Hat der Zwang zum sparen nach dem tiefen Fall Auswirkungen auf die Innovationskraft der Industrie? Das bestreiten die Teilnehmer des CEO Round Table vehement. »Wir laufen in einer Technologie-Tretmühle, wer aufhört, fällt«, sagt Hery Richard. Nur wer im Downzyklus in R&D investiere, könne aus der Krise gestärkt hervorgehen, das hätte die Geschichte immer wieder gezeigt. »Wir müssen unsere Zukunft durch ein hohes Investment in R&D sichern«, sagt auch Carlo Bozotti, 28 Prozent des Umsatzes hätte STMicroelectronics 2009 in R&D gesteckt. Ähnliches gelte auch für neue Maschinen, um im Wettrennen um die neusten Fertigungsprozesse mithalten zu können.
Anatomie der Krise
Um das besser zu verstehen, lohnt doch ein Blick in die Vergangenheit: Was war an der vergangenen Krise eigentlich anders als an den vorausgegangenen? Carlo Bozotti, President und CEO von STMicroelectronics, erklärt, dass die Krise eigentlich aus drei Teilkrisen bestand. Zuerst schlug Ende 2007/8 die Kreditkrise zu, an die er sich noch lebhaft erinnern kann, sollte doch zu diesem Zeitpunkt das Flash-Joint-venture mit Intel ins Leben gerufen werden. Das gestaltete sich schwierig, weil schlicht kein Kapital aufzutreiben war. Im zweiten Quartal 2008 folgte dann der Absturz des Dollar. »Das war eine echte Krise für uns«, so Bozotti.
Und im Herbst 2008 folgte dann die Finanzkrise. »Darauf hin froren alle Bestellungen ein – obwohl der Bedarf eigentlich da war«, erinnert sich Peter Bauer. Aber die verschieden Blasen, die platzten – Immobilienblase in den USA, Schulden von Banken und Staaten -, versetzten die Wirtschaft in eine Schockstarre, aus der sie sich nicht so schnell befreien konnte.
»Cash is King«, lautete das Motto, die Lieferkette war leergefegt. »Im ersten Quartal 2009 brachen die Bestellungen aus dem Automobilbereich um 40 Prozent ein, da kann man nicht mehr planen, nur reagieren«, meint Rick Clemmer. Wobei die Automobilproduktion ja nur um 20 Prozent eingebrochen war, was die Situation in aller Schärfe aufzeigt. »Es kam zu einer völligen Entkoppelung der Nachfrage-Signale, die die IC-Hersteller empfingen, und dem tatsächlichen Bedarf«, erklärt Henry Richard.
Dann setzte der Bedarf plötzlich wieder ein: Kein Wunder dass lange Lieferzeit die Folge waren. Dennoch will Peter Bauer eher von Execution Excellence sprechen, die Halbleiterindustrie sei gar nicht so schlecht gewesen, nach einem Absturz ohne gleichen relativ schnell wieder hoch zu fahren.
2010 ist nun das Boom-Jahr mit Zuwächsen, die selbstverständlich nicht zu halten sind. Für das vierte Quartal 2010 rechnen alle Penalisten deshalb mit einer Abkühlung des Wachstums.
Droht der nächste Downturn?
Ist das nun schon wieder der Indikator für den nächsten Downturn? Kaum, »Wir kehren zur Normalität zurück«, meint Henry Richard. Der Bedarf zeige sich weiterhin solide, die Visibilität werde sich 2011 deutlich verbessern. Der Überzeugung ist auch Carlo Bozotti. Zwar gebe es noch Fluktuationen in der Lieferkette, aber auch die noch vorhandenen Engpässe würden sich 2011 auflösen. Insgesamt rechnet er mit einem Plus von 5 bis 10 Prozent für 2011.
Dass aber zur Zeit sich die Lager schon wieder zu stark auffüllten, sieht keiner der Teilnehmer des CEO Round Table. Die Lagerbestände seien nun auf einem gesunden Level angekommen.
Und der grundsätzliche Bedarf sei ja weiterhin stark, entweder durch staatliche Regulierungen oder schlicht durch ökonomische Notwendigkeiten. Ob Energieeffizienz, erneuerbare Energie, Mobilität, Security und Datensicherheit, alles brauche viel Elektronik.
Sind wir also wieder in der Normalität angelangt? Das kann Peter Bauer nicht so stehen lassen. »Was ist denn normal in unserer Industrie? Diese Zustand hatten wir doch noch nie!« Und was die Stabilität angeht, so hält sie Henry Richard für einen Traum, der der Logik der Halbleiterindustrie eigentlich widerspricht: »Wir treiben Innovationen wie sonst kaum eine andere Industrie, aber wollen Stabilität? Das wäre doch ein eklatanter Widerspruch!«