Wettlauf der Ökosysteme

Die digitale Revolution des Autoscreens

7. Februar 2022, 11:11 Uhr | Autor: Christoph Mahlert, Redaktion: Irina Hübner
Beim Auto steht analog zur Revolution des Smartphone-Markts im Jahr 2007 ein Wettlauf der Ökosysteme bevor.
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Moderne Infotainmentsysteme müssen in Zukunft eine einheitliche User Experience ohne Medienbruch bieten. Um das zu erreichen, sind skalierbare und herstellerunabhängige digitale Plattformen notwendig.

Autos von heute sind mehr als nur ein Fortbewegungsmittel. Durch vernetzte Dienste und digitale Interaktion werden sie Teil des digitalen Lifestyles. Laut einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung Oliver Wyman würden 80 Prozent der Chinesen und immerhin bis zu 40 Prozent der Amerikaner und Europäer die Automarke wechseln, wenn sie mit dem Auto einer anderen Marke ein besseres Infotainment-Erlebnis bekommen können. China, das Land des Lächelns aber auch der Smartphones, zeigt einmal mehr, wo die Reise hingeht. Insbesondere für Digital Natives, die ein Auto nicht länger nur als Transportmittel begreifen, sind digitale Dienste wichtiger als das Markenlogo auf der Motorhaube. So wie das Herzstück eines Autos der Antriebsmotor ist, so handelt es sich bei der Software und den digitalen Diensten um das Hirn, ohne das ein modernes Fahrzeug undenkbar wäre.

Für die etablierten Hersteller bedeutet diese Zeitenwende eine Herausforderung, doch liegt genau hier auch viel Potenzial. So schaffte es beispielsweise Mercedes, seinen Fahrzeugen mit dem MBUX-Infotainmentsystem in kürzester Zeit ein modernes, hippes Image zu verleihen. Man geht davon aus, dass im Automobilsektor bereits in den nächsten fünf bis zehn Jahren bis zu 25 Prozent der Profite mithilfe von datenbasierten, digitalen Geschäftsmodellen erzielt werden. Dieses Milliardengeschäft droht die Autoindustrie an die großen Tech-Player und neue Anbieter wie Tesla zu verlieren. Es steht – ähnlich wie bei der Revolution des Smartphone-Markts 2007 durch Apple und Google – ein Wettlauf der Ökosysteme bevor.

Ein Fahrzeug liefert schon heute mehr Datenpunkte als ein Smartphone

Ein modernes Smartphone hat jede Menge Sensoren und kann damit eine Vielzahl von Daten erfassen. Der Siegeszug von iOS und Android, die zusammen nahezu 100 Prozent Marktanteil bei den Smartphone-Betriebssystemen erreichen, liegt insbesondere darin begründet, dass diese Daten als Basis für ein breites Ökosystem aus Apps und Services nutzbar gemacht wurden. Doch so viele Daten ein Smartphone über seinen Nutzer hat, so »blind« ist es im Auto. Es weiß nicht, ob der Tank leer ist, kennt nicht die Batterietemperatur eines Elektrofahrzeuges und weiß auch nicht, ob der Fahrer gerade noch aufmerksam ist oder eine Pause nötig hätte.

Ein vernetztes Auto hingegen erfasst heute – je nach Fahrzeugmodell und OEM – zwischen 200 und 300 Datenpunkte und speichert diese im Backend des jeweiligen Herstellers. Dazu zählen grundlegende Werte wie Standort, Kilometerstand, Geschwindigkeit, Fehlercodes, aber auch Daten über regelmäßig gefahrene Routen, die Anzahl der Personen im Fahrzeug, Sonderziele oder Nutzungszeiten. Die Hersteller sitzen also auf einem riesigen Datenberg, den sie bislang viel zu zaghaft nutzen, geschweige denn in Form eines digitalen Ökosystems monetarisieren.

Ein nahtloses Fahrerlebnis & ein neues Businessmodell

Einzelne Hersteller positionieren sich mittlerweile als Plattformanbieter. VW beispielsweise bietet den Elektrobaukasten MEB auch externen Herstellern an und will 2025 mit einem zentralen Betriebssystem für alle Konzernmodelle starten. Das erfordert hohe Investitionen, die zumindest derzeit noch nicht mit Zusatzeinnahmen durch digitale Services zu finanzieren sind. Die Zahlungsbereitschaft der Nutzer ist gering, da diese an Gratis-Dienstleistungen gewöhnt sind. Warum für ein Kartenabonnement zahlen, wenn es das aktuelle Google Maps auf dem Handy umsonst gibt? Die Antwort darauf ist im Grunde ganz einfach: Weil die User Experience dem Nutzer nur ohne Medienbruch einen tatsächlichen Mehrwert bietet. So erreichen Value Added Services wie gesponsortes Parken oder Laden den Nutzer nahtlos im integrierten Infotainmentsystem.

Die Autohersteller können hierbei einen entscheidenden Vorteil aus der tieferen Integration des Infotainments ziehen. Durch den direkten Sensorzugriff sind Datenpunkte nutzbar, auf die ein Handy keinen Zugriff hat. Ebenso ist das Smartphone nicht in ein Tacho-, Head-up- oder Augmented-Reality-Display integriert. Nutzer wollen auch im Fahrzeug direkt mit ihren Lieblingsmarken oder Lieblingsorten interagieren. In einer unbekannten Stadt möchte man nach einer langen Fahrt beispielsweise das passende Restaurant inklusive Parkplatz direkt über das Fahrzeug buchen können. Umgekehrt möchte das Restaurant dem Fahrer vielleicht ein individuelles Angebot machen, indem es beispielsweise die Parkkosten erstattet.

Die Mobility Experience Cloud von 4.screen

Für Services dieser Art ist eine digitale, skalierbare und herstellerunabhängige Plattform wie die Mobility Experience Cloud (MXC) von 4.screen nötig, die das technisch fragmentierte Mobilitätsökosystem mit dem Auto verbindet, Informationen aggregiert und über das Infotainment an die Fahrer weiterreicht. Autohersteller können die MXC problemlos über Schnittstellen (APIs) in jedes ihrer bestehenden Systeme integrieren. Der Zeitaufwand für eine Integration beträgt im Schnitt nur zwei Wochen-Sprints.

Unternehmen jeder Größe, von kleineren lokalen Geschäften bis hin zu internationalen Unternehmen, können auf der Plattform Kampagnen einstellen und ihre gewünschte Zielgruppe anhand von spezifischen Targeting-Optionen aussuchen. Welche Angebote dem Fahrer angezeigt werden und welche Datenpunkte zur Auswertung freigegeben werden, entscheidet aber schlussendlich der OEM – 4.screen versteht sich dabei lediglich als Marktplatz und stellt eine für den Fahrer relevante Auswahl zur Verfügung.

Aus OEM-Sicht lässt sich die MXC und ihr Marktplatz auch in klassische Anwendungsfälle, wie zum Beispiel den Tankvorschlag, integrieren. Ohne eine Integration schlägt der OEM bei fast leerem Tank zwar bereits heute eine Tankstelle vor. Allerdings ist dieser Vorschlag zum einen nicht auf den Fahrer zugeschnitten und zum anderen profitiert der OEM nicht am darauffolgenden Umsatz bei besagter Tankstelle. Monetarisiert man jedoch diese Vorschläge bzw. Daten und bietet das Auto als Plattform an, ergeben sich spannende Geschäftsmodelle.

Hinzu kommt, dass der OEM seinen Kunden ein verbessertes nahtloses Fahrerlebnis bieten kann. Fahrer können an Partnerstandorten von Angeboten wie kostenlosem Parken oder Laden profitieren und individuelle Angebote und Rabatte erhalten, wenn sie nach Geschäften oder Restaurants in ihrer Nähe suchen. Ein für den Fahrer relevantes Geschäft kann auf der Karte hervorgehoben oder proaktiv als Zwischenstopp empfohlen werden. 4.screen kann somit als Verbindungsstück zur Connected Mobility verstanden werden, dass die Revolution des Autobildschirms maßgeblich vorantreibt.

 


Der Autor
Christoph Mahlert ist Co-Founder und CTO bei 4.screen.

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