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Interview mit Rainer Krauss, Kurtz Ersa

»Die Bevölkerung wäre bereit dafür«

Kurtz Ersa
Kompakte Selektivlötanlage Versaflow One. Die Bedienung erfolgt über Ersasoft 5, eine intuitive Anlagensoftware aus eigener Entwicklung.
© Kurtz Ersa

Das Lötanlagen-Sortiment von Kurtz Ersa gehört zu den breitesten der Branche. Angefangen hat alles mit einem einzigen Patent.

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Rainer Krauss, Ersa: »Mit der Versaflow One wollen wir Selektivlötgeräte und -Apparate ersetzen, die von wenigen amerikanischen bzw. europäischen und vielen asiatischen Anbietern auf dem Markt sind, aber hinsichtlich Technologie und Performance nicht mithalten können.«
© Kurtz Ersa

Zum 100-jährigen Unternehmensbestehen hebt Gesamtvertriebsleiter Rainer Krauss die Meilensteine heraus und sieht gute Chancen, auch Ausgangsmaterialien für die Baugruppenfertigung in zehn Jahren wieder lokal fertigen zu lassen – unter einer Bedingung.

Markt&Technik: Herr Krauss, es fing mit einem Patent für einen elektrischen Handlötkolben an. Heute beschäftigt Kurtz Ersa rund 1200 Personen und liefert Fertigungsausrüstung von der Handlötstation bis zur meterlangen Reflow-Anlage. Wie blicken Sie auf die Entwicklung zurück? Welche Meilensteine würden Sie hervorheben?

Für unsere Firma natürlich das erste Patent im Jahr 1921. Für die gesamte Industrie und die Gesellschaft in Deutschland war der Aufschwung in den Sechziger- und Siebzigerjahren mit den ersten Transistorradios und Schwarzweiß-Fernsehern wichtig und – wieder aus Sicht des Fertigungsausrüsters gesprochen – die Einführung der ersten Lötmaschinen. In den Achtzigern folgten die industriellen Lötanlagen und mit der Einführung der SMD-Technik bald auch die erste Reflow-Lötanlage. Die Neunziger waren für die Fertigungsindustrie durch mehrere Dinge geprägt: die Umstellung auf bleifreies Lot, die ersten Miniaturisierungen und die Einführung von optischer Kontrolle.

Die ersten Selektivlötanlagen kamen auf den Markt und es gab größere Umwälzungen wie die dritte Industrialisierung der Elektronikfertigung durch PCs, Drucker und Faxgeräte. Gesellschaftsrelevant war hier auch der Einzug von EDV-Technik ins Büro, die Entwicklung der Mobiltelefone mit entsprechender Infrastruktur in den 2000er-Jahren, die immer kleineren und leistungsstärkeren Smartphones und Tablets ein Jahrzehnt später und dem damit verbundenen Trend zu „smart“. Um wieder auf die Fertigung zurückzukommen: Der größte Meilenstein der 2020erjahre wird – auch wenn das Jahrzehnt noch nicht alt ist – vermutlich Industrie 4.0 und Digitalisierung sein.

Wo sehen Sie heute Potenzial für weiteres Marktwachstum? Und mit welchen technischen Entwicklungen kann es gehoben werden?

In den Bereichen Elektrifizierung, Digitalisierung und Automatisierung, getrieben von E-Mobilität, grüner Energie, Smart Home, Smart Factory und Smart Grid.

Was kann künstliche Intelligenz und Digitalisierung in der Elektronikfertigung leisten?

In der Planung neuer Produkte wird die gesamte Fertigung simuliert, und am Ende steht die „Dark Factory“, eine Fabrik ohne Menschen, die sich selbst organisiert, managt und repariert.

Kurtz Ersa
Der erste Hammerlötkolben von Kurtz Ersa
© Kurtz Ersa

Corona hat die Zerbrechlichkeit globaler Lieferketten aufgezeigt, und es gibt Diskussionen über Produktionsrückführung und lokale Fertigung. Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass in Europa und in Deutschland eine neue Elektronikfertigung entsteht?

Wir haben noch immer eine leistungsstarke Elektronikfertigung. Uns fehlen nur die Grundstoffe, wie Leiterplatten, Bauteile, Halbleiter sowie Spezialchemie, um den Fertigungskreis wieder zu schließen.

Warum haben wir dieses Know-how abgegeben?

Weil es billiger war, bequemer war, es keine Umweltauflagen gab, weil es schneller ging und weil es in den Neunzigern den Nerv der Zeit getroffen hat, in Asien zu kaufen bzw. zu fertigen. Die Globalisierung hat diese Konzentration verstärkt, und Lieferketten waren angeblich sicher. Wenn der politische Wille da ist, werden wir in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren diese Konzentration aufbrechen und wieder teilweise dezentralisieren – die Bevölkerung wäre bereit dafür.

Auf manchen Messen zeigen Sie keine Exponate am Messestand, sondern suchen das konkrete Verkaufsgespräch. Auf der productronica stellen Sie in diesem Jahr gleich drei Weltpremieren aus. Welche?

Einmal unsere, wie wir sagen, „One for Everyone“. Damit ist die Versaflow One gemeint, ein neues Einstiegsmodell für das Selektivlöten. Die Hotflow Three ist eine ganz neue Generation von Ersa-Reflow-Lötanlagen, und die dritte Weltpremiere ist die IoT-Lötstation i-con trace, die das Handlöten endlich nachverfolgbar macht.

Mit der Versaflow One wollen Sie vermutlich allen, die auf Handlöten setzen, den Umstieg auf einen automatisierten Prozess ermöglichen. In welchen Branchen ist das noch der Fall und warum kann sich der Umstieg lohnen?

Beim Selektivlöten sind wir mit den Inline-Selektivlötplattformen Versaflow 3 und Versaflow 4 Technologie- und Weltmarktführer. Mit der Versaflow One bieten wir jetzt allen Elektronikherstellern, die mehrmals in der Woche die gleichen Schaltungen produzieren, den Einstieg in die Versaflow-Technologie, mit der inzwischen 5000 zufriedene Kunden weltweit sehr erfolgreich Selektivlöten. Dabei geht es nicht zwangsläufig um die Substitution von Handlötarbeitsplätzen. Vielmehr um Selektivlötgeräte und -apparate, die von wenigen amerikanischen bzw. europäischen und vielen asiatischen Anbietern auf dem Markt sind, aber hinsichtlich Technologie und Performance nicht mithalten können.

Was wünschen Sie sich, vielleicht nicht für die nächsten hundert Jahre, aber die nächsten fünf Jahre für ihre Firma?

Dass wir mit unseren Kunden, Mitarbeitern und Lieferanten weiterhin kontinuierlich, wertig und als Technologietreiber wachsen und somit die angenehme Seite der Digitalisierung unser Leben einfach schöner und nachhaltiger macht.
 


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