Interview mit Dr. Reinhard Ploss

»Autonome Agenten sehen wir als eine riesige Chance«

4. November 2016, 10:34 Uhr | Heinz Arnold

Fortsetzung des Artikels von Teil 2

Progrnosen für den Halbleitermarkt

Sie sprachen von autonomen Agenten. Können Sie ein Beispiel dafür nennen?

Ein gutes Beispiel ist das Auto. Jeder spricht über die 5G-Vernetzung, also über den Mobilfunkstandard der nächsten Generation. Aber es wird immer Gebiete geben, wo die Datenübertragung nicht in der erforderlichen Geschwindigkeit funktionieren wird oder die Verbindungen zwischenzeitlich ausfallen. Dann müssen Autos dennoch sicher autonom weiter fahren können. Wir haben die dafür notwendigen Bauelemente: die Sensorik, die Aktuatorik. Da sehen wir ein riesiges Potenzial für uns. Unsere Produkte sind die Schlüsseltechnologie dafür, dass das Auto autonom werden kann.

IoT und Industrie 4.0 verändert gerade mit enormer Geschwindigkeit die Welt der Kunden von Infineon. Was ändert sich für Infineon selber?

Die Geschäftsmodelle werden sich ändern. Das betrifft uns bei zwei Aspekten: Wie stellt sich Infineon zur Digitalisierung? Und wie nutzt Infineon die anderen Geschäftsmodelle?

Digitalisierung bedeutet für Infineon zum einen schnelleres Lernen – und zwar auch schneller als der Wettbewerb. Dazu müssen wir sicherstellen, dass die notwendigen Daten entstehen, zugriffsfähig sind und ausgewertet werden können. Aus diesen Daten entsteht dann wertvolles Wissen.

Der zweite Aspekt betrifft zum Beispiel unsere Logistiksysteme. Wir müssen unsere Fertigungen noch präziser steuern und damit schneller auf die Bestellung der Kunden reagieren können. Dafür müssen wir uns mit einigen Fragen beschäftigen: Was sind aktuelle Marktfaktoren? Auf welche Technologien müssen wir setzen? Um diese Fragen zu beantworten, brauchen wir Big Data.

Dazu gehen wir auch ungewöhnliche Wege – zum Beispiel mit einem Versuchsballon: Wir werten Blogs aus, um genau zu sehen, was in der Ingenieurzunft hip ist, was für sie gerade den neuesten Stand der Technik darstellt und wie wir bei ihnen vertreten sind.

Wir wollen künftig aber auch Informationen über die Belastungen unserer Bauelemente im Feld erhalten. So stellen wir sicher, dass die Bauelemente der nächsten Generation optimal auf die Anforderungen angepasst sind. Wir können auch die Ansteuerung so ändern, dass belastende Vorgänge, die die Lebenszeit der ICs verkürzen würden, nicht mehr stattfinden. Insgesamt wird das alles die Lieferketten stark verändern. Ich rechne damit, dass wir auch neue Geschäftsmodelle etablieren werden.

Was halten Sie von der gegenwärtigen Förderpolitik? Wie es aussieht, bekommt Infineon von den Förderungen in Deutschland relativ wenig ab. Woran liegt es, und was würden Sie sich wünschen?

Eigentlich können wir uns nicht beklagen. Im Vergleich zur durchschnittlichen Förderung erhält Infineon einen fairen Anteil. Unser Eindruck ist, dass die Bundesregierung hier sehr systematisch vorgeht. Insbesondere der ressortübergreifende Ansatz bei der Förderpolitik, der die ganze Wertschöpfungskette abdeckt, ist hilfreich.

In diesem Zusammenhang ist für uns das Angebot der Bundesregierung interessant, die Mikroelektronik im Rahmen eines „Important Project of Common European Interest“ mit insgesamt etwa einer Milliarde Euro zu fördern. Die Ausgestaltung dieses Vorhabens ist gerade im Gange. Wir erwarten für Mitte nächsten Jahres den offiziellen Startschuss für dieses Förderprojekt. Es tut sich also was.

2008 herrschte auf der electronica noch blendende Stimmung, danach brach der Markt ein. Können Sie sich nach einem Rückgang des Halbleitermarkts nach 2015 und voraussichtlich auch 2016 einen signifikanten plötzlichen Einbruch vorstellen?

Einen plötzlichen Einbruch, der von globalen Krisen hervorgerufen wird, können wir nie ganz ausschließen. Die Aussichten für die kommenden Jahre sind aber eher positiv. Wir sehen strukturelles Wachstum, zum Beispiel bei Elektromobilität, automatisiertem Fahren und erneuerbaren Energien – Themen, bei denen Infineon besonders stark ist. Diese langfristigen Trends bleiben uns noch viele Jahre erhalten. Eine Abschwächung der Automobilproduktion würde uns heute auch nicht mehr so stark treffen, weil der Wert der Halbleiter pro Fahrzeug immer weiter zunimmt. Und abgesehen vom Automobilmarkt mit rund 40 Prozent Anteil an unserem Umsatz steht kein anderer Anwendungsbereich für mehr als 10 Prozent. Diese breite Diversifizierung sollte bei einem möglichen Einbruch von Teilmärkten dämpfend wirken. Sie sehen: Infineon ist für die Zukunft sehr gut aufgestellt.

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