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Thomas Staudinger, EBV Elektronik

»Wir wollen Advocat des Kunden sein«

29. Januar 2021, 09:41 Uhr   |  Karin Zühlke

»Wir wollen Advocat des Kunden sein«
© EBV Elektronik

Thomas Staudinger, EBV: „Ich gehe davon aus, dass wir 2021 an einigen Stellen Allokation haben werden. Zudem laufen in vielen Staaten im ersten Quartal die Corona-bedingten Unterstützungsmaßnahmen für Unternehmen aus. Das heißt, dass bei einigen Kunden die ohnehin schon fragile Liquidität vollends an die Grenze kommen wird. Das müssen wir genau beobachten.“

Seit 1. Januar ist Thomas Staudinger President von EBV. An Bord holte ihn EBV als Vice President Vertical Segments bereits 2012. Herausforderungen sieht er u.a. in der Lieferkette, einer veränderten Arbeitswelt und neuen Facetten der Digitalisierung.

Diese will er mit seinem „Winning Team“ meistern – und dabei neue Akzente setzen.

Herr Staudinger, Sie übernehmen das Ruder von EBV in einer weltwirtschaftlichen Ausnahmesituation. Die Distribution kämpft laut DMASS mit massiven Umsatzrückgängen in EMEA. Gleichzeitig ist laut Angaben des ZVEI weltweit gesehen der Halbleiterumsatz im vergangenen Jahr gestiegen. Wie sieht die Situation bei EBV aus?

Thomas Staudinger: Der Anstieg der weltweiten Halbleiter-Umsätze kommt schwerpunktmäßig aus Asien, einmal getrieben durch die Smartphone-Produktion und durch die asiatischen Märkte insgesamt, die inzwischen seit fast drei Quartalen wieder auf normalem Niveau laufen.

Für uns war es bedingt durch die Corona-Krise natürlich kein einfaches Jahr. Es ist offensichtlich, dass die Situation Stress für die Mitarbeiter kreiert hat, weil man den gleichen Service aus dem Homeoffice liefern muss wie aus dem Büro. Hinzu kommt, dass die Lieferkette noch sehr fragil ist. Es befinden sich nach wie vor Standorte temporär im Lockdown: Ein Beispiel ist der Flughafen in Shanghai, der im November aufgrund eines Corona-Falls für mehrere Tage geschlossen wurde. Hinzu kommt, dass die Sichtbarkeit für die Kunden relativ gering ist, während wir auf der anderen Seite bei den Herstellern sehen, dass sich die Lieferzeiten verlängern. Damit tut sich eine Schere auf, die Herausforderungen mit sich bringt.

Von den Umsätzen her betrachtet lag der Tiefpunkt für uns im zweiten Quartal; im dritten und vierten Quartal haben wir uns wieder recht gut erholt. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen: Uns geht es immer noch deutlich besser als anderen Industrien, wie zum Beispiel dem Maschinenbau oder Elektronik-fernen Industriezweigen, etwa der Hotelbranche.

Welche Akzente wollen Sie als President von EBV setzen?

Das Schöne ist, dass EBV eine exzellente Basis hat. Wir sind sehr kundenfokussiert, haben eine überschaubare Linecard, mit der es sich gut arbeiten lässt. Wir sind stark im technischen Support und haben durchaus ein familiäres Umfeld. Wir sind sozusagen ein echtes „Winning Team“! Das heißt, es gibt viele Dinge, die ich fortführen möchte. Aber es gibt natürlich auch Themen, bei denen wir künftig andere Akzente setzen werden, etwa wenn es um Kunden und Hersteller geht: Hier möchte ich eine stärkere Spezialisierung und eine noch engere Zusammenarbeit mit den Herstellern voranbringen, um dort mehr Einfluss auf die Roadmaps zu nehmen.

Und schließlich geht es um die Überbrückung der besagten Schere zwischen Kunden und Herstellern: Wir wollen für die Kunden der Advokat beim Hersteller sein, um die entsprechenden Lösungen zu finden. Was auch immer wichtiger wird, sind die sogenannten „non traditional Customers“, also Firmen, die neu in diesen Markt einsteigen, früher beispielsweise ausschließlich in der Metall- oder Plastikverarbeitung tätig waren und nun auch Elektronik in ihre Produkte integrieren. Solche Kunden brauchen spezielle Unterstützungsmodelle.

Ein zweites großes Thema ist die Digitalisierung. Dazu gehört, dass wir den Kunden die Möglichkeit des „Self Services“ bieten müssen und dass die Informationen 7 × 24 Stunden online zur Verfügung stehen. Das führt weiter zu Fragen, wie wir Kunden bei der Umsetzung von APIs oder Projekten digital unterstützen können.

Schlussendlich wird auch die Arbeitswelt nach der Krise nicht mehr so aussehen wir vorher. Die Fragen, die sich daraus ergeben, sind vielfältig: Wie sieht das „new Normal“ aus? Wie muss sich das Umfeld und die Kultur im Unternehmen verändern, damit wir mit deutlich mehr Homeoffice mittels virtuellem Arbeiten immer noch die Qualität zum Kunden und Hersteller bringen, die wir in Summe haben und bieten wollen?

Und wo genau können Sie sich bei der Arbeitswelt dauerhafte Änderungen vorstellen?

In der Distribution war der Vertriebsinnendienst traditionell sehr stark bürobasiert. Heute sehen wir, dass das Arbeiten aus dem Homeoffice in der Krise möglich war, und das wird auch eine Erwartungshaltung generieren. Was bedeutet das für die Büros? Brauche ich weiterhin dieselben Büroflächen und den großen Footprint? Oder reicht ein flexibleres Konzept? Das heißt aber auch, ich muss den Kulturwandel im Büro bzw. Team vorantreiben. Gleichzeitig muss ich ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Organisation entwickeln, auch wenn viele Mitarbeiter stärker von zu Hause aus arbeiten.

Eine Herausforderung in diesem Umfeld ist: Wie kann man die Kreativität aufrechterhalten, fördern und wie neue Themen angehen? An dieser Stelle ist ein Konzept erforderlich, dass ein hybrides Modell zwischen Homeoffice und Präsenz-Office ermöglicht.

Plant EBV, den Footprint in Poing zu verkleinern?

Nein, aber wir schauen uns natürlich an, was die Situation über Europa hinweg für uns bedeutet, und evaluieren, wo in der Zukunft ideale Standorte wären, weil manche Mitarbeiter besser im Büro und manche besser von zu Hause aus arbeiten können.

Welche Herausforderungen erachten Sie für die nächsten Monate für den Markt an sich und für Ihr Unternehmen als entscheidend?

Ein ganz zentrales Thema ist meines Erachtens, die Diskrepanz zwischen Kunden- und Herstellererwartungen im Hinblick auf die Produktverfügbarkeit zu überbrücken. Viele Kunden haben von ihren Endkunden eine Sichtbarkeit von 2 bis 4 Wochen. Gleichzeitig sehen wir, dass bei vielen Herstellern die Lieferzeiten sehr stark steigen und die 8 bis 12 Wochen, die früher einmal üblich waren, nicht mehr machbar sind. Wir sehen auch, dass einige der großen Foundries anscheinend aktuell schon sehr gut gebucht sind für 2021. Die Halbleiter-Hersteller müssen harte Commitments eingehen, um die Kapazitäten zu reservieren. Und damit geht, wie gesagt, die Schere zwischen langen Lieferzeiten und wenig Sichtbarkeit auf. Das wird sicher ein Thema sein, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen.

Ich gehe davon aus, dass wir 2021 an einigen Stellen Allokation haben werden. Zudem laufen in vielen Staaten im ersten Quartal die Corona-bedingten Unterstützungsmaßnahmen für Unternehmen aus. Das heißt, dass bei einigen Kunden die ohnehin schon fragile Liquidität vollends an die Grenze kommen wird. Das müssen wir genau beobachten.

Eine weitere Herausforderung ist der technische Support über virtuelle Medien: Das funktioniert in einigen Bereichen sehr gut, aber sobald man in einem Labor anwesend sein muss, um den Kunden zu unterstützen, speziell bei Analog- und Power-Technologien, ist das deutlich schwieriger. Da gibt es sicher noch Bereiche, wo wir dem Kunden stärker helfen müssen.

Und nochmal zurück zum Thema Homeoffice: Das wird sich in vielen Ländern noch über einige Monate hinziehen. Gleichzeitig nehmen wir bei den Menschen inzwischen eine gewisse Erschöpfung wahr. Die Situation zieht Energie bei uns, den Kunden und den Herstellern. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir bei den Mitarbeitern Energie freisetzen müssen, um der Situation bestmöglich zu begegnen.

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1. »Wir wollen Advocat des Kunden sein«
2. Vorteile einer flachen Organisation
3. Distribution im Wandel

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