Souveräne Industrieplattformen

Die richtige Architektur entscheidet in der Fertigung

8. Juni 2026, 06:06 Uhr | Mario Jesse, Atos Deutschland
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Mario Jesse, Head of Sales – Discrete Manufacturing & Automotive bei Atos Deutschland, sieht in KI und Datenplattformen großes Potenzial für mehr Effizienz in der Fertigung. In seinem Kommentar fordert er aber ganz klar: »Offene Industrieplattformen mit klarer Datenhoheit«.

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KI, Datenplattformen und vernetzte Produktionssysteme versprechen mehr Effizienz und neue Spielräume für das Manufacturing. Doch wenn Datenmodelle, Integrationslogiken und KI-Workflows zu eng an einzelne Plattformanbieter gebunden sind, sinken Flexibilität und Innovationsgeschwindigkeit. Damit wird die Architektur der Industrieplattform selbst zur strategischen Schlüsselfrage.

Im Fertigungsbereich laufen derzeit mehrere Transformationslinien zusammen: KI hält Einzug in Planung und Produktion, Datenplattformen sollen Produktions-, Qualitäts- und Prozessdaten über Systemgrenzen hinweg nutzbar machen, und vernetzte Systeme liefern immer mehr Echtzeitinformationen aus Maschinen, Prozessen und Lieferketten. Parallel dazu wächst jedoch eine Herausforderung, die in vielen Projekten zunächst unterschätzt wird: die digitale Abhängigkeit von einzelnen Cloud- und Plattformanbietern. Was kurzfristig schnellen Zugang zu neuen Funktionen und Skalierbarkeit verspricht, kann sich mittelfristig als struktureller Nachteil erweisen. Proprietäre Schnittstellen, eng gekoppelte Datenmodelle und plattformspezifische Services erschweren den Technologiewechsel, verlangsamen Integrationsprojekte und erhöhen die Komplexität. Im Ergebnis wird nicht nur die IT schwerer steuerbar. Auch die Innovationsfähigkeit leidet.

Datenhoheit als Basis für belastbare KI-Architektur

Mit dem breiten Einsatz von KI steigt zugleich die Bedeutung von Datenhoheit. Produktionsdaten, Zustandsdaten aus Maschinen, Qualitätsdaten oder Engineering-Informationen bilden die Basis für wertschöpfende KI-Anwendungen. Damit solche Anwendungen belastbar funktionieren, müssen Unternehmen nachvollziehen können, wo Daten entstehen, wie sie verarbeitet werden, wer Zugriff darauf hat und in welchen Umgebungen sie gespeichert oder weiterverarbeitet werden. Das betrifft Compliance, Modellqualität und den Schutz geschäftskritischen Know-hows gleichermaßen.

Parallel dazu löst sich die klassische Trennung zwischen IT und OT zunehmend auf. Maschinen, Sensorik, Steuerungen und Leitsysteme erzeugen kontinuierlich Echtzeitdaten, die direkt in Produktionssteuerung, Qualitätsmanagement, Wartung oder Supply-Chain-Prozesse einfließen. Moderne Plattformen müssen diese Daten nutzbar machen, ohne die Anforderungen der OT an Verfügbarkeit, Latenz und Betriebssicherheit zu verletzen. Genau deshalb gewinnen hybride Architekturen an Bedeutung. Sie ermöglichen es, Daten und Anwendungen dort zu betreiben, wo es technisch, regulatorisch und wirtschaftlich sinnvoll ist: am Edge, in Private-Cloud-Umgebungen oder in ausgewählten Public-Cloud-Strukturen. Nicht die maximale Zentralisierung ist das Ziel, sondern ein belastbares Zusammenspiel verteilter Komponenten.

Offene Standards schaffen technologische Beweglichkeit

Wer digitale Abhängigkeiten reduzieren will, muss deshalb auf Architekturebene ansetzen. Offene Standards, containerisierte Anwendungen und Multi-Cloud-fähige Betriebsmodelle sind dafür zentrale Bausteine. Sie helfen, Anwendungen portabler zu machen, Integrationsaufwände zu senken und neue Technologien schneller in bestehende Umgebungen einzubinden. Für Produktion, Supply Chain und Engineering entstehen so souveräne KI-Umgebungen, in denen Daten, Modelle und Laufzeitumgebungen kontrolliert betrieben und über verschiedene Infrastrukturen hinweg belastbar skaliert werden können. Das schafft die Voraussetzung, KI nicht nur punktuell, sondern über mehrere industrielle Anwendungsfelder hinaus belastbar zu skalieren.

Zugleich werden Industrieplattformen zur Basis neuer Geschäftsmodelle. Wer Daten sicher, interoperabel und systemübergreifend nutzbar macht, kann datenbasierte Services, vorausschauende Wartung oder plattformgestützte Services für Produktion und Supply Chain schneller etablieren. Souveränität wird damit nicht nur zur Frage der Kontrolle, sondern zum Hebel für neue Wertschöpfung.

Souveränität: Mehr als nur IT-Kontrolle

Ob Manufacturing‑Unternehmen ihre Innovationsfähigkeit langfristig sichern, entscheidet sich nicht an einzelnen Technologien, sondern an der zugrunde liegenden Architektur. Souveräne Industrieplattformen setzen auf offene Standards, klare Datenhoheit und portable Betriebsmodelle über Edge‑, Cloud‑ und On‑Premises‑Umgebungen hinweg. Nur so lassen sich KI‑Anwendungen, Datenplattformen und vernetzte Produktionssysteme flexibel weiterentwickeln, ohne neue technologische Abhängigkeiten zu erzeugen. Architektur wird damit zur strategischen Voraussetzung industrieller Innovationskraft – und letztlich zur entscheidenden Stellschraube, ob Unternehmen handlungsfähig bleiben oder dauerhaft im Plattform‑Lock‑in verharren.

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