: »Ihr glaubt doch nicht, dass wir Produkte einsetzen werden, die nicht aus eigener Fertigung kommen!«. Nun ja, wie wir alle wissen: 25 Jahre später geht nichts mehr ohne TSMC und Co.! Dies war ein fundamentaler Wandel, und wir haben gelernt, wenn wieder einmal jemand sagt, etwas ginge überhaupt nicht, dann sollte man vorsichtig sein, denn irgendwo auf der Welt hat jemand das Problem schon gelöst!

Fränkische Finessen: Persönlich durfte ich einmal auf einer Pressekonferenz neue DSPs vorstellen - und wie macht man das als Franke, der speziell mit der Aussprache der »harten t’s« so seine Probleme hat??? Na ja - einfach das erste Wort weglassen und »Signalprozessoren« präsentieren! Was sicherlich bei all denjenigen, die mich gut kennen – darunter natürlich auch bei den Redakteuren der Markt&Technik - zu einem Schmunzeln geführt hat!

Der Markt&Technik weiterhin viel Erfolg! Es grüßt der »disruptive« Rentner aus Freising.

Mund mit rausgestreckter Zunge
© Bild von Adobe Stock: Datei Nr.: 408783494

Toni Zollikofer: Der Text macht die Musik…

Ein beliebter Trend im Marketing war und ist es ja, bekannte Songs als Hintergrundmusik für die eigene Werbung einzusetzen, um damit ein Lebensgefühl, Stimmungen und Emotionen zu transportieren. Mitte der 90er Jahre war hier Microsoft mit gutem Beispiel vorangegangen; diese Firma hatte nämlich für eine Marketingkampagne zum Start von Windows 95 den Song »Start Me Up« von den Rolling Stones lizensiert, der sogar beim Bootvorgang von Windows kurz angespielt wurde.

Rolling Stones, richtig cool, das können wir auch, dachte man sich vermutlich bei Motorola in den USA und lizensierte den Stones-Song »You can‘t always get what you want«. Ein Video eines damaligen Werbespots von 1998, für die Mobiltelefonsparte konzipiert, ist heute noch auf YouTube abrufbar (Rolling Stones Motorola Commercial (1998) - YouTube).

Die Investition in die Lizenz für diesen Song sollte weitestgehend ausgeschöpft werden. Die Motorola-Deutschlandzentrale in Wiesbaden hatte deshalb bestimmt, dass die Telefonanlagen der deutschen Motorola-Geschäftsbereiche, auch die der Halbleitersparte in München, diesen Song als Wartemusik benutzen sollten.

Das Timing dafür war für die Halbleitersparte allerdings denkbar ungünstig. Zu dieser Zeit befand sich die Halbleiterwelt nämlich gerade mal wieder in einer Verknappungsphase, und damit natürlich auch Motorola Halbleiter.

Kunden, die kurz vor oder schon in einem Produktionsstillstand waren, deshalb dringend mit jemandem vom Vertrieb sprechen wollten, wurden also mit der Textzeile »You can‘t always get what you want« beglückt.

Es gibt keine offiziellen Erhebungen darüber, wie die Mehrheit der Kunden dies aufgenommen hat (oder wie viele überhaupt davon Notiz genommen haben) – es gab allerdings genügend Beschwerden, so dass die Halbleiter-Geschäftsführung schleunigst in der Motorola-Deutschlandzentrale in Wiesbaden vorstellig wurde.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, welche Art von langweiliger Wartemusik kurz darauf wieder an der Telefonanlage zu hören war, es war aber definitiv günstiger für den Blutdruck der Kunden als »You can‘t always get what you want«.


Lesen Sie mehr zum Thema