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Belebung tut dem PXI-Messtechnik-Markt gut

Interview: »Messgeräte auf den PXI-Formfaktor zu bringen, ist noch lange nicht alles«

25. Oktober 2010, 11:17 Uhr   |  Nicole Wörner

Interview: »Messgeräte auf den PXI-Formfaktor zu bringen, ist noch lange nicht alles«

Rahman Jamal, National Instruments: »Meines Erachtens werden klassische Messgeräte durch Agilents Markteinstieg wahrscheinlich noch rasanter durch PXI-basierte modulare Instrumente ersetzt als bisher, so dass PXI nun noch schneller wächst.«

Vor wenigen Wochen hat Agilent mit der Vorstellung von 48 PXI-Produkten auf einen Schlag für eine Überraschung im Messtechnikmarkt gesorgt. National Instruments, PXI-Initiator und Marktführer im PXI-Messtechnik-Segment, reagiert gelassen. Wir sprachen mit Rahman Jamal, Technical & Marketing Director und Prokurist von National Instruments Deutschland über NIs Sicht auf den PXI-Markt.

Markt&Technik: Für viele kam Agilents massives Engagement im PXI-Markt sehr überraschend. Hatten Sie damit gerechnet?

Rahman Jamal: Wenn eine wegweisende, offengelegte Plattform sich über 13 Jahre mit stetigem rasantem Wachstum im Markt etabliert hat, dann verdeutlicht das einfach die Akzeptanz seitens des Anwenders. Dann ist es eher eine Frage der Zeit, wann sich auch ein Messtechnik-Schwergewicht wie Agilent mit neuen Entwicklungen außerhalb des Messgeräte-Boxen-Geschäfts ernsthaft auseinandersetzt. Um Ihre Frage konkret zu beantworten: Nein, es hat uns nicht überrascht.

Wie reagiert NI auf diese Bekanntmachung?

Für uns als Initiator des PXI-Standards ist dieser Einstieg von Agilent einerseits richtig und konsequent und andererseits ein Beleg dafür, dass es eben nicht den oft propagierten idealen Bus für die Messtechnik gibt. Sie erinnern sich doch sicherlich an die immer wiederkehrende Diskussion über GPIB, VXI, USB, LXI, PXI etc. Kurz: Wir freuen uns, dass es nun einen weiteren PXI-Promoter aus der Welt der klassischen Messgeräte gibt.

Mit jedem neuen Mitbewerber wird der Markt neu verteilt. Wie schätzen Sie die Gefahr ein, Marktanteile an Agilent zu verlieren?

Seit der Gründung der PXI Systems Alliance gibt es mittlerweile über 1500 PXI-Produkte von knapp 60 verschiedenen Herstellern. NI alleine hat dieses Jahr bis dato schon 48 neue Produkte für diesen Standard auf den Markt gebracht, so dass es nun mehr als 400 NI-Produkte für PXI gibt. Meines Erachtens werden klassische Messgeräte durch Agilents Einstieg wahrscheinlich noch rasanter durch PXI-basierte modulare Instrumente ersetzt als bisher, so dass PXI nun noch schneller wächst.

PXI ist von vornherein darauf ausgelegt, dass für den Anwender die größte Auswahl von Modulen für den jeweiligen Applikationseinsatz verfügbar ist, so dass er mit der entsprechenden Entwicklungsumgebung, wie etwa LabVIEW oder TestStand, das für seine Bedürfnisse beste PXI-basierte System zusammenstellen kann. Jedes neue Mitglied ist eine Bereicherung für die PXI Systems Alliance. Es geht hier also gar nicht um Marktanteile, sondern darum, dem Anwender die geeignete Lösung bereitzustellen. Daher die von vornherein als offen angelegte »Allianz«.

Also ist das Ziel Ihrer Meinung nach erreicht, wenn alle namhaften Messgerätehersteller PXI unterstützen?Messgeräte auf den erfolgreichen PXI-Formfaktor zu bringen, ist noch lange nicht alles. Die Vision von National Instruments bei der Vorstellung von PXI vor 13 Jahren beinhaltete seit jeher die Software als integralen Bestandteil dieser Plattform. Dessen sind sich in klassischen Messgerätekategorien denkende Hersteller meines Erachtens gar nicht richtig bewusst, was verständlich ist, denn sie kommen ja aus einer messgeräte- bzw.- hardwarezentrischen Welt. Software ist für einen Messgerätehersteller gleichbedeutend mit einem Messgerätetreiber, der erst am Ende der Produktentstehung quasi als Beigabe mitgeliefert wird. Und genau das ist nicht die Grundphilosophie von PXI und schon gar nicht von National Instruments. Salopp formuliert: Software ist mehr als nur ein Messgerätetreiber. Hier geht es um softwaredefinierte Messtechnik.

Reicht denn ein Messgerätetreiber für ein PXI-Modul nicht aus? Was gehört noch dazu?

Neben den selbstverständlichen Messgerätetreibern sind Entwicklungstools, transparente, vom Anwender programmierbare FPGA-Bausteine, integrierte Timing- und Synchronisierungsfähigkeiten und umfassendere Möglichkeiten der softwaredefinierten Gesamtfunktionalität entscheidend für den erfolgreichen Einsatz einer solchen herstellerübergreifenden Plattform. PXI gepaart mit unseren Entwicklungstools wie LabVIEW oder auch auf automatisierte Tests zugeschnittene Software wie TestStand sind bestens aufeinander abgestimmt und verfolgen den ganzheitlichen Systemansatz.

Stichwort AXIe: Wie schätzen Sie die Zukunft dieses Standards ein? Ist es denkbar, dass NI ebenfalls Lösungen dafür anbietet? Arbeiten Sie vielleicht schon konkret daran?

Faktisch deckt PXI zurzeit 90 Prozent der Anforderungen an automatisierte Testanwendungen ab. Dennoch ist ATCA – auf dem AXIe ja aufbaut – selbstverständlich auf unserem Radarschirm. Wir haben in den letzten Jahren an vielen PICMG-Arbeitsgruppen für die Verwendung dieser Plattform für Großforschungs- sowie Mess- und Testanwendungen aktiv teilgenommen. Es gibt Ähnlichkeiten zwischen AXIe und VXI beispielsweise in Bezug auf größere leistungshungrige Systeme in sehr spezifischen Märkten und Nischenapplikationen. So sind AXIe-Module vergleichbar mit den »D-Size«-VXI-Modulen. AXIe stellt mit bis zu 200 Watt pro Slot jedoch höhere Leistungsoptionen als VXI zur Verfügung, das nur 60 W pro Einschub bietet. Allerdings ist zurzeit noch nicht ersichtlich, wie viele Anwendungen überhaupt solche Anforderungen haben. Nebenbei bemerkt: Während die restliche technologische Welt immer kleiner und energieeffizienter wird, ist AXIe »größer und hungriger«. Außerdem fehlt es hier an Softwarespezifikationen, was wieder zeigt, dass die Software bei einem solchen neuen Formfaktor wie AXIe kaum Beachtung findet.

Die Fragen stellte Nicole Kothe-Wörner.

 

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