Interview mit ARM-CEO Warren East

"MIPS chancenlos trotz Android-Initiative"

23. September 2010, 17:11 Uhr | Frank Riemenschneider
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Fortsetzung des Artikels von Teil 1

”MIPS chancenlos trotz Android-Initiative”

Ich wundere mich, dass Sie in diesem Zusammenhang nicht gleich auf Ihr neuestes Baby, Linaro, verweisen…

Sicher tue ich das. Linaro ist eine ARM-geführte Initiative mit dem Ziel, Software-Stacks für Linux, MeeGo und die ganzen anderen Betriebssysteme zu kanalisieren und zu optimieren.

Das Produkt der neuen Firma Linaro wird also ein ARM-Linux sein?

Nein, um Gottes Willen. Wir wollen nicht mit Android und den anderen Betriebssystemen in den Wettbewerb treten, wir wollen vielmehr über unsere Software, von der alle 6 Monate ein Release erscheinen soll, die Linux-Komponenten auf die Hardware unserer Kunden optimieren.

Sie schreiben also hardwarespezifische Software, die unterhalb des Betriebssystems dieses optimal in Bezug auf z.B. niedrige Leistungsaufnahme und/oder hohe Rechenleistung an die Hardware anbindet, um das beste aus einer bestimmten Hardware herauszuholen?

Richtig. Unsere Kunden, die Produkte mit Android oder was auch immer designen, können dies mit der Linaro-Software schneller tun und vor allen Dingen bessere Produkte rausbringen.

Ihr Cortex-A9 ist ja deutlich energieeffizienter als der Cortex-A8: 5,2 DMIPS/mW gegenüber 4,44 DMIPS/mW schon in einem GP-Prozess, in einem LP-Prozess sind die Unterschiede viel drastischer. Wieso designen immer noch Kunden den Cortex-A8 in ihre Chips?

Für einen superskalaren Prozessor mit einer 13-stufigen Pipeline wie den Cortex-A8 ist das doch ein richtig guter Wert. Der Cortex-A9 holt sich ja seine Rechenleistung über einen anderen Ansatz, das Multiprozessing. Da müssen Sie auch einen anderen Software-Ansatz nehmen, zudem ist der A9 ja viel neuer. Dennoch: z.B. im OMAP4 finden Sie ja bereits den Cortex-A9.

Dennoch: Die 13-stufige Pipeline des Cortex-A8 ist sehr lang und bei fehlerhafter Sprungvorhersage kostet das 13 Taktzyklen. Da bietet doch die 8-stufige Pipeline des Cortex-A9 Vorteile…

Das kommt auf die Anwendung an. Wie Sie ja wissen, führen wir ja bald den Cortex-A15  ein, da wir bei gleicher Leistungsaufnahme mehr Rechenleistung benötigen. Bei der Batterietechnik tut sich ja leider nicht viel, d.h. die Batteriekapazität wird durch den Formfaktor definiert und wird auf absehbare Zeit kaum signifikant wachsen.♥

Was tun Sie denn in Richtung Automobilelektronik, die ja speziell in Deutschland eine gewisse Relevanz hat?

Also, in Chassis&Safety sind wir ja schon länger vertreten und arbeiten gut mit Firmen wie z.B. Bosch zusammen. Es bleiben Powertrain und Interior mit dem Schwerpunkt Infotainment. Letzteres folgt ja immer mehr der Konsum-Elektronik, unsere Strategie besteht darin, mehr Marktanteile in der Konsum-Elektronik zu bekommen und danach ins Auto zu migrieren. Das hat ja auch schon z.B. mit den i.MX-Prozessoren von Freescale geklappt.

Dann bleibt noch die Frage nach Powertrain….  

Powertrain wird von Freescale und Infineon dominiert. Der Umsatz ist vergleichsweise gering und der Aufwand, dort Marktanteile zu gewinnen, extrem hoch. Deswegen limitieren wir unsere Anstrengungen, da wir glauben, dass die finanziellen Aufwände, um dort signifikante Marktanteile zu gewinnen, für uns zu hoch sind.

Kommen wir zu Ihrer Software-Abteilung. Einerseits haben Sie Ihre eigene Hausmarke „Keil“, betonen aber immer wieder Ihr Ecosystem. Gibt es da eine Strategie, welche Software Sie selbst entwickeln und welche Sie Ihren Partner überlassen?

Das Tool-Geschäft schreibt bei uns eine schwarze Null, ist also nicht der Treiber für Gewinnzuwachs. Wir freuen uns über die Aktivitäten unserer Partner, wenn wir allerdings neue Roadmaps entwickeln, können wir nicht darauf vertrauen, dass sie in der verlangten Zeit auch die Tools liefern. In diesen frühen Zeiten verlassen wir uns gerne auf die Software von Keil.

Sie sehen Keil also als Enabler für neues Silizium?

Genau so ist es. Das Tool-Geschäft ist für uns definitiv strategisch wichtig, es macht aber nur 10 % unseres Gesamtumsatzes aus, da können wir uns erlauben, auch ohne Gewinn rauszugehen.

Heißt das auch, dass ARM nicht als Tool-Verkäufer auftreten und das Geschäft von Drittanbietern kaputtmachen wird? 

Richtig. Wir müssen aber wie schon gesagt zusehen, dass wir für unser Silizium die besten Tools verfügbar haben. Dies wird durch Keil sichergestellt, so dass wir unsere IP-Kunden auf jeden Fall bestens bedienen können - auch wenn ein Software-Partner aus unserem Ecosystem nicht zu diesem Zeitpunkt lieferfähig wäre.

Es ist ja gerade in Mode gekommen, Betriebssystem-Hersteller zu kaufen. Haben Sie auch derartige Pläne?

Nein sicher nicht, mit einem eigenen Betriebssystem würden wir ja zum Wettbewerber zu denen, die wir unterstützen. Wollen Sie mit Android in einen Wettbewerb treten? Ich sicher nicht, das macht keinen Sinn. Unsere Strategie besteht darin, alle Betriebssysteme, die der Markt haben will, zu unterstützen. Abgesehen davon ist Google eine starke Firma, mit der es schwierig wäre, erfolgreich in einen Wettbewerb einzutreten.

Sehen Sie Android in 5 Jahren als das dominante Betriebssystem, nicht nur für Handys, sondern vielleicht auch für Industriecomputer und andere Embedded-Anwendungen?

Aktuell sind sie sehr stark. Fakt ist aber, dass es sicher in jedem Marktsegment immer nur einige wenige Gewinner gibt, ob Android auch in 5 Jahren dazugehören wird, kann nur die Zeit zeigen.

Mein letztes Thema betrifft die Prozesstechnik. Globalfoundries wird ja noch dieses Jahr 28-nm-Chips rausbringen, gibt es bereits Lizenznehmer, die noch 2010 Applikationsprozessoren in 28 nm rausbringen werden?

Ich denke nicht, das wäre zu früh. Sicher aber gibt es Lizenznehmer wie Qualcomm, die in diese Richtung gehen werden.

Ist Globalfoundries am Leading-Edge, speziell für Applikations-Prozessoren, die auf Ihren Cores aufsetzen?

Absolut. Es gibt zwei starke Wettbewerber, Intel und TSMC. Wir wissen ja, dass TSMC bei 40 nm gewisse Probleme hatte, und wir unterstützen die Prozesstechnik von Globalfoundries, TSMC und auch Intel. Nebenbei bemerkt: Samsung hat als unabhängige Foundry noch relativ wenig Geschäft generieren können, sie müssten diesen Geschäftsbereich mehr von der Konzernmutter abkoppeln, um mehr Kunden anzuziehen. Die enge Verzahnung von eigenem Halbleitergeschäft und Foundry ist sicher nicht optimal.


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