Digitale Plattformen werden Ecosystems

Content als Basis von Ecosystems für Industrie 4.0

24. August 2022, 17:12 Uhr | Heino Brose
Im Beispiel der Predictive Maintenance werden die Daten in eine künstliche Intelligenz übertragen, die die Wahrscheinlichkeiten des Auftretens von Fehlerursachen berechnet und zurückgibt.
Im Beispiel der Predictive Maintenance werden die Daten in eine künstliche Intelligenz übertragen, die die Wahrscheinlichkeiten des Auftretens von Fehlerursachen berechnet und zurückgibt.
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Digitale Ecosystems für Industrie-4.0-Unternehmen leben heutzutage nicht vorrangig von der zugrunde liegenden Technik, sondern hauptsächlich vom Content, der in den Ecosystems bereitsteht und geteilt wird. Doch wie entsteht sinnvoller Content, und wie kann er zum Geschäftserfolg beitragen?

In den letzten Jahren sind digitale Plattformen in großer Zahl entstanden. Jedes Unternehmen, das sich mit Digitalisierung und Industrie 4.0 beschäftigt, hat zumindest schon über den potenziellen Nutzen einer eigenen digitalen Plattform nachgedacht; viele sind damit bereits auf dem Markt. Es gibt zahlreiche Anbieter, die Technologie ist ausgereift und tausendfach bewährt.

Für Entwickler oder Hersteller neuer Technologien und für Umsetzer digitaler Plattformen wird es immer schwieriger. Zum einen wird der Markt komplexer, zum anderen wirkt er aber auch gesättigt. Doch das sollte nicht generell abschrecken vor eigenen Aktivitäten. Notwendig ist nur, dass es gelingt, einen wirtschaftlichen Mehrwert zu erzeugen.

Unternehmen, die digitale Daten und digitale Services vertreiben wollen, benötigen eine digitale Plattform, die als Drehkreuz zwischen Daten, Systemen und Kunden fungiert. Dabei spielen Methoden, Speichermedien, Funktionen, Anwendungen, Benutzerschnittstellen und Systemanbindungen entscheidende Rollen. Wer solch eine digitale Plattform umsetzen, entwickeln oder verwenden will, dem stellen sich also notwendigerweise folgende Fragen:

• Wie werden die Systemdaten erzeugt und übertragen?
• Woher kommt der Content?
• Wie werden die Anwender eingebunden?
• Wie werden Technologien wie künstliche Intelligenz oder Deep Learning integriert?
• Wie werden die Daten gespeichert?
• Wie wird die digitale Plattform verwaltet?

Die Fragen konzentrieren sich vor allem auf die Technologie und die Umsetzung. Bleibt man bei diesen Aspekten, ist es schwer möglich, mit der digitalen Plattform Geld zu verdienen.

Die Kunden digitaler Daten und digitaler Services interessieren sich eher für die Eigenschaften, Funktionen und Merkmale der digitalen Produkte an sich. Die Plattform mit ihrer technischen Umsetzung ist lediglich das Hilfsmittel für den Verkauf digitaler Produkte, so wie der Supermarkt das Hilfsmittel ist, um analoge Produkte zu erwerben.

Eine Kaufentscheidung hängt also viel mehr am „richtigen“ Content als an der richtigen Technik im Hintergrund, denn mit ihm wird die digitale Plattform zu einem digitalen Ecosystem. Die entscheidenden Fragen für den Content digitaler Ecosystems sind also folgende:

• Wie wird das System in den Content eingebunden?
• Wie wird der Content erstellt?
• Welchen Content fordern und nutzen die Anwender wirklich?
• Welcher Content ist notwendig?
• Wie generiert man aus dem Content einen realen Business Case?

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Was ist der „richtige“ Content?

In einer Welt der Digitalisierung und Industrie 4.0 ist der Content eng verknüpft mit dem Produktionsprozess und dem Funktionsumfang des Produkts.
In einer Welt der Digitalisierung und Industrie 4.0 ist der Content eng verknüpft mit dem Produktionsprozess und dem Funktionsumfang des Produkts.
© ipopba / iStock.com

Sprechen wir es direkt aus: Jeder Content, mit dem sich Umsatz generieren lässt, ist der „richtige“ Content. Doch was genau ist Content? Laut Bedeutungsdefinition im Duden geht es um „qualifizierten Inhalt oder Informationsgehalt“. Der Begriff „Content“ wurde vor allem in der Website-Entwicklung verwendet und schwappt mit der Digitalisierung in die Industrie 4.0 hinüber, wo der Begriff die Bedeutung für „relevante Dateninhalte“ übernimmt. Es geht in der digitalisierten Welt also um Daten mit Bedeutung und mit bestimmten Datenstrukturen.

Im Rahmen von Predictive Maintenance beispielsweise sind Daten und Algorithmen erforderlich für Monitoring, Fehlersuche und Fehlerkorrektur. Die Daten und Algorithmen sind Content, mit dem sich auch Umsatz generieren lässt. Das gleiche gilt für:

• Inbetriebnahme-Algorithmen für Anlagen und Produkte,
• Upgrades und Optimierungen für Funktionen und Algorithmen und
• Daten für die Wartung oder Inspektion von Anlagen und Produkten.

Content kann vom System, von Kunden, aber auch von Funktionen erstellt und genutzt werden.

Analysiert man den Content führender Unternehmen und Produkte, lassen sich spezielle Merkmale für den „richtigen“ Content erkennen. Im Erfolgsfall ist er von Experten strukturiert, wird von Fachleuten designt, verbindet die Systeme inhaltlich miteinander, wird von Funktionen verwendet, wird von Kunden genutzt, ist bezahlbar und – vor allem – wird bezahlt.

Wie gelangt man zum „richtigen“ Content für ein digitales Ecosystem?

Ausgehend von den Anforderungen der Kunden an die Funktionen und Daten muss der Content so entwickelt werden, dass er in den Funktionen der digitalen Plattform verwendet werden kann.
Ausgehend von den Anforderungen der Kunden an die Funktionen und Daten muss der Content so entwickelt werden, dass er in den Funktionen der digitalen Plattform verwendet werden kann.
© ipopba / iStock.com

Aus obigen Merkmalen leiten sich folgende Aufgaben ab:

1. Content definieren und strukturieren
2. Content methodisch designen
3. Systeme verbinden
4. Content für Funktionen verwenden
5. Content nutzbar machen
6. Bezahlmodell entwickeln

Aufgabe 1: Content für das digitale Ecosystem definieren und strukturieren

Nicht die Plattform entscheidet, wie der Content aussehen muss, sondern umgekehrt. Anhand des Contents und der Funktionen sollte entschieden werden, wie die digitale Plattform umgesetzt werden soll. Ausgehend von den Anforderungen der Kunden an die Funktionen und Daten muss der Content so entwickelt werden, dass er in den Funktionen der digitalen Plattform verwendet werden kann (vgl. Aufgabe 4). Besonders ist darauf zu achten, dass sich die Funktionen mit dem Format der Daten geeignet umsetzen lassen. Es ist also erforderlich, sich eingehend mit den Daten zu beschäftigen, die verkauft werden sollen, deren digitale Strukturen klar zu definieren und ein geeignetes Datenformat auszuwählen.

Ein gern genutztes Datenformat ist XML. Hierin lassen sich die Daten gut strukturieren. Außerdem ist es leicht in digitalen Projekten verwendbar. Aber auch jedes andere Datenformat ist geeignet, solange das System damit umgehen kann.

Aufgabe 2: Content mittels geeigneter Methoden designen

Nachdem die Struktur des Contents definiert ist, steht im Vordergrund, wie er erzeugt werden soll. Der Aufwand dafür sollte nicht unterschätzt werden, schließlich handelt es sich um das digitale Produkt. Weil hochqualifizierte Programmierer nicht unbedingt die benötigte inhaltlich-fachliche Kompetenz haben, empfiehlt es sich, den Content von Fachleuten erzeugen zu lassen. Hierzu können diese sich einfacher und visueller Methoden bedienen, geeigneten Verfahren und Prozessen folgen, bis vorgegebene Qualitätsmaßstäbe erreicht sind. Bewährt haben sich dabei standardisierte Schritte für die Content-Erstellung wie Visualisieren des Systems, Definieren des Problems und Designen der Lösung.

Aufgabe 3: Systeme verbinden für den Content

In einer Welt der Digitalisierung und Industrie 4.0 ist der Content eng verknüpft mit dem Produktionsprozess und dem Funktionsumfang des Produkts. Daher müssen Schnittstellen zwischen Anlage, Produkt, Produktion und Content exakt festgelegt werden. Hierfür ist zu analysieren, wie die Daten vom technischen System erzeugt werden, wie sie in das Content-System gelangen und wie sie mit dem Content verbunden werden. Dabei geht es nicht nur um die physikalische Schicht, wie USB oder Ethernet, sondern vor allem um die Daten, die über diese Schnittstellen übertragen werden. Im obigen Beispiel der Predictive Maintenance muss hier festgelegt werden, welche Informationen und Messwerte aus der Anlage oder dem Produkt zyklisch ausgelesen und abgespeichert werden (Monitoring), damit die nachfolgenden Funktionen sie verarbeiten und nutzen können.

Aufgabe 4: Content für Funktionen in der digitalen Plattform verwenden

Der Content lässt sich nicht immer in Originalform weitergeben. Oft findet eine Verarbeitung in speziellen Funktionen von nachgelagerten Systemen, künstlichen Intelligenzen oder Datenbanken statt. Für diese Bearbeitung muss der in anderen Systemen entwickelte Content passend sein (vgl. Aufgabe 1). Im Beispiel der Predictive Maintenance werden die Daten in eine künstliche Intelligenz übertragen, die dann mithilfe spezieller Daten und Algorithmen die Wahrscheinlichkeiten des Auftretens von Fehlerursachen berechnet und zurückgibt.

Aufgabe 5: Content für Kunden nutzbar machen

Die Kunden entscheiden über Form, Art und Weise des Contents. Sie werden somit zu den Entscheidern für die digitalen Produkte - ähnlich wie im Supermarkt, wo die Kunden entscheiden, welche Produkte sie kaufen. Es sollte regelmäßig beobachtet und geprüft werden, wie Kunden den Content nutzen, um aus den Erkenntnissen Verbesserungen für Eigenschaften und Strukturen des Contents abzuleiten.

Die Entwicklung einer UX (User EXperience) für die Nutzung der Daten und Algorithmen durch die Kunden kann die Antwort sein auf:

• Wie soll der Kunde Daten erhalten?
• Wie soll er den Content sehen, spüren oder hören?
• Was soll die Emotion sein, die der Content im Kunden auslösen soll?

Aufgabe 6: Bezahlmodell entwickeln

Der Content ist das digitale Produkt, mit dem Geld verdient werden soll. Content kann zu direkten Erlösen führen, weil die Kunden dafür direkt bezahlen. Content kann aber auch zu Einsparungen führen, weil ein Produkt oder eine Anlage schneller herstellbar, leichter reparierbar oder einfacher zu vermarkten ist. Die Entscheidung für ein Bezahlmodell sollte beide Aspekte berücksichtigen. Im Beispiel der Predictive Maintenance könnten die Kunde für die Nutzung der Funktion in Form einer Flatrate bezahlen.

Content als Grundlage für digitale Ecosystems

Heino Brose, Geschäftsführer von Synostik
Heino Brose, Geschäftsführer der Synostik GmbH
© Synostik

Der von den Kunden geforderte und genutzte Content bildet die Grundlage für das Business in digitalen Ecosystems. Die Technologie der zugrunde liegenden digitalen Plattformen ist eher zweitrangig, solange sie ihre Grundfunktionen erfüllen.

Die Entwicklung digitaler Produkte auf Basis von Daten wird der Industrie nur gelingen, wenn der nötige Content methodisch erstellt und verwendet wird. Dabei sind alle Merkmale für den „richtigen“ Content zu beachten.

Nutzt die Industrie die vorhandenen Erfahrungen, Methoden und Erkenntnisse zur Erstellung, Vermarktung und Verwaltung guten Contents, so ist zu erwarten, dass sie die Digitalisierung meistert und sich der Erfolg – vor allem der wirtschaftliche – schnell einstellt.

Der Autor: Heino Brose ist Geschäftsführer der Synostik GmbH.


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