Hilfe gegen Phantomschmerz Der Prothese das Fühlen beibringen

Dieser Prothese wird das Fühlen beigebracht, damit Patienten nicht mehr am Phantomschmerz leiden müssen.
Dieser Prothese wird das Fühlen beigebracht, damit Patienten nicht mehr am Phantomschmerz leiden müssen.

Obwohl Patienten eine Prothese tragen, fühlen viele einen Schmerz, wo keiner entstehen kann – den sogenannten Phantomschmerz. Schmerzmittel helfen nur bedingt. Nun bringen Forscher der Prothese das Fühlen bei und tricksen das Gehirn aus, wodurch die Schmerzen verschwinden.

Nach der Entwicklung der weltweit ersten gedankengesteuerten Armprothese steht nun die Markteinführung der „fühlenden“ Beinprothese bevor. Realisiert wurde die Marktfähigkeit von dem österreichischen Start-up-Unternehmen Saphenus Medical Technology. Etwa 50 Prozent der Prothesenträger leiden an Phantomschmerzen. Oftmals können bisher nur schwere Schmerzmittel (etwa Opiate, Morphin) vorübergehende Linderung bewirken. Langfristige und nachhaltige Therapieformen haben sich bisher nicht durchgesetzt.

Nachrüstung der Prothese

Vor vier Jahren hat Prof. Dr. Hubert Egger die fühlende Beinprothese als Prototypen vorgestellt. Gezeigt wurde damals ein Testanwender mit dem ersten Funktionsmuster, das an chirurgisch umgeleitete und reaktivierte sensorische Nerven ansetzt. Nach vierjähriger Entwicklungsarbeit hat das österreichische Unternehmen Saphenus das Bionik-Konzept übernommen und das darauf basierenden Prothesen-Add-on „Suralis“ zur Serienreife entwickelt: Damit kann jede bestehende Prothese – unabhängig vom Hersteller – nachgerüstet werden. Toni Innauer, Saphenus-Mitgründer, freut sich, dass die Markteinführung in wenigen Wochen starten kann: „Der bionische Ansatz verbessert die Lebensqualität der Patienten enorm“, so Innauer.

Phantomschmerz – ein bisher ungelöstes Problem

Viele Menschen mit Amputationen leiden unter ganz besonderen Schmerzen, den Phantomschmerzen: Weil das Gehirn – vergeblich – versucht, Informationen vom nicht mehr vorhandenen Fuß abzurufen, verstärken sich diese Schmerzen. Bis dato hat sich zur nachhaltigen Behandlung von Phantomschmerzen keine Therapie durchgesetzt.

Mit der Erfindung der fühlenden Prothese bekommt das Gehirn wieder sensorische Informationen. Hubert Egger hat mit einem Team an Ärzten eine Methode entwickelt, bei der Betroffene ihren durch Amputation verlorenen Fuß wieder spüren.

Suralis hat einige technische Feinheiten in sich: Ein Sensor-Innenschuh, nimmt die Abrollbewegungen beim Gehen auf. Eine Funkübertragung überträgt die Abrollbewegungen an den Amputationsstumpf.

Nicht nur die Prothese fühlt

Die Aktoren-Einheit gibt die Informationen der Abrollbewegung an die Nerven jenes Hautareals weiter, das zuvor zur Aufnahme der Abrollinformation chirurgisch vorbereitet wurde. Diese nicht-invasive Informationsübertragung wird vom Gehirn als Information des verlorengegangenen Fußes wahrgenommen. Das Ergebnis: Der Phantomschmerz geht zurück oder kann sogar vollständig eliminiert werden. Ein weiterer Vorteil: Durch das authentische Fühlen wird die unterschiedliche Beschaffenheit des Bodens erkannt. Das verbessert die Gangstabilität und macht das Gehen sicherer. Das Prothesen-Add-on Suralis wird von einem zertifizierten Orthopädietechniker angepasst und kann auch in Kombination mit einer weiteren Wechselprothese verwendet werden.

Das Prothesen-Add-on Suralis ist ein patentiertes Feedbacksystem, mit dem jede bestehende Prothese (unabhängig vom Hersteller) nachgerüstet werden kann. Es wurde vom Industriedesigner und Professor der Bauhaus Uni Weimar, Andreas Mühlenberend, gestaltet. Die Prothese mit dem Zusatzteil Suralis bekommt „Fühleigenschaften“.