Linde übernimmt ITM Power Joint-Venture für grünen Wasserstoff

Stack eines Elektrolyseurs von ITM Power.
Stack eines Elektrolyseurs von ITM Power.

Wasserstoff wird wieder interessant: Linde will mit Elektrolyseur-Hersteller ITM Power ein JV gründen, Cummins hat den Hydrogenics für 290 Mio. Dollar übernommen.

Linde beteiligt sich zu 20 Prozent an ITM Power und gründet ein Joint-Venture. Insgesamt investiert Linde 38 Mio. Pfund (42,7 Mio. Euro und bezahlt 40 Pence je Aktie, was gegenüber dem aktuellen Kurs einem Abschlag von 7 Prozent entspricht. ITM Power, Hersteller von PEM-Elektrolyseuren (Polymer Electrolyte Membrane), will insgesamt 52 Mio. Pfund einsammeln. Ziel ist es, das größte Werk für Wasserstoff-PEM-Elektrolyseure der Welt aufzubauen, das eine Kapazität von 1 GW pro Jahr erreichen soll. Das Werk wird in Sheffield (Bessemer Park) errichtet. Die Produktion soll im Sommer 2020 aufgenommen werden. ITM verspricht sich über den Partner Linde mit einem Umsatz von 24 Mrd. Euro Zugang zu Schlüsselmärkten und die Chance zu erhalten, Elektrolyse zu wettbewerbsfähigen Kosten anbieten zu können.

Erst im September hatte Cummins den kanadischen Wasserstoff-Spezialisten Hydrogenics für 290 Mio. Dollar übernommen. Das Unternehmen war eine hundertprozentige Tochter von Air Liquide, die nach der Transaktion weiterhin 19 Prozent der Anteile halten wird. Hydrogenics fertigt sowohl Brennstoffzellen als auch Elektrolyseure (PEM und Alkaline).

JV ist wichtiger Schritt auf dem Weg zur Profitabilität

Das Joint-Venture zwischen Linde und ITM, an dem beide Firmen zu je 50 Prozent beteiligt sind, wird sich auf Anlagen spezialisieren, die Elektrolysekapazitäten von über 10 MW erreichen. Zudem sollen große 5-MW-Elektrolyseure entwickelt und die Produktionskosten verringert werden. Die mit zwei Stacks ausgerüsteten 5-MW-Module können pro Tag 2,1 t Wasserstoff produzieren. Ende 2020 soll das erste Modul der neuen Generation erstmals Wasserstoff produzieren.

»Im Rahmen des Joint-Venture können wir uns auf unsere Kernkompetenzen, die Entwicklung und den Verkauf von Elektrolyseuren konzentrieren. Die Partnerschaft mit Linde hilft uns, der steigenden Nachfrage nach Wasserstoff nachzukommen, denn Wasserstoff ist entscheidend, um zahlreiche viele Industriesektoren zu dekarbonisieren. Die Zusammenarbeit ist ein wichtiger Schritt auf unserem Weg zu Profitabilität«, sagt Graham Cooley, CEO von ITM Power. Im Moment allerdings schreibt ITM Power rote Zahlen: Im letzten Geschäftsjahr hat das Unternehmen einen Verlust von 9,3 Mio. Pfund (Vorjahr: -6,5 Mio. Pfund) ausgewiesen. Der Umsatz kletterte um 40 Prozent auf 4,6 Mio. Euro, Funding eingerechnet beträgt er 17,5 Mio. Pfund.

Derzeit stünden laut Cooley die Zeichen auf Wachstum. ITM bespreche gerade zahlreiche Projekte in Größenordnungen von über 100 MW, vor allem für Power-to-Gas-Projekte und für die Gewinnung von sauberem Wasserstoff für die chemische Industrie. Derzeit arbeite ITM an Projekten mit einem Volumen von 17,1 Mio. Pfund, Projekte mit einem Umsatz von 16,1 Mio. Pfund befänden sich im fortgeschrittenen Verhandlungsstadium. Insgesamt habe die Gruppe über 50 qualifizierte Projekte mit einem Umsatz von 379 Mio. Pfund in Aussicht. Sie kommen aus den Sektoren Renewable Chemistry, Power-to-Gas und Clean Fuel.

10-MW-Anlage für Shell Rheinland Raffinerie

Auch in Deutschland ist ITM Power aktiv. Im Juni 2019 startete das Unternehmen im Werk Wesseling der Shell Rheinland Raffinerie den Bau der bisher weltgrößten Anlage auf Basis der PEM-Elektrolyse (10 MW) , die bei voller Ausbaustufe 1.300 t Wasserstoff pro Tag produziert und in der zweiten Jahreshälfte 2020 ihre Arbeit aufnehmen soll. Bisher bezieht Shell dort die Energie zur Wasserstoffgewinnung aus Erdgas und will künftig den CO2-Ausstoß über die neue Anlage deutlich verringern. »Ölprodukte werden auch in den kommenden Jahrzehnten eine wichtige Rolle spielen, und dieses Projekt bedeutet, dass wir sauberere Kraftstoffe und Petrochemikalien herstellen können«, erklärte Frans Dumoulin, Direktor der Shell Rheinland Raffinerie anlässlich des ersten Spatenstichs.

Denn mit Hilfe der PEM-Elektrolyseure von ITM Power kann »grüner« Wasserstoff produziert werden. Das wäre wichtig, damit der Wasserstoff, mit dem Brennstoffzellen betrieben werden, CO2-netural hergestellt werden kann. Heute wird Wasserstoff zum größten Teil über Verfahren gewonnen, bei denen relativ viel CO2 anfällt. Deshalb fahren über Brennstoffzellen angetriebene E-Autos nur oberflächlich betrachtet sauber, ähnlich wie batteriebetriebene Fahrzeuge, die Strom tanken, der aus Kohlekraftwerken kommt.

Dagegen ist Wasserstoff, der über die Elektrolyse gewonnen wurde, CO2-netural. Die Elektrolyse ist deshalb ein wichtiges Element, um eine nachhaltige Wasserstoffinfrastruktur aufbauen zu können. Die Wasserstoffproduktion über Elektrolyse bietet darüber hinaus die Chance, den Strom aus erneuerbaren Quellen wie Wind und Sonne, der grade nicht gebraucht wird, über Elektrolyse in Wasserstoff zu verwandeln, das sich gut speichern und bei Bedarf über Brennstoffzellen in Strom zurückverwandeln lässt. Mit Brennstoffzellen betriebene Fahrzeuge haben den Vorteil, dass sie sich schnell betanken lassen und hohe Reichweiten erreichen. Insbesondere für große Fahrzeuge wie Lastwagen, die weite Strecken über Land fahren, bietet sich deshalb die Brennstoffzellentechnik an. Auch in Zügen finden sie Einsatz.

Hyundai setzt mit Cummins auf Brennstoffzellen

Vor kurzem hatte Hyundai mit Cummins ein Abkommen geschlossen, um gemeinsam Brennstoffzellantrieb für Autos zu entwickeln. Hyundai will dabei sein Wissen um die Brennstoffzellen einbringen, Cummins das Know-how rund um den Antriebsstrang. Zunächst wollen sich beide auf den nordamerikanischen Automarkt fokussieren. Beide Partner wollen die Brennstoffzellen nicht nur für Einsatz in Autos entwickeln, sondern auch für stationäre Systeme, etwa für Notstromversorgungen.