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Sicherheitsbestände

»Nicht hysterisch, sondern mit Augenmaß erhöhen«

22. April 2021, 14:07 Uhr   |  Karin Zühlke

»Nicht hysterisch, sondern mit Augenmaß erhöhen«
© Reichelt Elektronik

Christian Reinwald, reichelt: »Kommt es dann zu Situationen wie der, die Anfang Februar in allen Nachrichten zu lesen und hören war, dass der Weltmarkt der Halbleiter für die Autoindustrie quasi leergefegt ist, dürfen sich die Akteure eigentlich nicht beschweren.«

Christian Reinwald, Head of Product Management & Marketing bei reichelt elektronik, plädiert für eine gute Balance bei der Beschaffung und ein smartes Risikomanagement. Selbst setzt reichelt auf eine breites Lieferanten-Netzwerk – und kommt so bisher gut durch die Engpässe.

Markt&Technik: Wo liegen die Herausforderungen der regionalisierten Lieferketten – und vor allem, was genau verstehen Sie unter regionalisiert?

Christian Reinwald: Eine Realität, in der alle Bauteile, die in der deutschen Industrie benötigt werden, auch in Deutschland hergestellt werden, ist derzeit nicht denkbar. Die derzeitigen Produktionskapazitäten sind dafür nicht gegeben. Deshalb sollte unser Blick unsere Nachbarländer miteinschließen. Mit der Initiative IPCE II „Important Projects of Common European Interest“, die Projekte in den Bereichen Mikroelektronik, Batteriezellen und Wasserstoff fördert und Innovationen unterstützt, sehe ich hier einen guten Ansatz. Ohne Frage braucht der Aufbau dieser Technologien und die Umsetzung in erfolgreichen Unternehmen Zeit und Kapital. Aber mit Blick auf die Voraussetzungen, die Deutschland an Know-how, Grundlagenforschung, Entwicklung und Infrastruktur mitbringt, gibt es keinen Grund, warum wir nicht eine Führungsposition in diesen Bereichen erlangen können. Deshalb möchte ich noch einmal plädieren, nicht zu kurzfristig zu denken und Investitionen in die Zukunft nicht zu scheuen.

Sie favorisieren ein smartes Risikomanagement. Was genau meinen Sie damit?

Nach einer Risikoabwägung, die im Grunde ähnlich Szenarien berechnen muss, wie es Versicherungen tun, müssen sich die Unternehmen generell entscheiden, welchen Risiken sie bereit sind, sich auszusetzen. Kommt es dann zu Situationen wie der, die Anfang Februar in allen Nachrichten zu lesen und hören war, dass der Weltmarkt der Halbleiter für die Autoindustrie quasi leergefegt ist, dürfen sich die Akteure eigentlich nicht beschweren. Sie haben im letzten Jahr ihre Bestellungen bewusst strikt kostenoptimiert und sehr zurückhaltend platziert. Wie sich nun herausstellt, keine kluge Entscheidung vor dem Hintergrund einer nicht berechenbaren Pandemie.

Für Unternehmen, die auf Bauteile aus dem Ausland angewiesen sind, geht es darum, eine gute Balance zu finden. Bereits zu Beginn der Pandemie – vor einem Jahr – haben wir unseren Kunden geraten, die Lagerbestände für kritische Komponenten zu erhöhen, da es im weiteren Verlauf zu Lieferschwierigkeiten kommen könnte. Das hat sich bewahrheitet. Hamsterkäufe hingegen sind nicht sinnvoll, da sie die Preise auf dem Markt in die Höhe treiben.

Wir gehen davon aus, dass es noch einige Zeit immer wieder zu einzelnen Engpässen in der gesamten Lieferkette kommen kann. Diese Engpässe kristallisieren sich erst zeitverzögert alle heraus. Deshalb bleiben wir dabei: Die Lagerbestände für die wichtigsten Bauteile um ein vernünftiges Maß zu erhöhen ist für uns die beste Strategie. Wir haben es hier sicher mit einer Ausnahmesituation zu tun.

Die aktuellen Probleme bestehen vor allem bei Waren – also Bauteilen und der Logistik – aus Asien. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Derzeit befinden wir uns in einer Situation der desynchronisierten Lieferketten. An vielen verschiedenen Stätten wurde die Produktion heruntergefahren, auch um sich der defensiven Planung vieler Abnehmer anzupassen. Das wiederum führte auch dazu, dass Hersteller andere Aufträge annahmen – zum Beispiel aus dem Bereich Consumer Electronics, in dem die Nachfrage deutlich stieg.

Da Bauteile wie etwa Speicher oder Halbleiter oft einen komplexen Herstellungsprozess mit vielen verschiedenen Stufen durchlaufen, wird es in den nächsten Monaten immer wieder an verschiedenen Stellen der Lieferkette zu Engpässen kommen – gleich einer Welle, die durch das System rollt. Erst in etwa zehn Monaten gehe ich von einer Normalisierung aus, und die Engpässe werden sicher nicht nur in Asien auftreten.

Und wie begegnen Sie diesen Herausforderungen?

Bei reichelt haben wir frühzeitig – bereits im März 2020 – unsere Lagerbestände erhöht und Kapazitäten ausgebaut. Wir setzen zudem auf ein sehr breites Netzwerk an Zulieferern, um Engpässe ausgleichen zu können. In den meisten Fällen ist uns das auch gelungen. Wir sind daher relativ gut durch 2020 gekommen und konnten unsere Umsätze und Erträge im Bauteilebereich sogar leicht steigern. Reichelt arbeitet zudem mit einer eigenen Lösung, um alle Prozesse rund um Warenbeschaffung und Bestandsüberwachung im Blick zu behalten. Wir nutzen in der Warenbeschaffung ein ausgereiftes, vollelektronisches System, das auf eine breite Zulieferbasis baut, um Waren zum besten Preis einzukaufen. In Verbindung mit der gezielten Erhöhung von Sicherheitsbeständen hat uns das große Vorteile verschafft, knappe Komponenten dennoch zu einem wettbewerbsfähigen Preis anbieten zu können.

Die Schuld liegt laut Aussagen vieler Branchenvertreter aus der Elektronikindustrie nicht nur an fehlenden Kapazitäten bei Herstellung und Logistik, sondern auch beim Forecast-Verhalten der Kunden. Welche Erfahrungen machen Sie als Kleinmengen-Lieferant in dieser Hinsicht?

Mit Corona hat niemand gerechnet. Dennoch zeigen uns die letzten Jahre, dass uns Krisen immer wieder treffen werden – seien es Finanzkrisen oder Pandemien. Darauf müssen wir uns also vorbereiten und damit rechnen, uns agil an ungewohnte Situationen anzupassen.

Durch schnelles Reagieren und Erhöhen der Bestände konnten wir die Krise gut überstehen. So ist reichelt im letzten Jahr – entgegen dem Branchentrend – im Bauelemente-Segment sogar gewachsen. Wir sind gut vernetzt mit Kunden im Kleinserien-Bereich und haben immer dazu geraten, kritische Bauteile auf Vorrat zu halten. So konnten wir Anfragen im Kleinserienbereich sehr gut beantworten.

Was ließe sich an der aktuellen Lage Ihrer Meinung nach mit einem smarten Risikomanagement ändern?

Es ist zu erwarten, dass die Phase der immer wieder an verschiedenen Stellen in der Lieferkette auftretenden Engpässe noch weiter andauert. Zudem ist nicht auszuschließen, dass durch Pleiten oder andere Ereignisse auch weitere Komponenten in Zukunft knapp werden könnten. Selbstverständlich kann die Situation je nach Produkt, um das es sich handelt, anders aussehen. Dennoch ist unsere allgemeine Empfehlung für die kommenden 6–12 Monate, die Sicherheitsbestände zu erhöhen – nicht hysterisch, sondern mit gesundem Augenmaß. So können Produktionsausfälle und Verzögerungen vermieden werden.

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