Weltpremiere in der Diabetes-Überwachung

Dualer Glukose-Keton-Sensor von Abbott zugelassen

29. Mai 2026, 09:14 Uhr | Ute Häußler
Glukose und Ketone steigen nicht immer gleichzeitig an: Ketone können unabhängig vom Glukosespiegel ansteigen und in manchen Fällen sogar dann, wenn die Glukosewerte im Normbereich liegen – was die Erkennung eines Risikos für eine diabetische Ketoazidose (DKA) verzögern kann.
© Abbott

Abbott hat als erstes Unternehmen weltweit die CE-Kennzeichnung für einen kontinuierlichen Dual-Sensor erhalten, der Glukose und Ketonkörper gleichzeitig misst. Der Libre Duo soll die Früherkennung der diabetischen Ketoazidose revolutionieren – der Marktstart in der EU soll Ende des Jahres erfolgen.

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Menschen mit einem münzgroßen, weißen Patch am Arm gehören mittlerweile zum Alltag. Die Mini-Sensoren überwachen den Blutzucker kontinuierlich und sind damit auch Basis für sogenannte Closed-Loop-Systeme, die auf Basis der gemessenen Glukosewerte direkt Insulin abgeben - und damit das Leben von Diabetikern radikal vereinfachen.

Der FreeStyle Libre von Abbott ist das meistgenutzte CGM-System der Welt – mehr als acht Millionen Menschen in über 60 Ländern tragen es; mit einem globalen Marktanteil von über 58 Prozent im Jahr 2025 und einem Quartalsumsatz von knapp zwei Milliarden US-Dollar allein im zweiten Quartal 2025 ist der FreeStyle Libre längst zum De-facto-Standard der kontinuierlichen Glukosemessung geworden.

Auf dieser Basis baut Abbott jetzt eine neue Produktkategorie auf: Mit dem Libre Duo hat erstmals ein kontinuierlich-messender Sensor die CE-Kennzeichnung erhalten, der Glukose und Ketonkörper gleichzeitig misst.

Denn trotz der bereits alltäglichen Blutzuckermessung, blieb eine gefährliche Komplikation bislang ein blinder Fleck der Diagnostik: die diabetische Ketoazidose (DKA). Abbott schließt diese Lücke nun mit dem Libre Duo – dem weltweit ersten kontinuierlichen Dual-Sensor, der Glukose und Ketone in einem einzigen Wearable misst, jede Minute, in Echtzeit​. Die CE-Kennzeichnung wurde am 26. Mai 2026 erteilt​.

DKA bleibt unterschätzt

DKA entsteht, wenn der Körper bei Insulinmangel beginnt, Fett abzubauen – die dabei entstehenden Ketonkörper können auf lebensbedrohliche Konzentrationen ansteigen​. Besonders tückisch ist dabei, dass Ketonwerte unabhängig vom Glukosespiegel ansteigen können​. Ein herkömmliches CGM allein reicht als Frühwarnsystem daher nicht aus. Zahlen der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC (vergleichbar dem deutschen RKI) zeigen: DKA-Hospitalisierungen stiegen zwischen 2009 und 2014 um 54,9 Prozent; die DKA-bedingte Sterblichkeit nahm im Zeitraum 2013–2022 gegenüber 2003–2012 um weitere 37,2 Prozent zu. Besonders gefährdet sind Patient mit Typ-1-Diabetes sowie Personen unter SGLT2-Hemmern.

Was ist eine diabetische Ketoazidose?

Die diabetische Ketoazidose (DKA) ist eine akute, lebensbedrohliche Stoffwechselentgleisung, die vor allem bei Typ-1-Diabetes auftreten kann. Bei Insulinmangel kann der Körper Glukose nicht verwerten und beginnt, Fett abzubauen. Dabei entstehen Ketonkörper, die das Blut übersäuern. Zu den frühen Symptomen gehören Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Schwäche, Verwirrtheit oder ein fruchtiger Atemgeruch – häufig werden sie jedoch mit anderen Erkrankungen verwechselt.

Sinkt der pH-Wert des Blutes unter 7,25, versucht der Körper gegenzusteuern – durch die sogenannte Kußmaul-Atmung, eine vertiefte, beschleunigte Atemtätigkeit, die CO₂ abbaut und die Übersäuerung bremst. Im weiteren Verlauf drohen Bewusstlosigkeit, schwerer Flüssigkeitsmangel und Kaliumverschiebungen, die Herzrhythmusstörungen auslösen können. Ohne intensivmedizinische Behandlung endet eine schwere DKA tödlich.

Risikofaktoren:

- Typ-1-Diabetes
- Infektionen oder körperlicher Stress
- Vergessene Insulindosis oder Pumpenversagen
- Einnahme von SGLT2-Hemmern

Das Problem herkömmlicher CGMs:

Ketonkörper können unabhängig vom Glukosespiegel ansteigen – ein normaler Blutzuckerwert schließt eine beginnende DKA daher nicht aus​. Als Behandlung gilt eine intensivmedizinische Flüssigkeits- und Insulintherapie; je früher erkannt, desto besser die Prognose.

Libre Duo: Zwei Produkte, ein Ökosystem

Genau hier liegt die klinische Stärke des Libre Duo: Er schlägt Alarm, bevor ein kritisches DKA-Stadium erreicht wird. Da Ketonwerte 1 bis 6 Stunden früher ansteigen als der Glukosespiegel, öffnet der Dual-Sensor ein Frühwarnfenster, das mit einem herkömmlichen CGM unsichtbar bleibt – und das im Alltag über eine rechtzeitige Intervention entscheiden kann.

Abbott bringt zwei Gerätevarianten auf den Markt​: Den Libre Duo für Erwachsene ab 18 Jahren mit einer Tragedauer bis zu 15 Tagen und den Libre Duo 10 Day für jüngere, aktivere Nutzer ab zwei Jahren und einer Tragedauer von bis zu 10 Tagen. Beide Sensor-Patches integrieren sich in das bestehende FreeStyle-Libre-Ökosystem und ermöglichen das Teilen von Messdaten mit Pflegenden und Ärzten​. Die Geräte sind werkskalibriert – ein Fingerstich zur Kalibrierung entfällt​. Der Marktstart in ausgewählten europäischen Ländern ist für Ende 2026 geplant; parallel läuft die FDA-Einreichung, CEO Robert Ford erwartet die US-Zulassung in der zweiten Jahreshälfte 2026​.

Wie der Sensor funktioniert

Der Libre Duo arbeitet elektrochemisch: Ein miniaturisierter Biosensor im Subkutangewebe misst kontinuierlich die Konzentrationen von Glukose und β-Hydroxybutyrat – dem primären Ketonkörper im Blut – in der interstitiellen Flüssigkeit. Beide Analyten werden dabei über separate Enzym-Elektroden-Schichten auf demselben Sensorfilament erfasst, minütlich und ohne Fingerstich​.

Die größte ingenieurtechnische Herausforderung lag in der Werkskalibrierung des Keton-Kanals: Während Glukose-CGMs seit Jahren fabrikseitig kalibriert werden können, galt dies für Ketonkörper lange als kaum lösbar – unter anderem wegen der stark variierenden Ketonkonzentrationen im physiologischen Bereich und der Anfälligkeit der Enzymelektrode gegenüber Störstoffen​. Abbott hat dieses Problem mit einem proprietären Kalibrierungsverfahren gelöst, das klinische Genauigkeit ohne Nutzereingabe sicherstellt​. Es arbeitet mit einer patentierten Kombination aus Enzymauswahl, Membrantechnik und einem mathematischen Kalibrierungsmodell, das werkseitig auf jeden einzelnen Sensor angepasst wird.

Die Werkskalibrierung des Keton-Kanals

  • Spezifisches Enzym-Elektroden-Design
    Der Keton-Kanal nutzt βHBDH, eingebettet in eine speziell entwickelte Sensing-Schicht auf der Arbeitselektrode. Eine darüber liegende Membranschicht filtert Störmoleküle heraus und reguliert, wie viel β-Hydroxybutyrat überhaupt an die Elektrode gelangt – das stabilisiert das Signal über die gesamte Tragezeit.

  • Individuelle Sensitivitätscharakterisierung
    Laut Abbotts PubMed-Publikation zur Werkskalibrierung wird jeder Sensor im Werk auf seine individuelle elektrische Empfindlichkeit vermessen. Dieses Sensitivitätsprofil wird gespeichert und beim Auslesen der Signale automatisch als Korrekturfaktor angewendet – ohne dass der Nutzer etwas tun muss.

  • Patentiertes Dual-Detektionsverfahren
    Im März 2026 erhielt Abbott das US-Patent US12588844B2 für Sensoren mit dualer Glukose-Keton-Detektion. Das Patent beschreibt, wie Signale beider Analyt-Kanäle auf demselben Sensorfilament getrennt erfasst und verarbeitet werden – eine der Kernlösungen für das Übersprechen beider Messkanäle.

AID-Integration bereits in Vorbereitung

Abbott arbeitet aktiv an der Anbindung an automatisierte Insulinabgabesysteme (AID)​. Bereits im Juni 2025 hatten Ypsomed und CamDiab eine Partnerschaft bekanntgegeben, um den dualen Sensor in das AID-System mylife Loop zu integrieren – vorbehaltlich der Zulassung​. Der Libre Duo soll sich damit nahtlos in bestehende und neue Plattformen einfügen.

Zwei Jahre Vorsprung zu Dexcom und Medtronic

Anbieter

Produkt

Keton-Monitoring

Status

Abbott

Libre Duo / Libre Duo 10

✅ kontinuierlich, dual

CE-Zulassung Mai 2026; EU-Launch Ende 2026​

Dexcom

G8 (in Entwicklung)

⏳ geplant, Zeitplan offen

G8-Vorstellung Mai 2026; Keton-Funktion kommt nach Launch; Marktstart Ende 2027 / Anfang 2028

Medtronic

Guardian 4

Keine öffentlichen Ankündigungen zu Keton-Monitoring

Dexcom hat den G8 am 14. Mai 2026 vorgestellt – halb so groß wie der G7, mit 15-tägiger Tragedauer​. Ketone sollen in einer späteren Gerätegeneration folgen; konkrete Timelines nannte das Unternehmen nicht​. Der regulatorische Einreichungsprozess ist für 2027 geplant, ein Launch außerhalb der USA voraussichtlich erst 2028​. Abbott hat damit einen Vorsprung von mindestens zwei Jahren.

Wie kommt der Meilenstein in die Versorgung?

Mit der CE-Zertifizierung setzt der Marktführer einen technologischen Marker, der die Messlatte für den gesamten CGM-Markt anhebt.

Die Zulassung ist aber keine Versorgungsgarantie. Ob der Libre Duo den Standard-CGM – zumindest für Risikopatienten – tatsächlich ablöst, entscheidet sich weniger im Labor als an den Verhandlungstischen der Krankenkassen. Der normale FreeStyle Libre bleibt für alle Diabetiker:innen das Basisgerät zur Glukoseüberwachung – der Libre Duo ist für Hochrisikopatienten als klinisch überlegene Ergänzung positioniert, gerade weil die DKA-Zahlen weltweit nach oben schnellen.

Abbott adressiert auf eine riesige Versorgungslücke: Allein in den USA nutzen rund sechs Millionen Menschen SGLT2-Hemmer mit erhöhtem DKA-Risiko – aber nur einer von sechs trägt überhaupt ein CGM. In Deutschland wird das bestehende FreeStyle Libre nur bei intensivierter Insulintherapie (ICT) oder Insulinpumpe erstattet, ausschließlich auf Einzelfallantrag.

Die eigentliche Bewährungsprobe für den Libre Duo ist also nicht die Technologie, sondern die Erstattungspolitik.

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