Europas Luftfahrt- und Verteidigungsindustrie laufen Gefahr, beim Ausbau ihrer Produktionskapazitäten durch Engpässe bei kritischen Rohstoffen ausgebremst zu werden. Zu diesem Ergebnis kommt die neue Roland-Berger-Studie "Building Resilience in Europe's Aerospace & Defence Supply Chain“.
Die Studie untersucht die zwölf von der NATO als besonders kritisch eingestuften Rohstoffe für die Branchen Rüstung und Luftfahrt.
Europa und seine Verbündete sind bei zahlreichen Materialien weiterhin stark von außereuropäischen Lieferketten abhängig. Besonders groß sind die Risiken bei Titan und Seltenen Erden; Rohstoffe, die für Flugzeugstrukturen, Triebwerke, Drohnen, Radarsysteme und elektronische Komponenten unverzichtbar sind und vor allem von China und Russland produziert werden.
Wolfgang Bernhart, Partner bei Roland Berger, sagt: „Europa investiert derzeit Milliarden in den Ausbau seiner Verteidigungsfähigkeiten. Doch höhere Verteidigungsbudgets allein reichen nicht aus. Solange die Versorgung mit kritischen Rohstoffen wie Titan und Seltenen Erden nicht gesichert ist, bleiben zentrale Teile der Luftfahrt- und Verteidigungsindustrie anfällig für geopolitische Risiken und Lieferengpässe.“
Der Studie zufolge werden die Luftfahrt- und Verteidigungsindustrie in den kommenden zehn Jahren voraussichtlich 600.000 bis 700.000 Tonnen Titan benötigen. Rund 60 Prozent davon entfallen auf Flugzeugstrukturen.
Derzeit stammt etwa die Hälfte des weltweit produzierten hochreinen Titanschwamms aus China und Russland. Ohne einen deutlichen Ausbau von Produktions- und Recyclingkapazitäten außerhalb dieser Länder könnte den neusten Berechnungen nach in den kommenden zehn Jahren eine Versorgungslücke von rund 100.000 Tonnen Titan entstehen
Auch Seltene Erden zählen zu den kritischsten Rohstoffen für die Branchen. Sie werden unter anderem für Permanentmagnete in Drohnen, Flugzeugen und elektronischen Systemen benötigt. China kontrolliert derzeit rund 90 Prozent der weltweiten Kapazitäten zur Verarbeitung und Veredelung Seltener Erden sowie zur Herstellung entsprechender Magneten.
Die Studie warnt, dass neu entstehende Produktionskapazitäten außerhalb Chinas vor allem von der Automobil-, Elektronik- und Energieindustrie beansprucht werden dürften. Für die Verteidigungsindustrie entstünden dadurch weitere Versorgungsengpässe, es sei denn, Regierungen oder OEMs ergreifen Maßnahmen, um sich feste Kontingente zu sichern.
Der Bedarf an kritischen Rohstoffen nimmt sowohl durch den Hochlauf der zivilen Flugzeugproduktion als auch durch steigende Verteidigungsausgaben und die zunehmende Elektrifizierung militärischer Systeme deutlich zu. Europa konzentriert sich vor allem auf die Weiterverarbeitung der Rohstoffe, während Förderung und Verarbeitung größtenteils außerhalb des westlichen Bündnisses stattfinden.
Laut Studie müssen Industrie und Politik vor allem in den Ausbau heimischer Förder- und Verarbeitungskapazitäten, die Entwicklung alternativer Materialien und in verstärkte Recyclingaktivitäten investieren, trotz technologischer, wirtschaftlicher und regulatorischer Herausforderungen. Seit 2023 wurden laut Roland Berger Analysen bereits mehr als 60 Milliarden Euro über Übernahmen, Beteiligungen und andere Transaktionen in kritische Rohstoffe außerhalb Chinas investiert. Hinzu kommen öffentliche Förderprogramme in Milliardenhöhe in Europa und den USA.