Zur Terminierung der Produktionsaufträge nutzen viele Prozessfertiger manuelle Plantafeln mit einer Steckleiste je Produktionsanlage, in die Auftragsbelege oder Markierungsstreifen mit einer Länge entsprechend der Laufzeit des Produktionsauftrags eingesteckt werden.
Das Materialmanagement mit den Unterfunktionen Bestandsmanagement und Produktrückverfolgung ist für beide Produktionsprinzipien relevant. Allerdings hat die Produktrückverfolgung bei Prozessfertigern aufgrund der vielfach bestehenden Vorschriften eine sehr viel höhere Bedeutung als im Maschinen/ Anlagenbau. Aber auch hier ist, bedingt durch Forderungen des Marktes oder Auflagen der Behörden, der Trend zu einer umfassenderen Dokumentation der Produkthistorie zu erkennen.
Prozessindustrie: Fokus auf die Dokumentation
Bei den Auswerte- und Dokumentationsfunktionen unterscheiden sich die beiden Produktionsprinzipien hinsichtlich der verwendeten Unterfunktionen und ihrer Gewichtung. Beim Prozessfertiger dominieren die Funktionen Rückmeldedatenverarbeitung und Produktionscontrolling. Dies verdeutlich das folgende Beispiel: Um die Produktionsergebnisse über alle Fertigungsstandorte hinweg aktuell und vergleichbar zu dokumentieren, wurde in einem Unternehmen der Nahrungsmittelindustrie eine unternehmensweit einheitliche MES-Lösung eingeführt. Aufgabenstellung für das Projektteam war die Implementierung eines Systems mit automatisierter Datenübernahme aus den vorhandenen Prozessleitsystemen sowie der Integration separat generierter Daten. Diese Informationen sollten analysiert und zu Berichten verdichtet werden sowie für die betriebliche SAP-Anwendung bereitgestellt werden. Das Projektteam analysierte dazu die Datenerfassungsverfahren an den verschiedenen Standorten sowie die bislang erstellten Berichte und Kennzahlen, um daraus die Anforderungen an die MES-Lösung abzuleiten. Bei Unterschieden zwischen Standorten war zu klären, welche Berichte als Best-Practise-Lösung auf die anderen Standorte zu übertragen sind.
Ganz anders der Fokus eines Maschinenbauers: Im Vordergrund stand die Feinplanung und Steuerung der Produktion sowie der Instandhaltung als produktionsnaher Bereich. Ziel des Projekts war eine deutliche Verbesserung der Termintreue auf über 90% sowie die Halbierung der Durchlaufzeiten. Dazu war es notwendig, konzeptionell eine durchgängige Planungslösung – von der Auftragsannahme über die übergreifende Auftragseinplanung bis zur Anlagenbelegungsplanung – vorzusehen und eine darauf abgestimmte Steuerung der Ressourcen zu implementieren. Die Lösung besteht aus einem in das vorhandene ERP-System integrierten MES mit einer kapazitätsgeprüften Liefertermin-Ermittlung und Auftragseinplanung. Durch die Transparenz über das Fertigungsgeschehen ist eine aktuelle Entscheidungsgrundlage hinsichtlich eventuell notwendiger Kapazitätsanpassungen gegeben. Unterstützend dazu wurden Maßnahmen zur Arbeitszeit-Flexibilisierung, Materialbereitstellung und Flächenkennzeichnung umgesetzt. Für die Zukunft ist der weitere Ausbau des Systems zur Einbindung vor- und zwischengelagerter Bereiche (Lieferanten und Unterlieferanten) vorgesehen. sk
![]() | Michael Lickefett ist Gruppenleiter im Themengebiet Produktionslogistik am Fraunhofer-Institut IPA in Stuttgart. | ![]() | Ute Mussbach-Winter ist beim Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) in Stuttgart, im Themengebiet Unternehmenslogistik tätig. |
Die Auswerte- und Dokumentationsfunktionen umfassen sämtliche Leistungsanalysen wie Kapazitätsauslastung oder Auftragsdurchlaufzeiten. Hinzu kommt die Berechnung von Kennzahlen für das Qualitätsmanagement mit Überwachung der Qualitätskriterien und Bereitstellung der für die betrachteten Produktionsbereiche festgelegten Qualitätskennzahlen. Darauf setzt dann das Informationsmanagement mit den Unterfunktionen Auftragspapiere und Dokumentenmanagement auf.
Im Maximalausbau unterstützen MES-Lösungen alle drei Funktionskategorien. Viele Lösungen konzentrieren sich auf einzelne Funktionsbereiche. Hierbei orientieren sich die MES-Anbieter oft an den Bedürfnissen einzelner Branchen, die sich aufgrund unterschiedlicher Fertigungsprinzipien, Marktanforderungen oder den gesetzlichen Regelungen teilweise erheblich unterscheiden.
Prinzipiell benötigen Stückgut – und Prozessfertiger die gleichen Datenmanagementfunktionen. Unterschiede bestehen jedoch bezüglich der zu erfassenden und zu verwaltenden Daten, der Erfassungsart (manuell, online von Maschine) sowie der Erfassungshäufigkeit (ereignis-orientiert, zyklisch).