Deutschland muss sich bewegen. Reformen tun not. Wir alle wissen das. Aber es gibt auch immer noch Mutmacher in unserem Land. Einer davon ist die Elektro- und Digitalindustrie (EDI).
Bundeskanzler Friedrich Merz hat die Elektro- und Digitalindustrie jüngst im Rahmen seiner Ansprache zum eSummit in Berlin als Aushängeschild bezeichnet. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Unsere Branche hat Zukunft. Sie ist trotz geopolitischer Spannungen und tiefgreifender Umbrüche auf einen robusten Wachstumskurs zurückgekehrt.
Bereits 2025 haben sich nach drei schwierigen Jahren wieder positive Entwicklungen abgezeichnet, die die Unternehmen 2026 mit einem guten Start untermauert haben: Die Bestellungen steigen seit mehr als einem Jahr, und die Exporte legten zu Jahresbeginn sogar um knapp sieben Prozent zu. Der europäische Binnenmarkt erweist sich dabei als kraftvoller Treiber. Nach einem Plus von acht Prozent im Jahr 2025 konnte er in den ersten Monaten dieses Jahres nochmal um 15 Prozent zulegen. Damit können wir die Rückgänge in den USA und China mehr als ausgleichen.
Der Binnenmarkt ist unser wichtigstes wirtschaftliches Faustpfand in geopolitisch schwierigen Zeiten. Er gibt Stabilität, wenn globale Märkte schwanken. Selbst das Geschäftsklima zeigte sich zuletzt trotz erheblicher geopolitischer Risiken robust. Eben dieser Binnenmarkt erweist sich damit auch als wichtiger Faktor für den ZVEI, an seiner Prognose von zwei Prozent Wachstum der preisbereinigten Produktion im Jahr 2026 der EDI festzuhalten. Dennoch darf man natürlich nicht ausblenden, dass insbesondere vom Iran-Konflikt erhebliche Unsicherheiten ausgehen, deren wirtschaftliche Folgen sich derzeit noch nicht vollständig abschätzen lassen.
Es ist aber eben nicht nur die Analyse des Status quo, sondern auch der Blick nach vorn, die uns Anlass zum Optimismus geben. Studien zeigen: Die EDI steht bis 2035 in der ersten Reihe der industriellen Wertschöpfung. An ihr führt kein Weg vorbei: Sie ist die Schlüsselbranche für die großen Wachstumsmärkte unserer Zeit. In den kommenden fünf bis zehn Jahren besitzt sie das größte Wachstumspotenzial aller Industriezweige. Getrieben von den Megatrends Elektrifizierung und Digitalisierung wird ihr bis 2035 die höchste zusätzliche Wertschöpfung aller Branchen zugeschrieben. Unter günstigen Standortbedingungen könnte sich diese Wertschöpfung auf rund 182 Milliarden Euro nahezu verdoppeln.
Diese Entwicklung ist kein Zufall, sondern das Ergebnis konkreter technologischer Dynamiken. Drei Beispiele stehen exemplarisch für die enorme Hebelwirkung der Branche: KI-gestützte Prozessautomation, die elektrifizierte Wärmeversorgung von Gebäuden und die Transformation der Mobilität hin zu elektrischen Antrieben. Sie zeigen: Die EDI ist das Rückgrat moderner industrieller Wertschöpfung.
Das gilt in besonderem Maße auch für die Mikroelektronik – das Fundament der digitalen Welt. Eine aktuelle Studie, die im Rahmen des ZVEI-eSummits vorgestellt wurde, unterstreicht die strategische Bedeutung dieses Sektors: Der Halbleiterbedarf in Europa wird sich bis 2040 verdoppeln, der Bedarf der in Europa produzierenden Industrie sogar um den Faktor 2,4 steigen. Gleichzeitig erstreckt sich die Nachfrage über nahezu alle Technologiebereiche und wird mittel- wie langfristig stark bleiben.
Die Botschaft ist eindeutig: Europa verfügt über eine immense Nachfragebasis – jetzt gilt es, diese in industrielle Stärke, Innovationsführerschaft und Resilienz zu übersetzen. Wachstumsimpulse kommen insbesondere aus Schlüsselbranchen wie Automotive, Energie und Robotik sowie aus neuen Hochtechnologiefeldern wie industrieller KI, autonomen Systemen und intelligenten Industrieanwendungen. Das zeigt: Mikroelektronik ist kein isolierter Markt, sondern eng mit den zentralen Zukunftsfeldern der EDI verknüpft. Wer hier zurückbleibt, verliert den Anschluss an die industrielle Wertschöpfung von morgen.
Damit wird klar: Technologiepolitik ist zugleich Industriepolitik. Und sie beginnt bei der Energie. Mit dem Leitbild der „All Electric Society“ bietet die Elektro- und Digitalindustrie einen überzeugenden Zukunftsentwurf. Die aktuellen geopolitischen Krisen verdeutlichen einmal mehr unsere Abhängigkeit von fossilen Energien. Diese sind weder eine verlässliche Grundlage für Versorgungssicherheit noch für wirtschaftliche Stabilität. Die Antwort darauf ist Elektrifizierung – gemeinsam mit dem massiven Ausbau erneuerbarer Energien und moderner Netze.
Elektrifizierung ist der effizienteste Weg, Energie zu nutzen. Sie ist der Schlüssel zu mehr Souveränität. Damit sie ihre Wirkung entfalten kann, muss Strom jedoch zum attraktivsten Energieträger werden. Dazu gehört auch, ihn von unnötigen Umlagen und Abgaben zu entlasten. Kurzfristige Maßnahmen ersetzen keine strukturellen Reformen. Eine Senkung der Stromsteuer wäre ein wichtiger Schritt – gerade im Vergleich zu den volkswirtschaftlichen Schäden, die durch energiepolitische Abhängigkeiten entstehen können.
Mit der Elektrifizierung wächst zugleich der Strombedarf – und damit die Bedeutung leistungsfähiger Netze. Heute sind sie vielerorts das Nadelöhr der Energiewende. Der Netzausbau ist deshalb ein „No-Regret“-Projekt: Ein Großteil der Investitionen entfällt ohnehin auf Modernisierung und Erneuerung. Entscheidend ist, diesen Ausbau strategisch und digital zu gestalten. Denn nur digitalisierte Netze sind effizient, resilient und bezahlbar.
Elektrifizierung, Netzausbau und Digitalisierung gehören untrennbar zusammen. Das energiepolitische Zieldreieck aus Preis, Klimaschutz und Versorgungssicherheit lässt sich nur gemeinsam erreichen – durch mehr Elektrifizierung, nicht weniger. Weltweit wird dieser Weg bereits konsequent beschritten. Deutschland und Europa dürfen hier nicht zurückfallen.
Parallel dazu entwickelt sich die industrielle Künstliche Intelligenz zum nächsten großen Wachstumstreiber. Die EDI steht auch hier an der Spitze. Bereits heute setzt fast jedes zweite Unternehmen industrielle KI produktiv ein, und rund 90 Prozent beschäftigen sich intensiv mit entsprechenden Anwendungen. Die Investitionsbereitschaft ist hoch, die wirtschaftlichen Effekte sind schnell sichtbar.
Doch die zentrale Herausforderung bleibt der Umgang mit Daten. Zwar verfügt die Industrie über einen enormen Datenschatz, doch wird dieser noch zu selten geteilt und genutzt. Gründe dafür sind vor allem der Schutz von Know-how sowie Cyber- und IT-Sicherheitsrisiken. Hier braucht es eine neue Kultur des Datenteilens – verbunden mit klaren Regeln und Vertrauen.
Wenn es gelingt, diese Hürden zu überwinden, kann industrielle KI zu einem entscheidenden Wachstumsmotor werden. Dazu braucht es auch die richtigen politischen Rahmenbedingungen. Erste Fortschritte sind erkennbar – aber für einen echten Durchbruch ist mehr Mut erforderlich.
Trotz aller Herausforderungen gilt: Es gibt viele gute Gründe für Optimismus. Elektrifizierung, Mikroelektronik und industrielle KI stehen exemplarisch für die Dynamik und Innovationskraft der EDI. Auf sie kommt es mehr denn je an. Sie ist Motor der Transformation und Rückgrat eines wettbewerbsfähigen Industriestandorts. Wenn wir die richtigen Weichen stellen, wird diese Branche auch in Zukunft Wachstum, Innovation und Wohlstand sichern.