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Gendern ist für Alle da!

14. Oktober 2020, 14:19 Uhr   |  Selina Doulah

Gendern ist für Alle da!
© Rawpixel.com | Shutterstock.com

Christine Olderdissen, Projektleiterin von »genderleicht.de« erklärt im Interview mit Elektronik-neo, warum Gendern dauerhaft wichtig ist, wie Texte dennoch elegant formuliert werden können und welche Vorteile die zusätzliche Perspektive durch das Gendern sogar haben kann.

Christine, mit welchem Ziel wurde die Website Genderleicht.de ins Leben gerufen?

Das ist eine Online-Plattform, gegründet vom Journalistinnenbund mit Förderung durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Wir versuchen Menschen, die viel mit Text und Bild arbeiten, auf leichte Art zu erklären, wie sie gendern können – indem sie, ohne die Sprache zu verbiegen, mit eleganten Formulierungen arbeiten. Wir beweisen in unserer täglichen Arbeit, dass das möglich ist.
Vor allem wollen wir Medienschaffende darin schulen und ihnen erklären, dass beispielsweise das Sternchen nicht die einzige Möglichkeit ist, die geschlechtliche Vielfalt im Text klar zu machen. Wir möchten vor allem Frauen, wie auch Menschen aus dem Divers-Spektrum, sprachlich sichtbar machen.

Wann hätte Gendern denn keine Bedeutung? Hast du ein Beispiel?
Die Kritik an der bisherigen Sprache zielt vor allem auf das generische Maskulinum. Das betrifft Wörter wie »der Steuerzahler« oder »der Rentner«. Die Befürworter erklären, dass damit alle gemeint seien, Frauen wären »mitgemeint«. Nun wissen wir aber aus der Forschung, dass Personenbeschreibungen mit grammatisch männlichem Geschlecht oft als männlich verstanden werden. Zunehmend kommt die Frage auf, ob es dabei vielleicht doch nur um Männer geht. Wir sollten also konkreter schreiben und benennen, wer gemeint ist.

Eine der Möglichkeiten ist, sich von der Personenbeschreibung zu lösen und stattdessen geschlechtsneutral die Tätigkeit zu beschreiben, also wenn es weniger um die Person geht, sondern um das, was die Person macht. Wie das geht, das haben wir in unseren Schreibtipps beschrieben.

Warum ist es überhaupt wichtig zu gendern?

Personenbezeichnungen in der männlichen Form suggerieren, dass die Welt nur aus Männern besteht. So ist es aber nicht. Wir haben inzwischen in allen Berufssparten aktive Frauen, viele auch in leitenden Positionen. Wir kommen also gar nicht mehr darum herum, zu sagen: Wir haben Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. Wir haben Ärzte und Ärztinnen. Anhand der Zahlen sehen wir, der Oberbegriff stimmt so nicht mehr. Ein kleines Beispiel: Wir lesen: »Im Krankenhausflur stehen drei Ärzte zusammen und diskutieren.« Wir sehen vor dem inneren Auge drei Männer im weißen Kittel. Wir bekommen nicht das Bild in den Kopf, dass dort auch zwei Ärztinnen und ein Arzt stehen könnten. Die Sprache formt die Bilder in unserem Kopf und dieser Phantasie müssen wir nachhelfen. Das können wir tun, indem wir konkret schreiben und beschreiben, was in einer Szene passiert.

Verschandelt das Gendern denn nicht die deutsche Sprache?

Das mit dem »Verschandeln« betrifft zwei Kritikpunkte: Zum einen die Sternchen, die zwischen Wortstamm und weibliche Endung platziert werden. Das kannte unsere Sprache bisher nicht. Und zum anderen neugeschaffene, geschlechtsneutrale Partizipien, etwa »die Radfahrenden« oder »die Teilnehmenden«. Dabei ist diese Methode nicht neu: Früher hieß es »Lehrling«. Dieser Begriff wurde durch »Auszubildende« ersetzt und inzwischen haben sich alle daran gewöhnt. Es gab und es wird immer einen Sprachwandel geben. Das Wort »Studierende« ist doch schon normal geworden. Je mehr Menschen die neuen Formulierungen benutzen, desto eher werden sich diese Begriffe etablieren.

Ein Text, der übermäßig mit Sternchen versehen wurde, ist nicht flüssig zu lesen. Wir bei Genderleicht.de zeigen, wie Schreibende ihre Werke ohne zu viele Sternchen gendergerecht und dennoch elegant formulieren können.

Wie werden gegenderte Texte leichter und flüssiger lesbar?

Natürlich mit der ganzen Kreativität, die wir als Schreibende haben! Es gibt dazu verschiedene Techniken: Auf unserer Website habe ich den Artikel »Gendergerecht schreiben in 7 Schritten« veröffentlicht. Hier geht es im ersten Schritt darum, dass wir uns bei Personenbeschreibungen fragen, ob wir sie brauchen oder ob sich etwas durch eine Tätigkeitsbeschreibung besser darstellen lässt. Wenn sich der Text dann flüssig lesen lässt, haben wir eine neue elegante Formulierung gefunden. Der Text mag anders sein, als es Leser und Leserinnen gewohnt sind, aber das macht einen Text nicht schlechter – im Gegenteil. Er hat die gleichen Ansprüche wie alle Texte: Er muss informativ und klar verständlich sein. Wenn sich nun auch noch alle angesprochen fühlen, ist er perfekt und findet dadurch sogar mehr Zuspruch als zuvor. Ich wette, dass wir alle schon mal einen gegenderten Text gelesen haben und es nicht gemerkt haben. Denn da hat jemand mit Kreativität gut und sauber getextet.

Welche Schreibweise ist am besten geeignet? Wissenschaftler*in, WissenschaftlerIn, Wisenschaftler_in oder Wissenschaftler:in?

Das kommt auf die Zielgruppe an und wie akzeptiert die Wortendungen sind. Im jungen, akademischen Milieu sehe ich viel Akzeptanz für das Gendern mit Sternchen und Co.. Sie sind wichtig, um die geschlechtliche Vielfalt darzustellen und eben nicht nur von Frauen und Männern auszugehen. Eine Idee ist aber auch, abwechselnd zu formulieren: »Die Wissenschaftlerinnen und Ärzte (...)«; das habe ich vor kurzem in einem Text gelesen. Das kann funktionieren, solange es ausgewogen ist. Das führt auch nicht zu langen Wortketten, muss aber verständlich sein.
Das großgestellte »I« ist out. Der Gender-Gap ist politischer als das Sternchen, er irritiert und öffnet den Raum zwischen Männern und Frauen für die dritte Option. Das Sternchen ist das anerkannteste. Das hat aber ein technisches Problem: Blinde und Sehbehinderte benutzen Vorleseprogramme, um sich Texte im Internet vorlesen zu lassen. Diese Bots lesen das Sternchen komplett mit, also »Wissenschaftler-Sternchen-in«. Außerdem erinnert das Sternchen auch an die Fußnote. Daher wird inzwischen häufig der Doppelpunkt genutzt. Den liest der Bot nicht mit, sondern macht an der Stelle eine Pause. Ich bin mir aber sicher, dass auch bei den Readern die Technik fortschreiten wird und diese Programme dann entsprechend vorlesen können. Allerdings verstehen Menschen, die leichte Sprache nutzen, die Sternchen nicht. Wegen der Barrierefreiheit ist es besser, Wortzusätze zu vermeiden.
Meistens gibt es auch mehr als nur eine Variante, etwas zu schreiben und die fällt guten Textern und Texterinnen eigentlich immer ein. Geschlechtsneutral oder mit Beidnennung zu schreiben oder eine Tätigkeitsbeschreibung zu nutzen, hat einen weiteren Vorteil: Im Singular entsteht ein Wirrwarr aus Sternchen, da auch der Artikel und das Adjektiv angepasst werden müssen. Das Gendersternchen kann zu grammatikalischen Problemen führen.
 

Mit gendergerechter Sprache werden alle Menschen angesprochen.
© Shutterstock

Mit gendergerechter Sprache werden alle Menschen angesprochen und auch sichtbar.

Sollten Menschen auf diese Weise auch sprechen?

Das kommt, finde ich, auf die Situation an. Öffentliche Auftritte, Ansprachen und Interviews sollten in gendergerechter Sprache erfolgen, um alle anzusprechen und weil auch eine große Zahl an Menschen erreicht werden soll. Das Sprechen mit Lücke, also mit dem gedachten Genderstern, sollte ohne besondere Betonung erfolgen. Wie bei allen Dingen im Leben geht das mit etwas Übung besser, denn es soll sich natürlich anhören. Im privaten Bereich bin ich selbst oft nachlässiger. Da ist es mir aber auch nicht so wichtig, denn mein Umfeld kennt mich und ich will auch mal nicht so konzentriert reden. Ich wünsche mir aber, dass gendergerechtes Sprechen im Alltag eine Selbstverständlichkeit wird. Vielleicht hilft uns der Sprachwandel, das auf Dauer besser hinzukriegen.

Was ist dir bei der Arbeit für Genderleicht.de aufgefallen? Was hast du dabei selbst dazugelernt?

Mein persönlicher Lerneffekt war, dass es tatsächlich einfach ist, die Geschlechtervielfalt elegant darzustellen. Gegenderte Texte sind gar nicht so starr, wie ich es vermutet hatte. Ich finde es auch schön zu sehen, wie viele Menschen bereits mitziehen bei diesem Thema, wie auch Journalistinnen und Journalisten sich gegenseitig unterstützen, Tipps geben und das Gendern redaktionell ausprobieren.

Worauf sollte ich als Redakteurin achten?

Das Schöne im redaktionellen Bereich ist, dass Gendern uns die Augen öffnet und uns neue Themen finden lässt. Mach doch mal beim Recherchieren den Gendercheck, den du bei Genderleicht.de findest. In deinem Bereich könntest du zum Beispiel die Frage stellen, ob künstliche Intelligenz auch die weibliche Sicht erfasst. Oder ob Frauen andere technische Möglichkeiten der KI nutzen als Männer. Es ist ein Merkmal des Qualitätsjournalismus, eine andere, ungewohnte Perspektive und Betrachtungsweise einzunehmen. Wenn du an die Dimension der unterschiedlichen Lebenserfahrung der Geschlechter denkst, kannst du als Journalistin immer neue Fragen stellen. Übrigens auch, wenn du andere Aspekte von Vielfalt wie Ethnie, Alter oder Behinderung in Betracht ziehst.

In vielen Bereichen, wie auch in der Wissenschaft, in der Technik oder in der Start-up-Szene sind Frauen noch immer weniger sichtbar als Männer. Wie kann Sprache dieses Problem lösen?

Wenn ich mir Zeitschriften und Magazine anschaue, ist klar, dass neben dem Text das Element Bild entscheidend ist: Achte darauf, dass mehr Frauen zu sehen sind. Beispielsweise recherchierst du für die Elektronik-neo gerade zu einem neuen Techniktrend und möchtest ein Bild zum Text platzieren: Du kannst die Menschen, die an etwas herumtüfteln, auf Augenhöhe darstellen und möglichst zeigen, wie gleichberechtigt das Team ist, zu dem natürlich Frauen gehören. Zeig die Personen in Aktion – und zwar alle. Wir Medienschaffende sollten uns wirklich immer um ein realistisches Abbild unserer Gesellschaft bemühen und unsere Gesellschaft ist vielfältig. Das heißt natürlich nicht, dass Bilder künstlich arrangiert werden und bestimmte Menschen in den Vordergrund gedrängt werden. Die Szene sollte so natürlich sein, wie sie wirklich ist. Schneide niemanden aus einem Bild raus und setze auch niemanden künstlich in den Vordergrund. Lass die Vielfalt zu einer Selbstverständlichkeit werden!

Schrecke ich meine Leser und Leserinnen ab, wenn ich nun die Sprache im Magazin anpasse? Zur Info: Meine Zielgruppe ist etwa 18 bis 35 Jahre alt, Studierende oder Gründende, arbeiten in Start-ups oder starten gerade in den Beruf, kurz: Young Professionals.

Also wenn das die Zielgruppe ist, schreckst du sie auf keinen Fall ab! Die sagen: »Endlich!« Denn Gendern ist zeitgemäß! Ein Beispiel: Auf einer großen Technikveranstaltung wurden für das Podium 50 Prozent Frauen eingeladen. Das haben die Veranstaltenden konsequent umgesetzt, und so haben Expertinnen aus dem Technikbereich, an die vorher niemand gedacht hatte, weil immer nur Namen von Männern präsent sind, sehr wissenswerte Vorträge gehalten. Diese Kompetenz zu erleben erhöht die Akzeptanz miteinander. Irgendwann wird »Geschlecht« nicht mehr wichtig sein, sondern das, was jemand kann, was jemand erklärt, welches Know-how jemand vermittelt. Aber stell dich auch darauf ein, wenn du dein Magazin sprachlich anpasst: Die, die dagegen sind, sind immer lauter, als die, die das begrüßen. Die lesen einfach dein Magazin und sind zufrieden.

Es gibt auch skeptische Kolleginnen und Kollegen. Welche Argumente kannst du mir für sie an die Hand geben?

Wir haben auf unserer Website einen »Spickzettel« veröffentlicht. Das ist eine Liste an Argumenten für die Diskussion in den Redaktionen, wie etwa, dass es um Qualität im Journalismus und um Gerechtigkeit geht, darum, neue Themen zu finden und ein zeitgemäßes Produkt zu verkaufen und vor allem viele Menschen und nicht nur eine kleine Gruppe zu erreichen. Gendern ist für alle da!

Die Autorin

Christine-Olderdissen von Genderleicht
© Genderleicht

Christine-Olderdissen von Genderleicht

Christine Olderdissen

Genderleicht.de gibt Journalistinnen und Journalisten Impulse und Hilfestellung zum Gendern in der Medienarbeit. Christine Olderdissen leitet das vierköpfige Projektteam. Sie ist Juristin und kennt aus ihrer Arbeit als Fernsehjournalistin das kurze, knappe Texten auf den Punkt.

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