Die multiplen Krisen der vergangenen Jahre hinterlassen deutliche Spuren in den Personalabteilungen. Eine Report von Hays, erstellt gemeinsam mit dem Institut für Employability, zeigt: Die Prioritäten im HR haben sich in den vergangenen 15 Jahren spürbar verschoben.
Vier Entwicklungen stechen besonders hervor: Unternehmen stellen zurückhaltender ein, die Mitarbeiterbindung gewinnt weiter an Gewicht, viele viel diskutierte Themen bleiben in der Umsetzung stecken – und HR rückt näher an die Geschäftsführung.
Die Zahlen zeigen eine klare Entwicklung: Während 2012/2013 noch 66 Prozent der Unternehmen aktiv rekrutierten, sind es 2026 nur noch 41 Prozent. Gleichzeitig hat sich der Anteil der Unternehmen, die keine Neueinstellungen planen, von 15 auf 31 Prozent mehr als verdoppelt.
Mitarbeitergewinnung: Unternehmen stellen immer vorsichtiger ein. Das zeigt eine Langzeitauswertung des HR-Reports von Hays, erstellt gemeinsam mit dem Institut für Employability.
Die Gründe liegen auf der Hand: wirtschaftliche Unsicherheiten, steigende Kosten, Fachkräftemangel – und nicht zuletzt die Erwartung, dass Künstliche Intelligenz künftig Aufgaben übernimmt. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen agieren zunehmend situativ und zögern Entscheidungen hinaus.
»Das allzu vorsichtige Zögern birgt große Gefahren für den Wirtschaftsstandort Deutschland«, warnt Imke Mahner, Chief People & Culture Officer bei Hays. Auffällig ist jedoch: Nicht alle Unternehmen reagieren defensiv. Ein Teil nutzt die Situation gezielt, um in neue Mitarbeitende zu investieren - und sich so strategisch Vorteile zu sichern.
Parallel zur sinkenden Einstellungsbereitschaft gewinnt ein anderes Thema weiter an Bedeutung: die Bindung bestehender Mitarbeitender. Bereits 2011 nannten 43 Prozent der Befragten sie als zentrales HR-Thema, 2026 sind es 55 Prozent - ein Höchstwert.
Auch die Rekrutierung bleibt trotz zwischenzeitlicher Delle in der Pandemie relevant und stabilisiert sich seit 2022 bei 34 Prozent Zustimmung. Den größten Sprung macht jedoch die Flexibilisierung der Arbeit: von 14 Prozent im Jahr 2011 auf 28 Prozent im Jahr 2026. Flexible Arbeitsmodelle sind damit kein Zusatzangebot mehr, sondern Standard.
»Unternehmen müssen heute strategischer rekrutieren und gleichzeitig stärker in die Entwicklung ihrer Mitarbeitenden investieren«, so Mahner. Andere Themen wie Diversity, neue Vergütungsmodelle oder digitale Transformation verlieren in der Langzeitbetrachtung an Gewicht. Gerade Digitalisierung scheint vielerorts vom disruptiven Projekt zur Daueraufgabe geworden zu sein.
Ein Befund zieht sich durch alle 15 Reports: die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
Themen wie Führung, Work-Life-Balance, Weiterbildung oder New Work werden seit Jahren als zentral benannt – doch in der Praxis bleiben Fortschritte oft begrenzt. Die Begriffe wechseln, das Muster bleibt. Die Ursachen sind strukturell: Ressourcenknappheit, Zeitdruck und konkurrierende Prioritäten verhindern häufig die konsequente Umsetzung.
»Die größten Herausforderungen sind seit Jahren bekannt – doch der Schritt vom Reden ins Machen bleibt schwierig«, sagt Alexander Heise, CEO von Hays Deutschland.
Auch die Rolle von HR selbst hat sich verändert. Während Personaler früher stärker die Perspektive der Mitarbeitenden spiegelten, orientieren sie sich heute deutlich stärker an der Geschäftsführung.
Besonders bei Themen wie Transformation, Leistung und Unternehmenskultur nähern sich die Sichtweisen an. Gleichzeitig liegen die Einschätzungen von Führungskräften näher bei denen der Mitarbeitenden. Das lässt zwei Interpretationen zu: Entweder übernimmt HR zunehmend die Perspektive des Managements – oder es sitzt tatsächlich häufiger mit am strategischen Tisch.
Für Prof. Dr. Jutta Rump vom Institut für Employability ist die Stoßrichtung klar: »Viele Unternehmen optimieren bestehende Strukturen, statt neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Es fehlt oft der Mut, bewusst Risiken einzugehen.«