1976 schließt Markt&Technik die Informationslücke zwischen deutscher Elektronikindustrie und globalen Trends aus USA und Japan. Heute verändert KI radikal Recherche, Entwicklung, Einkauf, Produktion und Kommunikation. Das Erfolgsrezept bleibt: dem Markt folgen, Veränderungen erkennen und anwenden.
Am 4. Oktober 1976 lag die Nullnummer von Markt&Technik auf meinem Schreibtisch. Ich erinnere mich an den Geruch der frischen Druckerschwärze, an das ungläubige Lächeln eines Mitstreiters und an den Satz, den ich an diesem Abend dachte: „Wenn das gelingt, verändern wir eine ganze Branche.“ Es gelang. Heute, fünfzig Jahre später, sitze ich wieder vor einem leeren Blatt – und denke denselben Satz. Diesmal heißt der Auslöser nicht Halbleiter aus Silicon Valley. Diesmal heißt er Künstliche Intelligenz.
Wir hatten damals keinen Internet-Zugang, keine Echtzeit-Kurse aus Tokio, keine Datenblätter per Mausklick. Wir hatten Telex, Telefon, Fluggepäck voller Prospekte – und einen Hunger auf das, was draußen in der Welt passierte. In den USA explodierten gerade die ersten Mikroprozessoren in den Markt, Intel hatte den 8080 etabliert, Motorola den 6800, Zilog stand mit dem Z80 in den Startlöchern. In Japan trieben NEC, Toshiba und Hitachi die DRAM-Fertigung auf ein Niveau, das in Europa kaum jemand für möglich hielt. Und in Deutschland? Siemens, AEG-Telefunken, Valvo, ITT Intermetall – starke Namen, aber oft im Blindflug, weil niemand systematisch zusammentrug, was wirklich passierte.
Genau diese Lücke wollten wir schließen. Techniker brauchten Wissen für den nächsten Schaltungsentwurf. Einkäufer brauchten Markttransparenz, bevor sie sechsstellige Stückzahlen orderten. Geschäftsführer brauchten den Blick auf das, was in zwölf Monaten ihre Produkte ablösen würde. Markt&Technik wurde gegründet, um diese drei Welten an einen Tisch zu bringen.
Drei Kräfte trieben uns – und ich erinnere mich an sie, als sei es gestern gewesen:
Der Markt selbst: Die Elektronik wurde gerade zur Schlüsseltechnologie der Industrie. Wer früh dabei war, gewann.
Der Informations- und Erfolgshunger: Ingenieure und Manager wollten verstehen, mitgestalten, gewinnen – und sie waren bereit, darüber zu lesen.
Unser eigener Anspruch: Wir wollten das beliebteste und meistgelesene Fachblatt der Branche werden. Nicht aus Eitelkeit, sondern weil wir wussten: Mit starker, punktgenauer Information erschließt man neue Märkte.
Die konsequente Ausrichtung an die Akzeptanz unserer Leser hat sich als Erfolgsrezept erwiesen – und in messbare Erfolge verwandelt. Das ist kein Zufall. Das ist ein 50 Jahre altes Rezept, kontinuierlich weiterentwickelt. Und die Erkenntnis ist gleichzeitig die Aufforderung: Wer dem Markt folgt, die Veränderungen erkennt und anwendet, bleibt gefragt und geliebt.
Vor 50 Jahren war Information knapp. Heute ist sie im Überfluss vorhanden – und genau das ist das Problem. Ein Embedded-Entwickler, der heute einen passenden Mikrocontroller sucht, steht nicht mehr vor zwei Datenblättern, sondern vor zweitausend. Ein Einkäufer, der Allokationsrisiken bei MLCCs oder Power-MOSFETs bewerten will, sieht sich mit Lieferketten-Daten aus dreißig Ländern konfrontiert. Eine Marketing-Verantwortliche bei einem Distributor jongliert zwischen LinkedIn, Webinaren, Newslettern, Podcasts und SEO. Die Information ist da. Was fehlt, ist die Verdichtung zur Entscheidung.
Genau hier setzt KI an. Sie ordnet, filtert, fasst zusammen, vergleicht und erzeugt – in einer Geschwindigkeit, die noch vor drei Jahren undenkbar war. Die Herausforderung lautet darum heute: Erkennen, Anwenden und Beherrschen der Künstlichen Intelligenz.
Im wesentlichen sind es vier Umbrüche, die wir gerade live erleben:
Die Informationssuche dreht sich um 180 Grad. Statt mit Suchmaschinen-Stichworten beginnt Recherche heute mit einem Dialog. Ein Hardware-Entwickler fragt ein Sprachmodell: „Welcher Buck-Converter liefert 3 A bei 95 % Wirkungsgrad und kostet unter 80 Cent?“ – und bekommt in Sekunden eine sinnvolle Vorauswahl. Wer als Hersteller, Distributor oder Fachmedium nicht in diesen Antworten vorkommt, existiert für den nächsten Designentscheid praktisch nicht.
KI verwandelt Entwicklung und Produktion. In Layout-Tools generieren KI-Engines Platinen-Routings, die ein erfahrener Layouter in Tagen entwerfen würde, in Minuten. In der Fertigung erkennen visuelle KI-Systeme Lötfehler auf SMT-Linien zuverlässiger als das menschliche Auge. Predictive Maintenance an Bestückungsautomaten spart sechsstellige Beträge pro Linie und Jahr. Und in den großen Halbleiter-Fabs steuern Reinforcement-Learning-Modelle Belichtungsprozesse mit einer Präzision, die noch vor fünf Jahren utopisch war.
Workflows zwischen Anbieter und Abnehmer werden neu gedacht. KI-Agenten beraten in Distributor-Shops technisch, beantworten Datasheet-Fragen, schlagen Alternativen bei abgekündigten Bauteilen vor und bereiten Angebote vor, die früher zwei Tage Sales-Engineering gebunden hätten. Die Folge: Sales-Mannschaften werden kleiner, qualifizierter, strategischer – und der gute Account Manager wird nicht überflüssig, sondern wertvoller denn je.
Fachjournalismus und Branchen-Marketing wachsen über sich hinaus. Wer KI klug einsetzt, recherchiert tiefer, ordnet schneller ein, schneidet präziser auf Zielgruppen zu – und gewinnt Zeit für das, was bleibt: persönliche, vertrauensbildende Gespräche, Vor-Ort-Reportagen, Interpretation. KI ist hier kein Ersatz, sondern ein Verstärker. Die schlechte Nachricht für Mittelmäßigkeit: KI hebt das Niveau, unter dem nichts mehr funktioniert.
Erlauben Sie mir an dieser Stelle einige persönliche Beobachtungen, die nicht aus Lehrbüchern stammen, sondern aus fünf Jahrzehnten am Rand und im Zentrum dieser Branche.
Die Elektronik hat KI nicht nur erlebt – sie hat KI ermöglicht. Ohne die Fortschritte bei GPUs von Nvidia, ohne HBM-Speicher aus Südkorea, ohne energieeffiziente SoCs von ARM-Lizenznehmern, ohne CoWoS-Packaging von TSMC, ohne High-Speed-Interconnects und PCIe Gen6 gäbe es keine großen Sprachmodelle, keine Edge-AI, keine autonomen Systeme. Die Branche, die wir seit 50 Jahren begleiten, ist das physische Rückgrat der KI-Revolution. Das ist eine bemerkenswerte Position – und eine Verantwortung.
KI ist kein Werkzeug, das man kauft. Sie ist eine Fähigkeit, die man kultiviert. Wer glaubt, mit dem Kauf einer Lizenz sei es getan, wird enttäuscht. Wer iterativ probiert, prompt-engineert, Daten kuratiert, Mitarbeiter schult und Prozesse umbaut, wird belohnt. Die Trennlinie zwischen Gewinnern und Verlierern verläuft nicht zwischen Konzern und Mittelstand. Sie verläuft zwischen Neugier und Selbstgefälligkeit.
Die KI-Revolution hat natürlich auch Verschiebungen im Fachjournalismus zur Folge: Geschwindigkeit wird demokratisiert. Jeder Hersteller kann heute in Minuten saubere Pressetexte erzeugen. Der Wert von Fachmedien verschiebt sich darum noch stärker auf das, was KI nicht hat: Einordnung, kritische Distanz, persönliches Netzwerk, Erinnerung an drei Konjunkturzyklen. Genau das, was eine Redaktion mit fünfzig Jahren Geschichte bietet.
Zudem entstehen neue Formate: Personalisierte Newsletter, die für den BMS-Entwickler bei einem E-Bike-Hersteller anders aussehen als für den Power-Designer bei einem Wechselrichter-Lieferanten. KI-gestützte Lieferantenvergleiche in Echtzeit. Sprach-Interfaces zum Fachwissen-Archiv. Wer die nächste Dekade prägen will, baut diese Formate jetzt – nicht 2028.
In diesem Umfeld werden kuratierte, geprüfte Datenbestände zu Gold. Zigtausende Fachartikel und Firmenprofile sind nicht Archiv – sie sind Trainingsmaterial, Referenz, Vertrauensanker in einer Welt, in der KI-generierte Inhalte explodieren. Wer geprüfte Quellen besitzt, sitzt 2030 auf einem Vermögen.
Umgekehrt gilt aber auch: KI verstärkt, was vorhanden ist. Wer schlechte Prozesse hat, bekommt schnelleres Chaos. Wer keine klare Strategie hat, bekommt automatisierte Beliebigkeit. Wer halbgares Datenmaterial einspeist, bekommt halbgare Ergebnisse in Hochglanz-Optik – was gefährlicher ist als ein offensichtlicher Fehler. Die Technologie ersetzt keine Führung, keine Strategie, keine Kultur. Sie macht sie sichtbarer.
Gibt es ein Rezept? Ja. Es ist im Prinzip einfach, in der Umsetzung anspruchsvoll:
Passende Anwendungen lernen. Welche KI für welche Aufgabe? Generative für Texte, Vision-Modelle für Inspektion, Forecasting-Modelle für Disposition.
Eine Vielfalt ausprobieren. Nie auf einen Anbieter wetten. Der Markt bewegt sich zu schnell.
Ständig testen. Mit echten Daten, echten Mitarbeitenden, echten Kunden – nicht im Pilot-Labor.
Mit Sorgfalt einführen. Pilotieren, messen, ausrollen. Nicht andersherum.
Vorschriften beachten. EU AI Act, DSGVO, branchenspezifische Auflagen – ernst nehmen, nicht umgehen.
Gefahren erkennen und beseitigen. Halluzinationen, Bias, IP-Lecks, Abhängigkeiten – aktiv adressieren.
Auf keinen Fall: ignorieren oder verdrängen.
Wer abwartet, verliert. Wer blind übernimmt, riskiert. Der Mittelweg – informierter, kritischer, mutiger Pragmatismus – ist der richtige.
Für eindeutige Antworten ist es noch zu früh. Aber einiges ist sicher: KI wird vieles umkrempeln. Ein Zurück wird es nicht geben. Wer frühzeitig den Nutzen erkennt und damit arbeitet, bleibt im Rennen.
Elektronik ist nicht nur das Gold von heute – es kommt noch besser. Elektronik und Künstliche Intelligenz sind füreinander geschaffen. Sie vereinen sich zur Super-Business-Energie, die unsere Welt mit rasendem Tempo verändert.
Ein Tempo, das vor uns abläuft wie ein unwirklicher, schlecht greifbarer Film – mit neuen Darstellern in jeder Szene, neuen Wegen, neuen Wirklichkeiten. Für manche ein Angsttraum. Für uns nicht. Wir wissen: Elektronik und KI sind die Riesenchance. Wir können die Veränderungen beeinflussen – ja, sogar bewegen.
Der Zug hat reichlich Tempo aufgenommen. 200 km/h. Rasend. KI diktiert das Tempo – 24/7. Deutlich schneller als ein deutscher Bürger in einer 40-Stunden-Woche. Das ist keine Drohung, sondern eine Einladung: Wer mitdenkt, wer mitlernt, wer mitgestaltet, bestimmt die Richtung mit.
Fünfzig Jahre Markt&Technik haben mir eines beigebracht: Wer dem Markt zuhört, Veränderungen erkennt und sie anwendet, bleibt relevant. Das galt 1976, als wir die Informationslücke schließen wollten. Das gilt 2026, um die KI-Lücken zu schließen – zwischen denen, die sie nutzen, und denen, die sie verpassen.
Die nächsten fünfzig Jahre gehören denen, die Elektronik und KI als das verstehen, was sie sind: das stärkste Doppelpack, das unsere Industrie je gesehen hat.