Transfergesellschaften: Auffangbecken auch für kleine Schwärme

6. Mai 2009, 14:49 Uhr | Christine Demmer, Markt&Technik

Wenn Personalabbau nicht zu vermeiden ist, kann der Übergang von Teilen der Belegschaft in eine Transfergesellschaft eine vernünftige Alternative zu betriebsbedingten Kündigungen sein. Der Betrieb spart Lohnkosten und Sozialversicherungsbeiträge, die Mitarbeiter werden weiter qualifiziert. Bei der Partnerwahl sollte man aber kritisch hinschauen.

Die Schließung des Elektronikwerks JVC in Reinickendorf liegt gerade mal drei Jahre zurück. Bis zuletzt kämpfte die Belegschaft gegen die Entlassung von mehr als 200 Mitarbeitern. Mit einem bittersüßen Ergebnis: Statt in die Arbeitslosigkeit zu marschieren, wurden die Beschäftigten von einer Transfergesellschaft übernommen, sollten weitergebildet und in neue Jobs vermittelt werden.

Der Plan T kann aber auch für Mittelständler eine interessante Option sein – wenn sich die Chefs darüber im Klaren sind, dass sie anschließend zwar die Bindung für ihre Beschäftigten los sind, nicht aber die Verantwortung für ihren guten Firmennamen. Denn ob die Rechnung für die Mitarbeiter des Berliner Unternehmens aufgegangen ist, ist nicht überliefert.

Es gibt keine Statistik über die Qualifizierungs- und Vermittlungserfolge der Transfergesellschaften, weder von dieser noch von den anderen geschätzt mehreren hundert Anbietern in Deutschland. Tatsache ist allerdings, dass der vom JVC-Betriebsrat forcierte Deal anschließend heftig durch die Medien getrieben wurde. Die beauftragte Transfergesellschaft, so hieß es nämlich, stünde der betrieblichen Arbeitnehmervertretung verdächtig nahe.

Nähe allein ist noch nicht illegal, und ein Aufreger ist es allenfalls für Gegner der G’schaftlhuberei und andere Anbieter auf diesem Markt. Mit Transfergesellschaften lässt sich nämlich nicht nur Geld sparen, sondern auch gutes Geld verdienen. »Das ist ein sehr stark von den Gewerkschaften geprägtes Feld«, formuliert Constantin von Rundstedt sehr, sehr vorsichtig. Er leitet die Rundstedt Transfer GmbH, eine Tochtergesellschaft des Düsseldorfer Personaldienstleisters, der mit Outplacementleistungen bekannt geworden ist.

Transfergesellschaften verfügen über hohe Weiterbildungsbudgets

Weil die Transfergesellschaften zur Finanzierung ihrer Qualifizierungsaufgaben mit Mitteln aus dem Europäischen Sozialfonds gefördert werden, verfügen sie über hohe Weiterbildungsbudgets. Vom früheren Arbeitgeber und aus den öffentlichen Töpfen erhalten die Transfergesellschaften einmalig zwischen 3500 und 5000 Euro pro Mitarbeiter. Dafür kann man ganze Trainerbataillone engagieren.

Die Betriebsräte machen sich natürlich für die gewerkschaftsnahen Gesellschaften stark, was von Rundstedt und anderen Anbietern ein Dorn im Auge ist. »Erst streikt die Gewerkschaft für die bessere Finanzausstattung der Transfergesellschaft, und nachher greift sie das Geld dann selber ab«, zitierte die Zeit anlässlich der JVC-Berichterstattung Siegfried Backes, den Inhaber des Berliner Anbieters PersonalTransfer. Das verleiht der Sache mitunter ein übles G’schmäckle.

Immerhin bestimmt der Betriebsrat bei der Auswahl einer Transfergesellschaft mit, und die Anbieter des Sicherheitsnetzes bekommen eine ganze Menge Geld für Leistungen, die – auf dem Papier von der Arbeitsagentur abgenickt – später kaum mehr zu kontrollieren sind. Weiterbildung ist ein elastischer Begriff. Er umfasst ebenso den Lehrgang in Six Sigma wie den Gabelstaplerführerschein.

 


  1. Transfergesellschaften: Auffangbecken auch für kleine Schwärme
  2. Google & Co. haben ein langes Gedächtnis
  3. Transfergesellschaften: Wie es geht, was es kostet, was es bringt