Ein Gespräch mit dem Co-Gründer der Markt&Technik, Carl-Franz von Quadt, über die Elektronikbranche der 1970er-Jahre, die fantastische Entwicklungsgeschichte eines Startups und die Probleme, die zu schnelles Wachstum und das Aufkommen des Internets für eine Elektronikfachzeitung bedeuteten.
Markt&Technik: Ein halbes Jahrhundert Markt&Technik – was hat Sie und Otmar Weber damals dazu veranlasst, etwas ganz Neues in der deutschen Elektronik-Fachzeitungsbranche zu wagen? Eine Wochenzeitung!
Carl-Franz von Quadt: Weber und ich kannten uns aus der gemeinsamen Zeit bei Honeywell Computers. Ich war dort Assistent der Geschäftsführung, er war im Computer-Verkauf tätig. Nach dieser Zeit hatte ich eine Werbeagentur eröffnet, und Weber war Geschäftsführer der Computerwoche geworden. Es ergab sich dann, dass der US-Verleger Pat McGovern, der unter anderem IDG gegründet hatte und in den USA ein MiniMicro-Magazin herausgab, über Otmar Weber an mich herantrat, um die Marktchancen für eine solche Zeitung in Deutschland zu eruieren. Ich habe das getan, aber es gab dafür aus meiner Sicht keinen Markt in Deutschland. Gleichzeitig hatte ich aber auch noch die Marktchancen für eine Wochenzeitung untersucht, die sich vor allem dem Bauelemente- und Komponentenbereich widmen und auch die rasch wachsende Distributionsszene in Deutschland beinhalten sollte. Fakt war einfach: Wenn jemand etwas Neues vorstellte, dauerte es aufgrund der damaligen Erscheinungszyklen in der damaligen Fachzeitungsbranche bis zu drei Monate, bevor diese Nachrichten bei interessierten Lesern ankam.
Es gab also eine Marktlücke. Wie schnell wurde diese Idee einer Wochenzeitung dann umgesetzt?
Wir hatten uns mit der Idee im Sommer 1976 beschäftigt. Konkret wurde es dann im August. Und wir standen etwas unter Zugzwang, denn wir wollten mit dieser Wochenzeitung auf der electronica 1976 präsent sein. Eigentlich sollte die Zeitung ja Marketing&Technologie heißen, aber der Name war bereits besetzt. Doch der Rechtsanwalt, mit dem wir zu diesem Thema zusammenarbeiteten meinte: „Markt&Technik wäre doch viel besser als Marketing&Technologie.“ Wir sind mit einem Tabloid-Format herausgekommen, weil die Druckerei einen entsprechenden Großauftrag hatte und unsere 30.000 Exemplare einfach über dieselbe Druckerstraße laufen ließ. Ein Tauschgeschäft mit Elektronik2000 brachte uns 30.000 Adressen, und so sind wir dann gestartet.
Beschreiben Sie doch mal die damalige Elektronikbranche.
Das Marktgeschehen wurde damals von amerikanischen Unternehmen wie National Semiconductor, Texas Instruments oder Digital Equipment bestimmt. Das waren auch unsere ersten Anzeigenkunden, wobei unser allererster Anzeigenkunde Hans Knürr war, der damals junge Chef des Münchner Schaltschrankbauers Knürr. Seine erste Jahresbuchung hat uns zu Beginn sehr geholfen.
Sie haben sich ja damals nicht nur durch das Format und die wöchentliche Erscheinungsweise vom Wettbewerb unterschieden, Sie haben auch ziemlich schnell eine Rubrik Marktübersichten eingeführt.
Unsere Zielgruppe als Leser waren die Entwicklungs- und Marketing-Chefs. Es war nie unser Anspruch, in Bits und Bytes zu gehen. Unser Ansatz war vielmehr, die Anwender in den Firmen schnell und umfassend darüber zu informieren, was Neues auf den Markt kam und welche Möglichkeiten sich den Entwicklern damit boten. Wir wollten einen Mehrnutzen bieten und haben deshalb bereits in den ersten Monaten unseres Erscheinens Marktübersichten ins Heft aufgenommen. Natürlich haben wir auch darauf gesetzt, dass die in diesen Marktübersichten und in den thematischen Schwerpunkten vorkommenden Firmen dann Anzeigen im Heft schalten würden. Da sollte schon eine gewisse Sogwirkung entstehen! Um uns schnell in der Branche bekannt zu machen und Netzwerke zu knüpfen, haben wir auch bereits 1977 unser erstes Sommerfest veranstaltet. Eine Tradition, die ja bis heute fortgesetzt wird.
Wie schnell wurde Ihnen klar, dass diese Entscheidung für eine Wochenzeitung die richtige war?
Das wurde sehr schnell klar! Der Bedarf an dieser schnellen Information war riesig! Wir waren bereits in unserem ersten Jahr profitabel und haben unseren Umsatz in den ersten 10 Jahren jährlich um 50 Prozent gesteigert. Ja, es war die richtige Entscheidung!
Die Wochenzeitung war ja erst der Anfang. In relativ kurzer Zeit kamen noch verschiedene Special-Interest-Zeitungen im Computerbereich dazu und dann noch der Buchverlag. Eine Zeit, in der einfach alles ging?
Alle diese Aktivitäten waren getrieben von Kunden- und Leserwünschen! Wir standen auf Messen und Veranstaltungen immer im direkten Kontakt mit der Branche. Bei den Büchern war es so, dass wir zu Beginn die Bücher anderer Verlage versendet haben. Aber dann haben sich Themen wie der Commodore so aufgedrängt, dass wir uns dazu entschlossen haben, eigene Bücher zu produzieren. Geschwindigkeit war in diesem Metier alles, aus diesem Grund haben wir unseren 20 wichtigsten Autoren damals bereits Computer besorgt. Ganz ähnlich war das mit den Special-Interest-Zeitungen. Wir wollten nah an die User ran, und wir haben die Firmen gefragt, was sie vorhaben. So sind unter anderem Computer Persönlich, das Atari-Magazin und PCgo entstanden. Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre bestand auf der User-Seite einfach ein riesiges Informationsbedürfnis. Man darf auch nicht vergessen, dass viele der User daran interessiert waren, mit dem Computer etwas ganz Neues anzustellen. Viele wollten selbst irgendetwas programmieren. Die einzige Möglichkeit, sich darüber zu informieren, wie man das tun könnte, waren damals Fachzeitungen oder Bücher.
Natürlich hat sich nicht jeder in der Branche über den Erfolg der Markt&Technik gefreut. Sie galt schnell als „Bild-Zeitung der Elektronikbranche“. Hat Sie diese etwas despektierliche Einschätzung gestört?
Nein, überhaupt nicht. Zu jener Zeit hatte die Bild-Zeitung eine tägliche Auflage von über 6 Millionen Exemplaren! Man konnte das auch als Ritterschlag interpretieren. Uns war klar: Wir waren nicht die Tiefsten, wir haben nicht alles von A bis Z erklärt. Aber wir haben über die entscheidenden Entwicklungen und Trends in der Branche berichtet, und diese fast wirtschaftsjournalistische Vorgehensweise war bis dahin in der Fachzeitungsbranche unüblich. Man hätte auch sagen können: Markt&Technik-Leser wissen mehr.
In der Expansionsphase der Anfangsjahre kam der Verlag auch in die USA. Wie kam es dazu?
Anfang der 1980er-Jahre war dBase II der Standard für Datenbank-Applikationen. Es war eine Anwendung, in der man mit Kommandos Datenbanken erzeugen, Tabellen anlegen und mit Inhalten versehen konnte. Das war bei den Usern sehr beliebt, und wir wollten diese Software haben, um sie über Markt&Technik vertreiben zu können. Dazu brauchten wir einen Stützpunkt in den USA. Wir kamen in Kontakt mit einem Mitarbeiter von Dr. Dobb´s Journal, und eins ergab das andere. Ab 1981/82 bekamen wir dann aus unserer US-Niederlassung große Pakete mit Software-Produkten geschickt. In der Hochphase unseres US-Engagements beschäftigten wir knapp 150 Mitarbeiter in den USA.
Eine Ihrer persönlichen Vorgaben war, dass die Markt&Technik nicht über Militärtechnik berichten sollte. Würden Sie heute angesichts der „Zeitenwende“ an dieser Vorgabe noch festhalten?
Was vielleicht dogmatisch klingen mag, war in meinen Augen schlicht dem Umstand geschuldet, dass der Militärtechnikmarkt in Deutschland, einfach zu klein war, um für uns von Bedeutung zu sein. Dass damit auch eine gewisse Attitüde verbunden war, war mir ehrlich gesagt ganz recht. Angesichts der „Zeitenwende“ würde ich das heute allerdings anders bewerten.
Markt&Technik war im besten Sinne des Wortes ein überaus erfolgreiches Startup – es ging in den ersten Jahren nur aufwärts. Wann traten in Ihrer Wahrnehmung die ersten Wachstumsschmerzen auf?
Wir waren in jedem Jahr profitabel, aber unser Hauptgeschäft war der Anzeigenverkauf, und dort erfolgte der Zahlungseingang oft erst nach 90 Tagen. Unsere Mitarbeiterzahl war massiv gewachsen, wir haben beispielsweise allein um die 75 Mitarbeiter in der Herstellung beschäftigt. Aufgrund der langsamen Geldrückflüsse traten Liquiditätsprobleme auf. Unsere Lösung war 1984 der Börsengang, den wir zusammen mit der Deutschen Bank durchgeführt haben. Er sorgte für eine Liquiditätsreserve von 10 Millionen Mark im Haus.
War der Höhepunkt der Wachstumsphase erreicht, als die electronica-Ausgabe 1986 einen Umsatz von 1 Million Mark generierte?
Es mag abgedroschen klingen, aber der Himmel war für uns damals wirklich die Grenze, wir kannten nur aufwärts! Das Ganze hatte eine Dimension angenommen, in der ich Weber vorschlug, wir beide sollten, wie in den USA üblich, als Chairman in den Aufsichtsrat wechseln und das operative Geschäft Spezialisten überlassen. Ich ging 1988 in den Aufsichtsrat, Weber blieb im Vorstand. Wir hatten in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre immer noch Wachstumsraten von 30 Prozent, aber 1989 kam es zu den ersten Millionenverlusten. Schließlich verließ Weber den Vorstand, und ich kam 1992 in den Vorstand zurück. Das Geschäft war Ende der 1980er-, Anfang der 1990er-Jahre schwieriger geworden, das Informationsbedürfnis der Menschen hatte sich verändert.
Mit dem Verkauf des Buchverlags an Paramount begann dann die letzte Phase vom Markt&Technik Verlag. Kündigte sich damals bereits das Ende des Print-Geschäfts an?
Als ich in den Vorstand zurückkam, war es meine Aufgabe, die Verluste aufzufangen, und das ließ sich nur noch über Teilverkäufe realisieren. Aber es ist richtig: Die schnelle Verbreitung von Nachrichten über das Internet hat viel von der schnellen Informationsbeschaffung übernommen, die uns bis dahin so erfolgreich gemacht hatte. Letztlich führte all das dazu, dass 20 Jahre nach ihrer Gründung die dann zum MagnaMedia Verlag gehörende Markt&Technik im August 1996 von der WEKA-Gruppe übernommen wurde.
Sie sind auch nach dem Verkauf Ihrer Verlegerpassion treu geblieben. Ihr Börsen-Interesse hatte bereits zu Zeiten vom Markt&Technik Verlag zur Gründung von Börse Online geführt. Ende der 1990er-Jahre haben Sie mit H2Q einen Info-Dienst für die Börse gegründet und Anfang der 2000er Jahre den metys Verlag, mit dem Sie Laien im IT-Bereich mit den notwendigen Informationen versorgen wollten. Sind Sie da noch aktiv?
Nein. Im Fall des Börsen-Informationsdienstes hatten wir vielleicht das falsche Bezahlmodell gewählt, und im Fall metys war die Zeit der Informationsvermittlung mittels Büchern wohl bereits vorbei.