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Paragon Firstronic geht in Profectus auf

Aus einer Konzerntochter wird ein selbstbewusster Mittelständler

08. Dezember 2010, 09:45 Uhr   |  Karin Zühlke

Aus einer Konzerntochter wird ein selbstbewusster Mittelständler

Das Management-Team von Profectus: v.l.n.r. Hans Marold, Helmut Bechtold, Jürgen John

Nach dem Insolvenzantrag von Paragon Firstronic hat deren Geschäftsführer Helmut Bechtold zusammen mit einem Management-Team der Paragon Firstronic im April 2010 den EMS-Dienstleister Profectus gegründet, wo er nun als Geschäftsführer die Bereiche Entwicklung, Marketing und Vertrieb verantwortet.

Markt & Technik: Die Geschäftsentwicklung der ehemaligen Paragon Firstronic war im Geschäftsjahr 2009 wie bei so gut wie allen EMS-Firmen rückläufig. Warum führte das in diesem Fall gleich zu einer Insolvenz?

Helmut Bechthold: Die Ursachen dafür waren zum Einen die konjunkturellen Rahmenbedingungen aber zum Anderen auch die wirtschaftliche Entwicklung der Muttergesellschaft und deren Konzern- und Gesellschaftsverflechtung. Durch diese Verflechtungen war die Paragon Firstronic gezwungen, drei Wochen nach der Insolvenz der Muttergesellschaft selbst einen Insolvenzantrag zu stellen, weil sie für die Verpflichtungen der Muttergesellschaft einstehen musste. In Folge dieser Situation haben sich natürlich die Kunden, besonders bei neuen Projekten, zurück gehalten.

Nun ist Profectus also ein mittelständischer EMS-Dienstleister ohne Konzern im Rücken.

Ja, wir sind jetzt ein typischer Mittelständler und komplett eigenständig und unabhängig. Alle drei Eigentümer sind im Unternehmen tätig. Wir können also Entscheidungen ohne Umwege sofort umsetzen. Wir sind sehr solide finanziert unser wirtschaftliches Eigenkapital beträgt mehr als 30 Prozent und haben den finanziellen Spielraum unser auch Wachstum umzusetzen. Unser Konzept sieht außerdem vor, dass erwirtschaftete Erträge im Unternehmen bleiben. Dadurch stellen wir die Weiterentwicklung sicher. Ich sehe in diesem Modell deutliche Vorteile für Kunden, Mitarbeiter und Lieferanten. Denn im Gegensatz zu einer Investor finanzierten Firma müssen wir uns nicht in erster Linie auf die Ausschüttung von Erträgen konzentrieren, um die Anleger bzw. Investoren zufrieden zu stellen.  
 
Bedeutet die Gründung von Profectus auch ein klares Bekenntnis zum alten/neuen Standort? Sind weitere Standorte geplant?

Unser Ziel war und ist, den Geschäftsbetrieb am Standort Suhl mit der neuen Gesellschaft fortzuführen und die Arbeitsplätze zu sichern. Dazu müssen wir  natürlich neue Projekte gewinnen und sind zuversichtlich, dass uns das auch gelingt. Weitere Standorte haben wir kurzfristig nicht geplant. Ideen, wie geplantes Wachstum langfristig umgesetzt werden kann, haben wir aber schon. Dies ist allerdings so zu verstehen, das eventuelle neue Standorte unseren Standort Suhl stärken und auch personell verstärken sollen – quasi ein strategisches Standortkonzept, ausgerichtet auf den Standort Suhl.

Ab wann rechnen Sie wieder mit Umsatzzuwächsen und wie wollen Sie diese erreichen?

Wir planen nach einer anfänglichen Konsolidierung ab 2011 für die kommenden drei Jahre wieder mit Umsatzsteigerungen von jeweils 15 Prozent. Dieses Wachstum ist auf den Standort Suhl ausgerichtet. Dazu wollen wir beispielsweise den Vertrieb neu strukturieren, unseren Entwicklungsbereich erweitern und bestehende Kooperationen in Wirtschaft und Forschung ausbauen. Zu Gute kommt uns, dass wir keine Neulinge auf dem Markt sind und eine gute Reputation bei Kunden und Partnern vorweisen können. Zusammen mit meinen Kollegen Hans Marold, der die Technik verantwortet, und Hans-Jürgen John, zuständig für die Finanzen bilden wir ein erfahrenes Führungsteam. Wir arbeiten seit vielen Jahren erfolgreich zusammen und haben unsere Zuständigkeitsbereiche entsprechend unseren persönlichen Stärken klar getrennt.

Planen Sie im Zuge dessen, das Personal aufzustocken?

Unser avisiertes Wachstum lässt sich nur mit einem weiteren Personalaufbau realisieren. Hier werden wir sowohl im gewerblichen als auch im Bereich Ingenieurtechnik sowie im kaufmännischen und wirtschaftlichen Bereich weiter ausbauen – natürlich auch im Vertrieb, denn Aufträge kommen nicht von alleine. Wir werden im nächsten Jahr auch mit der Ausbildung für Kaufleute und danach auch für technische Berufe starten. Das Interesse von Akademikern wollen wir durch die  Zusammenarbeit mit Hochschulen und mit Praktikanten wecken.
    
Der Mitbewerb in Deutschland unter den EMS-Firmen ist groß. Punkten wollen viele EMS-Dienstleister vor allem durch Entwicklungsdienstleistungen. Wie wird sich Profectus in diesem Bereich künftig aufstellen?

Die Einbindung von Entwicklungsleistung bei einem modernen EMS ist zweifelsfrei ein Muss. Ohne Entwicklung ist eine Weiterentwicklung eines EMS nur innerhalb eng gesteckter Grenzen möglich. Historisch betrachtet haben EMS-Firmen als Lohnbestücker begonnen, die Dienstleistung um elektrische Prüfung erweitert, danach kam das komplette Materialmanagement inklusive Einkauf hinzu, schließlich die Logistik und heute gehören
auch Entwicklungsdienstleistung zum Angebot.  

Wo sind die Grenzen dessen, was Sie als EMS hinsichtlich Entwicklung und Engineering leisten können? Aktuell wird in der Branche ja auch das Thema ODM (Original Design Manufacturing) diskutiert …

Dazu habe ich eine differenzierte Meinung. Entwicklung ist  ein sehr komplexes und weit reichendes Thema. Die eigentliche Entwicklung inklusive der Grundlagen- und Bedarfsforschung am Markt machen in der Regel die OEMs selbst – und das ist auch gut so. Ein EMS, auch die Global Player unter uns, sind nicht in der Lage, das komplette Spektrum der Entwicklungsanforderungen aller Branchen wirtschaftlich abzudecken. Denn dazu bedarf es eines Heers an Spezialisten für jedes einzelne Thema.

Sinnvoll ist es meiner Meinung nach, diese entwicklungsnahen Tätigkeiten in Forschung & Entwicklung und in Konstruktion & Design aufzuteilen. Normalerweise hat ein EMS im Bereich F&E ein Spezialgebiet, über das er sich differenzieren kann. Konstruktion & Design hingegen sind Themen, die jeder EMS, der die Entwicklung mit anbietet, auch beherrschen muss. CAD für Baugruppen und Geräte ist die Expertise, die sich ein EMS durch die Produktion und die Logistik erarbeitet hat und das die EMS-Ingenieure als Kundennutzen herausgearbeitet haben. Wenn dieses Wissen in Neuentwicklungen einfließt, haben unsere Kunden und wir einen gemeinsamen Nutzen. Hinzu kommt, dass durch die Auslagerung der Produktion das Feedback für Entwickler in Bezug auf Konstruktionsmängel schwieriger geworden ist. Hier bieten wir für Kunden, die weiter selber Designs erstellen, Workshops an, die Entwickler in Bezug auf »Design to X«  auf dem Laufenden zu halten.

Welchen »F&E-Schwerpunkt«, hat demnach Profectus und wie ist Ihre Entwicklungsabteilung strukturiert?

Unsere Schwerpunkte sind bei der Schaltungsentwicklung die Bereiche Gebäudetechnik und industrielle Elektronik, sowohl im Bereich von µControllern als auch bei der Leistungselektronik. Wir haben hier Erfahrung in Anlag- und Digitaltechnik und in der Programmierung der Hardware. Dies Endet in der Regel bei lauffähigen Systemen. Die kundenspezifische Anwendersoftware wird meistens vom Kunden selbst erstellt. Für Entwicklungen die unsere Anwendungskenntnisse übersteigen, arbeiten wir mit eigenständigen externen Entwicklungsfirmen zusammen. Das vorhandene Netzwerk bietet dafür ein weit reichendes Spektrum.

Stark sind wir auch in der Prüfgeräteentwicklung. Hier haben wir zum einen die Möglichkeit Programme für In Circuit Tester, Flying Probe Tester, Boundary Scan und IEC-Bus Meßsysteme zu entwickeln, die auf unseren fünf »Universaltestsystemen« von Terradyne bzw. SPEA zur Anwendung kommen. Wir entwickeln und bauen aber auch komplette, komplexe Prüfsysteme, die kundenspezifisch auf eine einzelne Baugruppe oder ein einzelnes Gerät ausgerichtet sind.
Die Organisation der Entwicklung besteht aus Projektmanager, Entwickler und Prototypen- bzw. Musterbau.

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2. »Wir sind jetzt ein typischer Mittelständler«

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