Digitalisierung | Telekom Healthcare

»Das Gesundheitswesen hinkt der Industrie 15 Jahre hinterher«

22. Juni 2026, 08:35 Uhr | Ute Häußler
Uew Heckert ist seit Januar 2026 COO des Health-Bereichs der Deutschen Telekom. Er kommt von Philips und will die Digitalisierung des Gesundheitswesens mit sicheren und vor allem souveränen Angeboten weiter voranbringen.
© Telekom

Uwe Heckert ist neuer COO Healthcare bei der Telekom. Er bringt den Medizintechnik-Blick in ein IT-Unternehmen, das tief im Gesundheitsmarkt verwurzelt ist. Ein Interview über die deutsche Klinik-Transformation, souveräne und sichere Gesundheitsdaten sowie Künstliche Intelligenz für die Versorgung.

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Das Interview wurde am Rande der DMEA 2026 in Berlin geführt.


Herr Heckert, Sie sind seit rund 100 Tagen COO Healthcare – was hat Sie bei Ihrem Telekom-Wiedereinstieg am meisten überrascht?

Wie viel eigentlich schon da ist. Knapp 300 Kliniken haben unser KIS iMedOne im Einsatz, weitere 300 nutzen unsere Datenplattform Synedra, große Krankenversicherer arbeiten auf unseren Systemen. Für rund die Hälfte der gesetzlich Versicherten sind wir über die digitale Identität bereits Zugangshüter zur ePA. Wir sind also ein gestandenes, multinationales Gesundheitsunternehmen, das täglich bei Millionen Patienten im Einsatz ist – in Deutschland, dem europäischen Ausland bis hin zu Kunden in den USA oder Singapur.

Trotzdem laufen die Health-Aktivitäten weitgehend unter dem Radar.

Weil das kein B2C-Geschäft ist. Dabei ist die Telekom im Gesundheitsbereich schon seit 2010 aktiv. 2013 wurde mit BrightOne das KIS iMedOne übernommen und der Bereih »Health« wurde neben Cloud, Security und Automotive eines der vier strategischen Wachstumsfelder. Was daraus gewachsen ist, nennen wir »One Health« – tatsächlich aber sind das zehn Einheiten, von Healthcare Solutions über T-Systems Austria und Schweiz bis hin zu MMS, Detecon, T-Cloud und Security.

Was hat Sie bewogen, von Philips zur Telekom zu wechseln?

Im deutschen Gesundheitswesen finden gerade tektonische Verschiebungen statt. Der Impact hier etwas zu bewegen ist für mich gefühlt größer. Die Telekom ist ein Software-, Service- und IT-Unternehmen – als Wirtschaftsinformatiker kann ich hier an anderen Hebeln drehen. Und dank der KI-Factory, die wir in München in nur einem halben Jahr aus dem Boden gestampft haben, könnte ich das Innovation Center für die nächsten sechs Monate allein mit Healthcare-Kunden auslasten – das zeigt mir, dass es die richtige Entscheidung war. Wir haben mit unserem Health-Portfolio von KIS, Cloud, Netz bis Security direkten Einfluss auf die Gesundheitssysteme.

DMEA 2026: Uwe Heckert, COO Healthcare der Deutschen Telekom, im Gespräch mit Ute Häußler, der Leitenden Redakteurin der Elektronik Medical.

DMEA 2026: Uwe Heckert, COO Healthcare der Deutschen Telekom, im Gespräch mit Ute Häußler, der Leitenden Redakteurin der Elektronik Medical.

© Telekom / Dirk Becker

Was sind Ihre konkreten Ziele für das erste Jahr?

Im Kern geht es darum, die Kliniken und Versicherer wirklich in der Transformation mitzunehmen – nicht nur zu beraten, sondern zu verstehen, was der Markt braucht, und daraus Angebote zu entwickeln, die tatsächlich helfen. Dazu gehören unter anderem die vielen Facetten der Künstlichen Intelligenz: etwa der Schockraumassistent oder der digitale Pflegebericht – wir wollen Pflegekräfte, die Ärzteschaft und auch die Verwaltung entlasten und damit letztendlich die Versorgung verbessern.

Wo zeigt KI im Klinikalltag heute schon konkret Wirkung?

Nehmen Sie die Notaufnahme der Kliniken der Stadt Köln: Dort läuft seit Dezember der Schockraumassistent als Proof of Concept – eine KI, die bei Behandlungen sofort auswertet und Entscheidungen unterstützt. Beim digitalen Pflegebericht sprechen die Pflegekräfte ihre Dokumentation ein, die KI wandelt das in Medizinsprache um und spielt es direkt ins KIS. In Häusern, in denen ein Großteil der Pflegekräfte Deutsch nicht als Muttersprache spricht, ist das keine Kür, sondern Notwendigkeit. Unser Beitrag ist dabei nicht die Speech-Recognition-Technik selbst – die kommt von Partnern –, sondern die Plattform, die das alles trägt und in bestehende Systeme einbettet.

Wo stehen die Kliniken gerade generell in der Transformation?

Die Kliniken laufen an vielen Stellen noch 10 bis 15 Jahre hinter der klassischen Industrie. Ich erlebe immer noch zu viele Häuser, die ihre Infrastruktur unbedingt selbst managen wollen – am liebsten on-premise, auf dem Campus – und die auf Sonderfeatures in der Applikation bestehen. Das bremst nicht nur sie selbst aus, das bremst das ganze Gesundheitswesen aus. Und es ist zudem teuer.

Wie überzeugen Sie die, die noch zögern?

Mit vier Argumenten: Funktionalität, Kosten, Souveränität und Sicherheit. Kein Sektor wird mehr gehackt als das Gesundheitswesen – weil er am lukrativsten und gleichzeitig am löchrigsten ist. Wer glaubt, der Server unterm Schreibtisch sei sicherer als ein zertifiziertes Rechenzentrum, der irrt sich. Und dann ist da noch das Kostenargument: Cloud-Lösungen im Verbund sind günstiger – nicht nur in der Installation, sondern vor allem im laufenden Betrieb. Gleiches gilt für die Funktionalität. Das wird gerne übersehen.

Viele Klinik-Planer gestalten Ausschreibungen mutmaßlich so, dass sie ihren bewährten Anbieter behalten.

Das trifft es. Und genau deswegen freuen wir uns über Kliniken, die nicht fragen »Was haben wir bisher?«, sondern übergeordnet denken »Was braucht die Region oder der Verbund?«. Das war eines meiner Highlights auf der DMEA: Mehrere Klinikchefs haben mir eröffnet, sie wollen nicht nur eine einzelne Einrichtung in die Cloud bringen, sondern den ganzen Klinikverbund. Sie denken über Managed-Infrastructure-Services nach, bei dem sie sich nicht mehr um IT kümmern müssen und ihre Energie für das verwenden können, was eigentlich zählt: die Patientenbehandlung.

Das klingt nach echtem Paradigmenwechsel. Im Alltag scheitert es jedoch oft an der Interoperabilität, dass Geräte nicht miteinander »sprechen«.

Das KHZG hat der Digitalisierung große Fortschritte beschert, gleichzeitig ist leider auch die Vielfalt und Komplexität der Applikationslandschaft größer geworden. Am Ende geht es um strukturierte Datenflüsse und eine gemeinsame Semantik. Daten verfügbar zu haben, ist das eine – sie auswertbar zu machen, ist das viel größere Thema.

Deswegen liegt unser Fokus nicht auf dem nächsten Feature im KIS, sondern darauf, echte Datenplattformen zu schaffen, die von mehreren Anwendungen gemeinsam genutzt werden können. Dafür haben wir mit Synedra – übrigens die größte Akquisition der Telekom in den letzten Jahren – eine Interoperabilitätsplattform gekauft, die bereits in 300 Kliniken läuft, darunter auch namhafte deutsche Uniklinika.

Sie nennen oft die Lausitz als Musterbeispiel für integrierte Versorgung. Was entsteht dort?

Die Medizinische Universität Lausitz – Carl Thiem (MUL-CT) in Cottbus liegt in einer der strukturschwächsten Regionen Deutschlands. Wo Großstädter sich beschweren, keinen Arzttermin zu bekommen, gibt es dort schlicht nicht mehr genügend Landärzte. Wir bauen gemeinsam mit der MUL-CT Cloud-Infrastrukturen auf, die überregionales Arbeiten ermöglichen – für Kliniken, MVZs und niedergelassene Ärzte gleichermaßen. Die Infrastruktur steht bereits, in den nächsten ein bis zwei Jahren wollen wir dort gemeinsam die akuten Herausforderungen der Versorgung lösen. Das Ziel ist, dieses Modell auf andere Regionen zu übertragen.

Was war für Sie das dominierende DMEA-Thema in diesem Jahr?

Die regionale Versorgung. Cloud war vor vier, fünf Jahren das zentrale Thema. KI ist seit zwei Jahren dominant, und das wird auch so bleiben. Aber wie ich in einer Region die Daten zusammenbringe und Patienten bedarfsgerecht durch das System steuere – das hat eine neue Dringlichkeit bekommen. Das KVVG treibt das voran, auch wenn nicht jede Klinik darüber glücklich ist. Für viele ist es eine gewollte, für manche eine erzwungene Transformation.

Welche drei Themen stehen für die Telekom heuer ganz oben?

Erstens die elektronische Patientenakte – aber nicht als Akte, sondern als Vernetzungswerkzeug. Ich frage mich manchmal: Wozu brauchen wir eigentlich verschiedene Krankenkassen-Versionen der ePA? Die ePA ist für mich ein Türöffner in die digitale Welt, genau wie ich heute alle Karten und dem abfotografierten Ausweis auf dem Handy habe. Genau das sollte die ePA für Gesundheitsdaten leisten: ein einheitliches, interoperables Werkzeug für alle, souverän und sicher. Wir bauen das Ende-zu-Ende, mit Value-Added-Services drumherum – von der Patientenstromsteuerung bis zur Terminbuchung. Zweitens die digitale Identität – ein Thema, das oft noch unterschätzt wird, aber mit dem EUDI-Wallet gerade stark an Relevanz gewinnt. Und drittens die Industrial AI Cloud, also KI-Anwendungen, die im klinischen Alltag entscheiden helfen.

Was wird die digitale Identität für Patienten bedeuten?

Stellen Sie sich vor, Sie haben Ihren digitalen Personalausweis auf dem Handy – eine europäische Wallet, mit der Sie sich gegenüber der Krankenkasse, der Bank oder beim Mobilfunkvertrag verbindlich identifizieren können. Für den Zugang zur elektronischen Patientenakte sind wir das mit unserer Telekom-Lösung bereits: Wir sind sozusagen der »Türsteher« für AOK und Barmer. Das EUDI-Wallet wird im kommenden Januar in Deutschland einführt und ab 2028 verpflichtend. Gemeinsam mit AOK und BARMER wollen wir bereits ab Anfang 2027 die GesundheitsID auf Basis der Digitalen Identität aus der EUDI-Wallet bereitstellen. Für den Patienten bedeutet das: einmal identifiziert, überall anerkannt – auch wenn er mit einer finnischen Wallet in Deutschland einen Arzttermin bucht. Die Credentials liegen dabei nicht auf dem Handy, sondern in unserer souveränen T-Cloud, HSM-gesichert. Damit entsteht die Grundlage für ein interoperables Gesundheitsökosystem in ganz Europa.

Wie groß ist die Medizinprodukte-Zulassung als Hemmnis?

Überall, wo KI mit Patientendaten arbeitet, greift die MDR. Zertifizierung ist wichtig, kann aber auch zum Bremspedal werden. Deswegen schauen wir im ersten Schritt gezielt, wo wir Systeme entwickeln können, die keine Zulassung erfordern – wie etwa eine Dokumentations-KI ohne direkten Patientenbezug. Das ist pragmatisches Vorgehen in einem regulierten Markt und hilft sowohl Ärzten wie auch Pflegenden und der Verwaltung.

Sie sind Chairman des Health Executive Council. Was steht für die Telekom beim European Health Data Space auf der Agenda?

Wir haben drei große Themen: Erstens den EHDS wirklich zum Laufen bringen – dafür sind wir in verschiedenen europäischen Pilotprojekten aktiv. Zweitens Souveränität – Gesundheitsdaten sind der letzte heilige Gral, den wir in Europa noch haben. Google, Meta oder auch Apple mit der Smartwatch haben alle längst unsere Daten. Nur die klinischen Gesundheitsdaten nicht. Die müssen wir schützen – nicht als Abschottung, sondern gegen Missbrauch. Und drittens die KI-Governance: Wie implementieren wir KI im Rahmen des AI Acts so, dass wir Enabler sind – und nicht Verhinderer.

Ein letztes Bild: Wo hilft KI bereits und wo wird Sie noch völlig unterschätzt?

Im Klinikalltag ist KI längst keine Zukunftsvision mehr. In der Diagnostik unterstützt sie Radiologen dabei, Befunde auf MRT- oder CT-Bildern früher und zuverlässiger zu erkennen. In der Dokumentation nimmt sie Ärzten und Pflegekräften einen erheblichen Teil der Bürokratie ab und schafft damit mehr Zeit für die Patientenversorgung. Und im Bereich der personalisierten Medizin hilft sie schon heute, aus großen Datenmengen individuellere Therapieentscheidungen abzuleiten. Trotzdem stehen wir noch ganz am Anfang, die Entwicklung wird exponentiell voranschreiten.

Wo KI aber wirklich noch unterschätzt wird, hat mir mein Kieferorthopäde letztens gezeigt. Ich rufe Samstagabend um 18 Uhr an, weil mir eingefallen ist, dass ich einen Termin verschieben muss. Natürlich ist da zu der Zeit keiner – statt dem üblichen AB geht aber eine KI-Assistenz ran, die mich mit Namen kennt, die ganze Familie mit ihren Terminen im Kopf hat und mir proaktiv zwei Alternativen anbietet. Sie weiß, wann Schule ist, wann ich normalerweise arbeite, sie lernt aus jedem Gespräch. Das ist keine Utopie, das läuft bei diesem Arzt bereits heute.

Und als Nächstes wird diese Technologie aus dem Gerät ins Telefonnetz wandern – kein Siri mehr, sondern ein Netz, das bei jedem Anruf mitdenkt, Ärzte raussucht und Termine bucht. Gruselig und faszinierend zugleich. Aber genau da geht die Reise hin. Wir als Telekom wollen dabei mithelfen, dass unsere Kunden nicht nur das Tempo mitgehen, sondern KI sicher nutzen können.

Vielen Dank für das Gespräch!

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