Fast 400 Stunden mit negativen Strompreisen gab es 2026 bereits bis zum 20. August. Für Patrick Lemcke-Braselmann, CEO der aream Group, ist das kein Zeichen für zu viel Solarstrom, sondern für zu wenig Flexibilität. Speicher könnten aus dem Problem eine Chance machen.
Kommentar von Patrick Lemcke-Braselmann, CEO der aream Group:
Negative Strompreise wirken auf den ersten Blick paradox: Produzenten zahlen dafür, dass jemand ihren Strom abnimmt. Dahinter steht eine zeitweise Asymmetrie zwischen Angebot und Nachfrage. Wind- und Solaranlagen produzieren wetterabhängig, und nicht alle Anlagen lassen sich flexibel regeln. Gleichzeitig tragen auch unflexible konventionelle Kraftwerke zum Überangebot bei. Insbesondere Kohlekraftwerke werden ungern vollständig heruntergefahren und speisen deshalb teilweise auch dann Strom ein, wenn bereits viel erneuerbare Energie zur Verfügung steht.
Treffen hohe Erzeugung und geringe Nachfrage aufeinander, können die Preise an der Strombörse kurzfristig unter null fallen. Das ist jedoch kein Marktversagen. Negative Strompreise sind vielmehr ein sinnvolles Marktsignal: Sie zeigen, dass es im Stromsystem an Flexibilität fehlt.
Genau hier kommen Speicher und eine flexiblere Steuerung von Verbrauch und Erzeugung ins Spiel. Überschüssiger Strom kann gespeichert und erst dann genutzt oder vermarktet werden, wenn er benötigt wird. Auch eine intelligentere Steuerung von Verbrauchern, unterstützt beispielsweise durch Smart Meter, kann dazu beitragen, Nachfrage stärker in Zeiten mit einem hohen Stromangebot zu verlagern. Wer diese Flexibilität bereitstellt, kann aus den Preisschwankungen ein Geschäftsmodell machen.
Wie relevant das inzwischen ist, zeigt die Entwicklung der negativen Day-Ahead-Preise. 2012 gab es nur wenige Stunden mit negativen Strompreisen. Bis zum 20. August dieses Jahres waren es bereits fast 400 Stunden; der Tiefstpreis lag bei knapp minus 50 Cent/kWh. Gegenüber 2025 waren es allerdings rund 50 Negativpreisstunden weniger. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass der Ausbau von Speichern erste Wirkungen entfaltet. Gleichzeitig hat der heiße Sommer in Europa mit seinem höheren Strombedarf für Kühlung die Nachfrage erhöht.
Zu kurz greift deshalb die Behauptung, negative Strompreise seien vor allem ein Zeichen für zu viel Solarstrom. Auch konventionelle Kraftwerke tragen zeitweise zum Überangebot bei. Das grundsätzlichere Problem liegt jedoch in der Infrastruktur: Es fehlen Speicher, flexible Verbraucher und ausreichende Netzkapazitäten.
Langfristig brauchen wir deshalb Investitionen in Speicher, den Ausbau der deutschen Stromnetze und eine stärkere europäische Netzintegration, damit Strom besser über Grenzen hinweg ausgeglichen werden kann. Negative Preise sind letztlich nur das sichtbare Symptom dafür, dass die Infrastruktur mit dem Ausbau der Stromerzeugung nicht Schritt gehalten hat.
Das bedeutet allerdings nicht, dass wir weniger erneuerbare Energien brauchen – im Gegenteil. Mehr Wind- und Solarenergie muss mit zusätzlichen Speichern und einem flexibleren Stromsystem kombiniert werden. Nur so lässt sich die Abhängigkeit von Gas und Kohle weiter reduzieren. Dann würde insbesondere teurer Strom aus Gaskraftwerken nur noch in deutlich weniger Stunden den Strompreis bestimmen.
Negative Strompreise sind daher weniger ein Alarmsignal als eine Chance. Sie zeigen, dass der Markt zunehmend nicht nur die Erzeugung von Strom, sondern auch Flexibilität bewertet. Besonders interessant wird deshalb die Kombination aus erneuerbarer Erzeugung und Speichern: Wer Strom dann aufnehmen kann, wenn er reichlich vorhanden und günstig ist, und ihn zu einem späteren Zeitpunkt bereitstellt, kann von den Preisschwankungen profitieren. Für die nächste Wachstumsstufe der Erneuerbaren wird diese Verbindung von Erzeugung, Speicherung und flexibler Nutzung entscheidend sein.