Dr. Ulrich Giese, Head of Power Semiconductor Product Unit von NEC Electronics, beurteilt die Situation etwas anders: Seiner Ansicht nach lassen sich Lieferengpässe nicht auf bestimmte Halbleiterproduktgruppen beschränken, vielmehr sind davon mehr oder minder alle Produktgruppen betroffen. Giese argumentiert: »Die Lager sind leergefegt und das betrifft alle Produkte und alle Glieder der Lieferkette. Ist aber das Lager leer und es muss trotzdem ein Bedarf schnell gedeckt werden, dann führt das zwangsläufig zu Engpässen – wiederum entlang der ganzen Kette.«
In einem anderem Punkt stimmt Giese Wolinski allerdings zu: Auch er bemängelt die Transparenz im Bestellverhalten. So hätten Kunden noch bis vor kurzem erklärt, dass bis Ende des Jahres kein Lieferbedarf mehr bestehe. Jetzt wiederum wollen die gleichen Kunden innerhalb von drei bis vier Wochen Produkte auf dem Tisch liegen haben. Dieses Verhalten führt Giese auf zwei Dinge zurück: Zum einen sind die Kunden bis vor kurzem noch davon ausgegangen, dass die Nachfrage gegenüber der Vorkrisenzeit auf einem deutlich geringeren Niveau bleibt und mit den verfügbaren Produkten gedeckt werden kann.
Nachdem sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen jetzt aber doch leicht gebessert haben, sind sie mit einem unerwarteten Mehrbedarf konfrontiert. Zum anderen haben viele Kunden festgestellt, dass sie mit einem vollkommen leergefegten Lager auch nicht arbeiten können. Die beim Halbleiterhersteller platzierten Aufträge spiegeln also sowohl wieder, dass die Nachfrage im Markt steigt, als auch, dass die Kunden Lagerbestände aufbauen. Giese erklärt nüchtern: »Wir sind froh, wenn wir den erhöhten kurzfristigen Bedarf unserer Kunden abdecken können.
Bis die Lager wieder auf ein komfortables Niveau aufgefüllt sind, dauert es sicherlich noch einige Zeit.« Allerdings befürchtet er, dass bereits wieder Doppelbestellungen getätigt werden. »Keiner weiß, was die nächsten Monate bringen werden. Jeder geht davon aus, dass der Tiefpunkt überwunden ist und der Markt tatsächlich wieder anzieht. Aber welches Niveau er in naher Zukunft erreichen wird, mag und kann keiner vorhersagen. Dementsprechend agiert jeder in der Lieferkette mit äußerster Vorsicht. Dass es dadurch zu Engpässen kommen muss, ist ein Phänomen, mit dem die Halbleiterindustrie seit ihrem Bestehen zu kämpfen hat.«