Interview mit Roland R. Ackermann

»Wir waren die Vorreiter journalistischer Qualität!«

25. Juni 2026, 07:30 Uhr | Heinz Arnold
Roland R. Ackermann
Roland R. Ackermann: » Journalistisches Know-how und technisches Fachwissen - das war das Erfolgsrezept der Markt&Technik.«
© Roland R. Ackermann

Mit ihrer Mischung aus Technik, Wirtschaft, Personalien und selbst recherchierten Artikeln polarisierte die Markt&Technik die Branche – und wurde zum Marktführer. Der langjährige Chefredakteur Roland R. Ackermann erinnert sich an eine Zeit, in der Fachjournalismus neu gedacht wurde.

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Markt&Technik: Als Sie 1988 die Chefredaktion übernahmen, konnten Sie schon auf eine über 30jährige Erfahrung in der Elektronik-Fachpresse zurückblicken. Was hat Sie an der neuen Aufgabe gereizt?

Roland R. Ackermann: Die Markt&Technik war ganz anders als die anderen Fachmagazine, von denen zu diesem Zeitpunkt mindestens zehn in Deutschland gab. Denn die M&T erschien als einzige wöchentlich, sie war aktuell, behandelte nicht nur technische Themen, sondern auch die wirtschaftlichen Aspekte, wie schon dem Titel zu entnehmen ist. Ein wesentlicher Unterschied war, dass die M&T sehr journalistisch arbeitete. Die Redakteure führten Interviews, sie organisierten Forumsgespräche mit Experten zu bestimmten Themen und schrieben darüber branchenspezifisch lesenswerte Artikel. Dazu zählten auch die Personalien, denn in der schnelllebigen Elektronikindustrie wechselten die Manager oft ihre Posten, und es war für alle interessant zu erfahren, wen es gerade wohin verschlagen hatte. Hier erwiesen sich meine zahlreichen Kontakte in der Industrie, der Agentur- und der Messe-Szene als überaus wertvoll. Ein solches Magazin gab es in der Fachzeitschriftenwelt der Elektronikbranche vorher nicht.

Roland R. Ackermann
© Roland R. Ackermann

Die M&T galt doch aber auch als etwas oberflächlich, weil sie eben nicht auf die beigetragenen Fachartikel von Unternehmen setzte, fast schon als etwas unseriös…

…was sollten die Marktbegleiter auch anderes sagen? Die Leser erfuhren hier nicht nur technische Details, wie bei den anderen, sondern konnten sich über alle neuen Trends informieren, die sich in ihrer Branche abzeichneten und die für ihr gesamtes Arbeitsumfeld relevant waren, bis hin zu den personellen Veränderungen in den Unternehmen. Ein großer Unterschied war auch die Seite 1 im Zeitungsstil, auf der die wichtigsten Ereignisse der Branche analysiert wurden, ganz ähnlich wie bei Tages- und Wochenzeitungen wie etwa der Süddeutschen Zeitung und der Zeit. Das war insgesamt eine gute Mischung, und der Erfolg gab der Markt&Technik recht: Wir zogen unaufhaltsam am damaligen Marktführer, dem Elektronik Journal, vorbei. Damals hatten wir pro Ausgabe oft zahlreiche Seiten allein an Stellenanzeigen.

War es nicht ein Kulturschock, als Sie in eine auch hinsichtlich der Größe völlig andere Redaktionswelt eintraten, in der es sogar Nichttechniker gab?

Ich würde es als positiven Schock bezeichnen. Ja, die Reaktion was deutlich größer als die Redaktionen der anderen Elektronik-Fachzeitschriften; in der Hochzeit beschäftigte die M&T rund 25 Redakteure und Redakteurinnen, mit hoher Fluktuationsrate. Dass auch einige darunter waren, die aus dem Journalismus kamen oder keine Ingenieurausbildung hatten, das hat der journalistischen Qualität der M&T sehr gutgetan. Sie war Vorreiter der Qualität in der Fachpresse. In der Redaktion gab und gibt es zahlreiche Beispiele, die gezeigt haben, dass sich auch Nichtingenieure in technische Themen der Elektronik sehr gut einarbeiten konnten, ein gewisses Grundverständnis vorausgesetzt. Journalistisches Know-how und die tiefen technischen Kenntnisse der Ingenieure haben sich hervorragend ergänzt. Dass die geschätzten Wettbewerber das etwas anders darstellten und ihre ungeliebte Konkurrenz gerne als die „Bildzeitung der Elektronikbranche“ in ein etwas unseriöses Licht rücken wollten – geschenkt! Als ich 1988 dazu stieß, war ich zuvor Chefredakteur des Elektronik Journal gewesen – ja ich musste mich in die journalistische Herangehensweise einarbeiten und habe viel dazu gelernt – etwa Interviews zu führen oder themenspezifisch zu recherchieren.

Also doch ein Kulturschock?

Nicht ganz. Ich hatte zuvor fast zwei Jahrzehnte lang parallel für den Bayerischen Rundfunk gearbeitet und habe den »Technischen Report« geschrieben und produziert, ein Format, das in BR2 wöchentlich auf Sendung ging. Dabei habe ich gelernt, wie journalistisch gearbeitet wird. Das half auch in der Redaktion der Markt&Technik. Die Sendung war übrigens beim Wirtschaftsressort des BR aufgehängt, deren Mitarbeiter von Elektronik kaum etwas verstanden und mir völlig freie Hand ließen. So habe ich viel aus den zahlreichen Rückmeldungen der Hörer gelernt.

Wie sind Sie mit der Redaktion zurechtgekommen, deren Mentalität und Umgangston sich von den übrigen Fachredaktionen wohl auch etwas unterschieden haben dürfte?

Erstens bin ich Anhänger des Laissez-Faire-Führungsstils. Und das fiel umso leichter, als da bereits erfahrene Kollegen im Team waren, so Eduard Heilmayr als Co-Chefredakteur, oder Ressortleiter wie der (leider bereits verstorbene) Engelbert Hörmannsdorfer, die mich zügig an die Denkweise und das produktive M&T-Verhalten heranführten.

Dann sind Sie zusätzlich in das Verlagsmanagement aufgestiegen und haben die Leitung des Elektronik-Fachzeitschriftenbereichs von Markt&Technik (zu dem euch Design&Elektronik gehörte) übernommen, waren also nicht nur für die Redaktionen zuständig, sondern auch für die Anzeigenabteilungen und die Geschäftsentwicklung …

…das war typisch Peter-Prinzip: Ich landete plötzlich auf der Management-Ebene. Ständig musste ich an Meetings mit der Verlagsspitze teilnehmen, wo ich doch viel lieber als Journalist arbeiten wollte, auf Messen gehen, Firmen besuchen, Interviews führen, lernen, welche Trends sich abzeichnen und die Themen finden, die die Leser interessieren. Wir waren übrigens viel mehr auf Reisen als heutige Kollegen – zuweilen flogen wir für eine einstündige Pressekonferenz nach London oder gar nach New York. Der Begriff „Work-Life-Balance“ war ja noch nicht geboren…! Außerdem hatte die Verlagsleitung gewisse Vorstellungen (Kürzungen) hinsichtlich der Personalentwicklung, mit denen ich nicht immer übereinstimmte. Eigentlich haben mir die Management-Aufgaben nicht besonders gefallen.

Der Einstieg und die erste electronica
Roland R. Ackermann, Jahrgang 1934, ist 1957 in die Welt des Fachjournalismus eingestiegen. Damals hatte Manfred Kluth die Konstruktion und Entwicklung nach amerikanischem Vorbild gegründet, und den Jung-Ingenieur „rra“ als Chefredakteur und später Objektleiter eingestellt. Kennziffernzeitschriften waren damals für die Ingenieure und die Manager in der Elektronikindustrie die einzige Möglichkeit, um schnell an Informationen zu kommen. Von Anfang an hat Ackermann Gefallen an dem Job gefunden. Es tat sich viel in der Branche, und bereits in der 60er-Jahren reiste er durch die Welt: »Manfred Kluth war ein begeisterter Pilot, und zu Terminen in Paris oder Istanbul flogen wir mit ihm am Steuerknüppel im Privatflugzeug.« Doch zunächst hatte er auch ein Luxus-Problem: »Damals war ich der jüngste Redakteur weit und breit – ein Küken. Die Mitarbeiter der übrigen Redaktionen, die ich bei Pressekonferenzen traf, waren alle wesentlich älter und hatten meist schon vor dem 2. Weltkrieg als Redakteure gearbeitet.« Er wurde von den alten Hasen also nicht immer ganz ernst genommen. »Um seriöser zu wirken, kam ich auf die Idee, mir eine Brille und einen Schnurrbart zuzulegen – beides trage ich noch heute – die Brille inzwischen, weil ich sie tatsächlich brauche«, erklärt Ackermann mit einem Augenzwinkern. Schon bald gelang es ihm, in der Elektronik-Branche bekannt zu werden und sein Talent, Netzwerke aufzubauen führte dazu, dass die Messe München auf ihn aufmerksam wurde. Die damalige Messe- und Ausstellungsgesellschaft (MMG) wurde im April ins Leben gerufen, um mit der electronica zu gründen, die erste Fachmesse für elektronische Bauelemente in Deutschland. »Die Mitarbeiter der MMG, die von Elektronik recht wenig Ahnung hatten, kamen auf mich zu, und ich beriet sie von Anfang an. Ich habe sogar den Eröffnungstag der ersten electronica-Messen im Auftrag organisiert«, erinnert sich Ackermann. Seitdem hat er keine electronica in München mehr verpasst – und freut sich schon auf die diesjährige electronica im November.

1996 hat WEKA den Verlag übernommen – allerdings ohne Sie?

Ja, die Manager auf Verlagsleiterebene wurden nicht mit übernommen. Und ehrlich gesagt war ich froh, aus der Rolle herausgekommen zu sein, in der ich mich über die Jahre davor immer weniger wohl gefühlt hatte. Es empfand es eher als eine Befreiung.

Aber keine Befreiung zum beschaulichen Ruhestand?

Den Beruf des Elektronik-Redakteurs habe ich immer gerne ausgeübt und, wie gesagt, ich war in der Branche sehr gut vernetzt. Mich völlig ins Rentnerdasein zurückzuziehen, wäre für mich nicht in Frage gekommen. Ich habe also seitdem weiter freiberuflich gearbeitet. Das macht Spaß und hält fit! Zunächst wirkte ich als Herausgeber des Elektronik Journals. Später war ich freiberuflicher Chefredakteur des Verlagswelt Magazins, später von Electronic Embedded Systeme, die im AWI-Verlag erschien. Für Bodo`s Power Systems bin ich noch heute tätig, zuletzt auf der PCIM jetzt im Juni. Parallel dazu habe ich Firmen in der Öffentlichkeitsarbeit beraten und Fachberichte übersetzt – die Nachfrage nach Übersetzungen ist allerdings mit dem Einzug von DeepL und der KI auf nahezu Null gefallen.

Das ist ein interessantes Stichwort: die technischen Entwicklungen der letzten Jahre, über die die LLMs und KI entstanden sind, werden auf den Beruf des Fachjournalisten sicherlich große Auswirkungen haben. Wie schätzen Sie die Zukunft der Fachredaktionen in der neuen KI-Welt ein?

Das klang ja bereits bei den Übersetzungen an: Die KI wird auch die Verlagswelt erbarmungslos verändern. Keine rosigen Aussichten für Print-Titel – denn wer sollte sie abonnieren, wer Anzeigen schalten? Wo doch jeder Ingenieur seine spezifischen Fragen und Recherchen sekundenschnell und höchst aktuell nahezu kostenlos beantwortet bekommt und die Unternehmen über ihre Newsletter jeden potenziellen Kunden zielgenau und jederzeit ansprechen können? Da müssen neue Lösungsansätze her; aber ich bin überzeugt, die junge Generation wird sie finden!


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