Die Tops und Flops des Jahres 2009

17. Dezember 2009, 12:00 Uhr | Frank Riemenschneider, Elektronik
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Die Tops und Flops des Jahres 2009

Flop 1: Qimonda ist insolvent

12.000 Ex-Qimonda-Mitarbeiter können sich bei ihrem Ex-Aufsichtsrat Peter Fischl und Max-Dietrich Kley bedanken: Dank einer desaströsen Fehleinschätzung Fischls und seines grossen Infineon-Meisters Kley führte ihr Weg im April zum Arbeitsamt, während sich der über Jahre untätige Ex-CEO Kin Wah Loh in der malaysischen Sonne von seinen Strapazen erholt. Der Mann, der die Pleite durch ein Joint-Venture mit dem amerikanischen Speicherhersteller Micron verhindern wollte, Infineons Ex-CEO Ziebart, wurde von Kley vor die Tür gesetzt. Dass auch Kley im Februar 2010 abtreten wird, wird für die arbeitslosen Ex-Mitarbeiter nur ein schwacher Trost sein, genau wie die Tatsache, dass auch andere Hersteller im Speicher-Desaster-Jahr 2009 nur dank staatlicher Hilfen überlebt haben (Elpida, Hynix).

Flop 2: Ignorante Politiker bedrohen europäische Chip-Industrie

Wenn genug Wählerstimmen dahinterstehen, wird von Politikern jedes Unternehmen als systemrelevant erklärt und mit Finanzspritzen bedacht, sei es Opel, Quelle oder die Steinkohleindustrie. Die europäische Chipindustrie muss auf dem Weltmarkt mit Ländern wie USA, Japan, Korea oder Taiwan konkurrieren, deren Regierungen die Halbleiterhersteller auf Grund der Herausforderungen Klimakatastrophe und erneuerbare Energien offensichtlich als wichtiger erachten als die Damen und Herren in Brüssel und mehr oder weniger massiv subventionieren. Die Folge: Ungleiche Wettbewerbsbedingungen und ein sinkender Marktanteil der großen europäischen Hersteller NXP, STM und Infineon. So ist es nur eine Frage der Zeit, wann Produktion und in der Folge auch Design aus Europa abwandern.

Flop 3: EU-Rekordstrafe für Intel

Dass der 13. Mai ein schwarzer Tag für Intel werden würde, konnte man spätestens ahnen, als EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes den Saal betrat und eine Platine mit einem Intel-Chip auf den Tisch legte. Dann schimpfte die in Anlehnung an die ehemalige britische Premierministerin und »eiserne Lady« Margaret Thatcher, »Nickel Neelie« genannte 67-jährige Niederländerin los und verkündete die Rekordstrafe in Höhe von 1,06 Mrd. Euro gegen Intel - wegen Missbrauchs einer »marktbeherrschenden Stellung«. In dem 518 Seiten dicken Bericht kann man nachlesen, wie Intel angeblich seine Kunden geknechtet haben soll. Da Intel in Berufung gehen wird, dürfen wir mit einer weiteren »unendlichen Geschichte« rechnen.

Flop 4: Massenentlassungen durch Nationals Ex-CEO Brian Halla

Es gibt mehrere Möglichkeiten, auf eine Krise zu reagieren. National Semiconductors Ex-CEO Brian Halla reagierte immer auf seine Weise: 2003 entließ er 500 Mitarbeiter, 2008 weitere 330 und in 2009 nochmals 1725. Hallas Verdienste als Visionär und Vorkämpfer für die amerikanische Chip-Industrie sind unbestritten, die Personalpolitik hätte er vielleicht besser seinem Nachfolger Donald Macleod überlassen. Der will nämlich die Strategie in Richtung Linear Technology verändern (mehr Innovation = höhere Marktpreise), was sicher erfolgversprechender ist als Entlassungen. Meine Prognose, dass es mit National 2010 wieder aufwärts gehen wird, hilft den geschassten Ex-Mitarbeitern nicht mehr.

Flop 5: Pleite-Kunden kippen Freescale vom Auto-Thron

Wie der FC Bayern Platz 1 in der Bundesliga seit Jahren für sich proklamiert, saß Freescale unangefochten auf dem Chip-Thron für die Auto-Industrie. Nicht nur der FC Bayern musste mittlerweile 50 Wochen auf den Platz an der Sonne verzichten, laut iSuppli wurde Freescale in 2009 erstmals von Infineon verdrängt. Besonders bitter ist, dass es nicht an den nach wie vor sehr wettbewerbsfähigen Produkten liegt, sondern dass man schlichtweg die falschen Kunden zum falschen Zeitpunkt hatte: GM und Chysler bauten benzinfressende Monster und wären fast pleite gegangen, als die niemand mehr kaufen wollte. Dank Obamas Finanzhilfen und ersten Elektroautos in naher Zukunft wird es aber sich auch mit Freescale wieder bergauf gehen.

Flop 6: MIPS' wirrer Ausflug in die Analog-Welt

Im Jahr 2007 kaufte der Prozessorhersteller MIPS die portugisische Analog-Firma Chipidea für 147 Mio. Dollar. Angeblich handelte es sich um eine stategisch wichtige Entscheidung, um Kunden IP aus einer Hand anbieten zu können. Nach nur 22 Monaten wurde das Analoggeschäft für nur noch 22 Mio. Dollar an Synopsys verramscht. Neben dem Verlust von 125 Mio. Dollar plus Integrationskosten musste MIPS für den Kauf sein Bankkonto leeren, nun muss man hohe Zinsen zahlen, was den Kostendruck auf das Unternehmen enorm erhöht hat. Schon Ende 2007 hatten MIPS-Manager in einer Telefonkonferenz mit Analysten angemerkt, das die Integration der unterschiedlichen Verkaufsorganisationen nicht funktioniert. Wie gut, dass sich MIPS-CEO John Bourgoin das schönste Weihnachtsgeschenk selbst bereitet: Er geht in Rente.

Flop 7: Keine fröhliche Miene mehr im Land des Lächelns

In Japan führte die Krise zu Maßnahmen, die zuvor unvorstellbar erschienen: Nachdem die neun führenden Elektronikhersteller im abgelaufenen Geschäftsjahr zusammen 20 Mrd. Dollar Verluste erwirtschaftet hatten, entliessen allein NEC, Panasonic und Sony zusammen mehr als 50.000 Mitarbeiter, darunter auch viele Vollzeitangestellte, eine bis dahin aus kulturellen Gründen in Japan undenkbare Maßnahme. Fujitsu, Hitachi, Renesas, Sanyo und Toshiba führten betriebsbedingte Kündigungen in kleinerem Umfang durch. Ein entscheidener Faktor wird der Erfolg des Zusammenschlusses von Renesas und NEC Electronics sein. Kritische Stimmen bemängeln die große Überschneidung der Produktportfolios und enormen Investitionsbedarf, um Produkte für Prozesse in anderen Fabs zu rekonfigurieren. Hoffen wir mit den Kunden, dass alles besser klappt als erwartet.


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