Therapiebegleitung per App

Wie Digitalisierung bei Brustkrebs hilft

10. August 2026, 16:36 Uhr | Elektronik medical (uh)
Kern des Pro-B-Konzepts: Eine wöchentliche Befragung zum Gesundheitszustand per App.
© Rhön Stiftung

Eine App fragt wöchentlich nach dem Befinden, ein Ärzte-Team reagiert binnen 48 Stunden: Diese Kombination aus »Digital-Mensch-Versorgung« lindert bei Frauen mit unheilbarem Brustkrebs die Erschöpfung und verlängert womöglich sogar Leben. Nach der Charité-Studie soll nun die Regelversorgung kommen.

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Eine App bei Brustkrebs? Was auf den ersten Blick bei einer Erkrankung wie unheilbarem Krebs wie ein digitales Trostpflaster erscheint, ist in der Realität der Patientinnen ein wirklicher Rettungsanker. »Die App hat mir gefühlt mehrfach das Leben gerettet«, sagt Stephanie Neumann-Johnston, die an metastasiertem Brustkrebs erkrankt ist. Wenn die 51-Jährige am Wochenende plötzlich Fieber bekommt, muss sie nicht mehr rätseln, ob das ein Notfall ist. Sie öffnet eine App, findet geprüfte Informationen – und weiß, was zu tun ist. »Es gibt so viele Situationen, die man selbst nicht einordnen kann. Der persönliche Kontakt fängt mich dann emotional und medizinisch auf.«

Stephanie Neumann-Johnston erhielt 2018 die Diagnose Brustkrebs, 2022 kam die Nachricht, dass der Krebs in die Knochen gestreut hatte. Die ehemalige Modejournalistin nahm an der PRO-B-Studie teil, heute begleitet die App sie in ihrem Alltag.

Stephanie Neumann-Johnston erhielt 2018 die Diagnose Brustkrebs, 2022 kam die Nachricht, dass der Krebs in die Knochen gestreut hatte. Die ehemalige Modejournalistin nahm an der PRO-B-Studie teil, heute begleitet die App sie in ihrem Alltag.

© privat

Genau dieses Zusammenspiel aus digitaler Beobachtung und persönlichem Rückruf steht im Zentrum einer neuen Studie der Berliner Charité und der Deutschen Krebsgesellschaft, die jetzt im Fachmagazin Jama Oncology erschienen ist. Sie ist das Ergebnis des Innovationsfonds-Projekts »Pro B« und wurde gemeinsam mit drei großen Krankenkassen umgesetzt. Die Studie fiel so überzeugend aus, dass der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) nun empfiehlt, das Konzept in die Regelversorgung zu bringen.

Wenn die Klinik zu Hause weiterlebt

Rund 68.000 Frauen in Deutschland leben mit Brustkrebs, der bereits Metastasen gebildet hat. Heilbar ist die Erkrankung in diesem Stadium nicht mehr, doch moderne Therapien können sie oft über Jahre kontrollieren – manche Patientinnen bleiben dabei sogar berufstätig. Gerade dieser Fortschritt bringt allerdings eine neue Herausforderung mit sich: Viele Medikamente nehmen die Frauen heute zu Hause ein, nicht mehr in der Klinik.

»Deshalb sehen wir die Patientinnen seltener, unser medizinischer Blick ist zum Teil lückenhaft geworden«, sagt Prof. Maria Karsten, leitende Oberärztin am Brustzentrum der Charité und Initiatorin des Projekts. Um diese Lücke zu schließen, entwickelte ihr Team das digitale Behandlungskonzept »Pro B« als Versuch, trotz physischer Distanz nah an den Patientinnen zu bleiben.

52 Fragen als digitales Frühwarnsystem

Kern des Konzepts ist eine App, die wöchentlich bis zu 52 strukturierte Fragen stellt: Hatten Sie Schmerzen? Waren Sie kurzatmig? Waren Sie zu müde für gewohnte Tätigkeiten? Ein Algorithmus wertet die Antworten aus und schlägt bei relevanten Veränderungen Alarm. Das Behandlungsteam meldet sich dann binnen 48 Stunden telefonisch.

»Wir besprechen etwa, ob Medikamente gegen Übelkeit angepasst werden sollten, oder geben praktische Tipps zum Umgang mit Symptomen«, erklärt Karsten. »Wir erkennen aber auch ernsthafte Nebenwirkungen schneller, die sich hinter einem vermeintlich harmlosen Symptom wie Müdigkeit verbergen – und können die Patientin sofort in die Klinik holen.« So wird aus einem einfachen digitalen Fragebogen ein Instrument, das ärztliche Aufmerksamkeit genau dort bündelt, wo sie gebraucht wird.

Weniger erschöpft, seltener im Krankenhaus

Ob das in der Praxis tatsächlich funktioniert, hat das Forschungsteam in einer deutschlandweiten Studie mit 52 Brustkrebszentren und 909 Patientinnen zwischen 19 und 81 Jahren über ein Jahr lang geprüft. Die eine Hälfte erhielt die volle »Pro-B«-Begleitung, die andere wurde nur alle drei Monate befragt, ohne proaktive Rückrufe.

Der Unterschied war deutlich: Die Pro-B-Gruppe berichtete über signifikant weniger Fatigue, also körperliche, emotionale oder mentale Erschöpfung. Die Patientinnen schätzten ihre körperliche Funktionsfähigkeit besser ein. Sie mussten seltener ins Krankenhaus. Und erste Hinweise deuten darauf hin, dass das Konzept bei manchen Frauen sogar die verbleibende Lebenszeit verlängert.

»Das sind Effekte, die sich merklich auf den Alltag der Patientinnen auswirken – die Frauen sind leistungsfähiger und können ihr Leben besser bewältigen«, sagt Karsten, die die Studie leitete. »All das erreichen wir nicht durch ein neues Medikament, sondern allein dadurch, dass wir das Befinden der Frauen regelmäßig und strukturiert abfragen und darauf eingehen.« Mehr als 90 Prozent der Teilnehmerinnen wünschten sich anschließend, dass »Pro B« fester Bestandteil der Routineversorgung wird – Stephanie Neumann-Johnston nennt es eine Selbstverständlichkeit: »Die App nimmt einem eine große Last von den Schultern.«

Vom Forschungsprojekt zur Regelversorgung

Auf Basis der medizinischen Ergebnisse und einer begleitenden gesundheitsökonomischen Analyse hat der G-BA im Juni empfohlen, »Pro B« in die Regelversorgung zu überführen, die App bzw. die Begleitung würde damit künftig für alle gesetzlich Versicherten mit entsprechender Diagnose zugänglich. »Diese Empfehlung muss nun schnellstmöglich umgesetzt werden«, fordert PD Dr. Christoph Kowalski von der Deutschen Krebsgesellschaft als Co-Autor der Studie. »Wenn ein neues digitales Versorgungskonzept medizinisch und ökonomisch Vorteile bringt, sollten wir es den schwerstkranken Frauen nicht vorenthalten.«

Bis die formale Aufnahme in die Regelversorgung abgeschlossen ist, wollen die beteiligten Krankenkassen ihren Versicherten den Zugang schon vorab ermöglichen: Voraussichtlich ab Herbst 2026 soll das Konzept unter dem neuen Namen »ida« von Maria Karsten und ihrem Team weitergeführt werden, während aus dem Forschungsprojekt hoffentlich bald eine Alltagsversorgung für Brustkrebs-Patientinnen wird. (uh)

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