Feldstudie auf dem Wacken-Openaír

Faster, harder, resilienter: Heavy Metal steigert die Schmerzresistenz

25. August 2026, 15:14 Uhr | Eine ernsthafte Glosse von Ute Häußler
Die Feldstudie wurde über mehrere Tage direkt auf dem Wacken Open Air durchgeführt.
© MPI CBS

Eine Doktorandin, ein Eiswasserbottich, 80.000 Metalfans: Zwischen Lederwesten und Moshpit untersuchten Forscher des Max-Planck-Instituts, wie Hardrock die Schmerztoleranz verändert. Das Ergebnis: Entspannung mit Fake-Positivity hilft nicht, die Wut auszuleben wirkt besser, als sie zu verdrängen.

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Auch im KI-Zeitalter gilt: Die besten Geschichten schreibt das wahre Leben. Stellen Sie sich bitte folgendes Bild vor: eine Doktorandin im schwarzen Laborkittel, ein Eiswasserbottich auf einem Rock-Festival und eine spannende Forschungsfrage unterm Zeltpavillion - umringt von 80.000 Menschen in Lederwesten, Nietenarmbändern und Heavy-Metal-Musik.

Willkommen in Wacken, dem einzigen Ort der Welt, an dem »Ich hab hier mal ein wissenschaftliches Experiment« nicht mit Kopfschütteln, sondern mit Warteschlangen beantwortet wird. Denn die Forschungsfrage war wirklich spannend: Lydia Schneider und Tom Fritz vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften wollten wissen, was Heavy Metal mit der menschlichen Schmerztoleranz macht.

OK, auch der Laborkittel war schwarz: 122 Metalfans machten bei dem Experiment von Lydia Schneider vor Ort auf dem Wacken Open Air mit.

OK, auch der Laborkittel war schwarz: 122 Metalfans machten bei dem Experiment von Lydia Schneider vor Ort auf dem Wacken Open Air mit.

© MPI CBS

Für ihre einfache aber wirksame Methode kommt der Bottich ins Spiel: Hand und Unterarm ins eiskalte Wasser, Uhr läuft, Herzfrequenz mitgeschrieben. Klingt nach Mittelalter-Folter, war aber Feldforschung – und 122 Metalheads standen bei der Ice-Bucket-Challenge der etwas anderen Art Schlange, um sich freiwillig zu quälen. Für die Wissenschaft, versteht sich, nicht fürs Vergnügen. Obwohl: Bei dieser Zielgruppe verschwimmt die Grenze vielleicht ohnehin.

Hardrock macht dem Ärger Luft, und resilient

Das Ergebnis ist die eigentliche Pointe, und passend zum Musikgenre wenig subtil: Die Festivalbesucher hielten den Kälteschmerz nach Tagen voller Blastbeats, Moshpit-Geschubbse und Growls länger aus als eine Vergleichsgruppe. Nicht weil sie den Schmerz weniger fühlten, sondern weil sie ihn einfach besser abkonnten. Wacken und der Heavy-Metal-Sound hatten sie widerstandsfähiger gemacht.

Und hier wird's interessant, auch für alle, die weder in Wacken noch in einem Darkroom jemals ein Nietenarmband getragen haben. Die »Feldstudie« im wahrsten Sinne des Wortes bestätigt etwas, das man in der Psychologie längst weiß, aber selten so bildgewaltig demonstriert bekommt: Unterdrückter Ärger verstärkt das Schmerzempfinden, ausgedrückter Ärger verringert es. Ergo: Wer seine Wut runterschluckt und versucht, seine Sorgen mit Entspannungsmusik wegzulächeln, tut sich selbst keinen Gefallen. Der Körper erkennt den pseudo-positiven Fake-Vibe.

Wer seine Sorgen dagegen rausschreit, sei es in einem Moshpit kräftig »tanzend«, oder einfach nur laut mitgrölend seinem Ärger Luft verschafft, der trainiert offenbar genau die Resilienz, die im Alltag gegen Schmerz und Stress hilft.

Die eigentliche Ironie des Experiments

Der Klischee-Rocker, der wütende Musik hört, um Dampf abzulassen, macht instinktiv etwas Richtiges. Wellness-Ratgeber und Yogastudios mit ihrer »immer schön ausgeglichen bleiben«-Attitüde haben nicht immer die beste Antwort: Manchmal ist »Faster, harder, louder« eben nicht nur ein Festivalmotto, sondern eine ziemlich vernünftige Bewältigungsstrategie – nur eben mit Marshall-Stack statt Meditationskissen.

Vielleicht sollte die nächste Schmerzambulanz also nicht nur Entspannungsmusik im Wartezimmer spielen. Ein bisschen Slayer, Shouting oder Growling könnte auch nicht schaden.


Chronische Schmerzen: Die Relevanz des Wacken-Experiments

Tom Fritz, der die Gruppe „Musikevozierte Hirnplastizität“ am MPI CBS leitet, erklärt: »Im klinischen Kontext wird Musik häufig dafür genutzt, positive Gefühle und Entspannung auszulösen. Wenn es aber darum geht, mal seinen Ärger auszuleben, will man ja nicht unbedingt Entspannungsmusik hören. Die Akzeptanz unangenehmer emotionaler Zustände oder schwieriger Situationen spielt eine zentrale Rolle für die Resilienz und die Schmerztoleranz, und wütende Musik hören kann daher vorteilhaft sein anstatt unangenehme Emotionen mit positiven Emotionen zu überdecken. Metalmusik oder wütende Musik insgesamt könnte so vermutlich bei Patienten mit viel Ärgererleben durch Schmerzen auch präventiv dazu beitragen die Entwicklung chronischer Schmerzen zu verhindern.«

Zur wissenschaftlichen Studie: Increased pain resilience among heavy metal music festival attendees | Scientific Reports

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