Kooperation zwischen Ignite Next und Arrow Electronics: Ein Netzwerk aus Industrie, Distribution und Startup-Förderung soll Deep Tech StartUps den Weg in den Markt ebnen. Dazu Alois Eder, CTO und Mitbegründer von Ignite Next und Philipp Mai, Vice President Engineering EMEA, Arrow Electronics.
Markt&Technik: Vorab zur Einordnung für unsere Leser: Was verstehen Sie konkret unter „Deep Tech Technologien“?
Alois Eder: Wenn wir von Deep Tech sprechen, dann meinen wir ganz bewusst etwas, das sehr tief in der Wissenschaft verankert ist. Wir sprechen intern auch von „IP-heavy“-Technologien. Das heißt: Das sind Entwicklungen, die typischerweise aus einem universitären Umfeld kommen, häufig aus Lehrstühlen, aus der Promotion, also wirklich aus der Forschung heraus.
Das Entscheidende ist: Es geht nicht um Software im klassischen Sinn, nicht um SaaS-Modelle oder rein geschäftsmodellgetriebene Innovationen. Sondern um Technologien, die eine physikalische oder ingenieurwissenschaftliche Substanz haben – etwas, das man anfassen, bauen, messen kann.
Das beginnt stark im Halbleiterumfeld, geht aber weit darüber hinaus. Da sind Software, Algorithmen und Tools genauso drin wie Anwendungen in Robotics, Advanced Computing oder industrielle Systeme. Entscheidend ist immer: Es ist wissenschaftlich fundiert, technisch tief und braucht echte Ingenieursleistung, um überhaupt produktreif zu werden.
»Der Auslöser war Europas Problem: starke Forschung, schwache Skalierung«
Was war der konkrete Auslöser für die Zusammenarbeit zwischen Arrow Electronics und Ignite Next?
Alois Eder: Der Ursprung liegt eigentlich in einer sehr bekannten europäischen Herausforderung. Wir haben exzellente Forschung, sehr gute Universitäten und viele Startups mit starkem physikalischem Fundament. Aber genau an der nächsten Stufe wird es schwierig: der Schritt vom technologischen Durchbruch hin zum funktionierenden Geschäftsmodell.
Das heißt konkret: Kommerzialisierung, Industrialisierung, Marktzugang – genau dort entstehen die Brüche.
Und genau hier kommt Arrow ins Spiel. Als einer der weltweit größten Distributoren ist Arrow nicht einfach nur ein Komponentenlieferant, sondern ein echter Lösungsanbieter. Sie verstehen Lieferketten, sie kennen Märkte, sie wissen, wie man von einem Prototyp in die Serie geht.
Das ergänzt unser Programm ideal: Wir bringen die Startups technologisch nach vorne – Arrow hilft ihnen, daraus ein industriell skalierbares Produkt zu machen.
Philipp Mai: Ich würde das absolut bestätigen. Vielleicht noch aus unserer Perspektive ergänzt: Distribution bedeutet heute nicht mehr nur „Teile liefern“. Unsere Aufgabe ist es, komplexe Technologien in den Massenmarkt zu bringen – also genau dort, wo viele kleine und mittelständische Unternehmen sie einsetzen.
Startups sind dafür perfekt geeignet: hohe Innovationskraft, starke Technologie, aber oft fehlt genau dieser Industrialisierungsweg. Und genau dort setzen wir an – gemeinsam mit Ignite. Wir helfen, aus einer Idee ein marktfähiges Produkt zu machen und es dann wirklich in den Markt zu skalieren.
»Das Netzwerk ist bewusst komplementär – nicht konkurrierend«
Wie setzt sich das Partnernetzwerk insgesamt zusammen?
Alois Eder: Das Netzwerk ist bewusst so aufgebaut, dass es nicht konkurriert, sondern ergänzt. Es gibt nicht mehrere Akteure mit derselben Rolle – das würde nicht funktionieren.
Arrow ist beispielsweise der einzige Distributor im Programm. Dazu kommen weitere Partner, die unterschiedliche Teile der Wertschöpfung abdecken. Ziel ist immer: Für jedes Startup genau die Expertise bereitzustellen, die es gerade braucht.
Wir selbst kommen stark aus dem Halbleiter- und Technologieumfeld. Infineon ist beispielsweise ein zentraler Industriepartner. Dazu kommen Unternehmen aus Design, Tools und Systementwicklung.
Das Ganze ist ein sehr bewusst orchestriertes Ökosystem: vom Chipdesign über Fertigung bis hin zur Anwendung im Markt.
»Der größte Engpass ist nicht Technologie – sondern Industrialisierung«
Deep-Tech-Startups sind innovationsstark, haben aber oft Skalierungsprobleme. Wo sehen Sie die größten Hürden?
Philipp Mai: Ich würde drei Dinge nennen. Erstens: Industrialisierung. Viele Gründer denken sehr sequenziell – erst Prototyp, dann Markt. Das funktioniert in der Realität nicht.
Was fehlt, ist der Blick vom Ende her: Wie muss ein Produkt aussehen, damit es später überhaupt produziert werden kann? Themen wie funktionale Sicherheit, Cybersecurity oder Zertifizierungen – UL, VDE und andere Standards – werden oft zu spät berücksichtigt. Das kann ein Startup später komplett aus dem Konzept bringen, auch finanziell.
Alois Eder: Ich würde ergänzen: Kapital, Mindset und Marktzugang. Kapital ist in Europa ein strukturelles Thema. Wir haben weniger Risikobereitschaft als in den USA, und oft fehlt „geduldiges Kapital“, das auch lange Entwicklungszyklen trägt.
Dann das Mindset: Viele Gründer unterschätzen den globalen Wert ihrer Technologie. Sie wissen oft gar nicht, wie konkurrenzfähig sie eigentlich sind – oder sie können es nicht gut genug kommunizieren.
Und drittens: Marktzugang. Genau hier liegt die Stärke eines globalen Netzwerks wie unseres. Ohne Zugang zu Kunden, Lieferketten und Industriepartnern bleibt selbst die beste Technologie stehen.
»Halbleiter ist das komplexeste Produkt der Menschheitsgeschichte«
Welche typischen Fehler sehen Sie beim Übergang vom Prototyp zur Serienfertigung?
Alois Eder: Ein klassischer Fehler ist dieses lineare Denken: Es wird ein Prototyp gebaut, und erst danach beginnt man über Skalierung nachzudenken. Das ist zu spät.
Man muss parallelisieren. Schon in der Prototypenphase muss klar sein, welche Komponenten später verfügbar sind, wie das Design für Fertigung aussieht und welche Stückzahlen realistisch sind.
Philipp Mai: Ich würde das zuspitzen: Halbleiter ist wahrscheinlich das komplexeste Produkt, das die Menschheit je gebaut hat. Viele Startups unterschätzen die Realität der Lieferketten. Kleine Stückzahlen sind heute leicht verfügbar – das erzeugt ein falsches Gefühl von Sicherheit.
Aber sobald es um 50.000 oder 100.000 Stück geht, greifen völlig andere Regeln. Produktionszyklen von 26 Wochen sind normal. Und genau diese Realität wird oft unterschätzt. Dazu kommen regulatorische Anforderungen, Qualitätsmanagementsysteme und Zertifizierungen. Ohne diese ist ein Markteintritt oft schlicht nicht möglich – gerade in regulierten Märkten wie Medizintechnik.
»KI ist der Treiber – und sie trifft jetzt die physische Welt«
Welche Technologiefelder sind aktuell besonders vielversprechend?
Alois Eder: Der zentrale Treiber ist ganz klar KI. Und zwar nicht mehr nur im Softwarebereich, sondern jetzt in der physischen Welt.
Wir sehen das in Robotik, autonomen Systemen, industrieller Automatisierung, Drohnen oder mobilen Robotern. Das ist erst der Anfang.
Europa hat hier eine große Chance, weil wir starke industrielle Basen haben – Automotive, Maschinenbau, Fertigung. KI trifft jetzt auf diese reale Welt.
Philipp Mai: Ich würde ergänzen: Rechenzentren sind ein unterschätztes Feld. Energieversorgung, Kühlung, Gebäudetechnik – hier entstehen gerade enorme Innovationsfelder, in denen Europa stark ist.
Dazu kommt Edge Computing und die Verbindung von Embedded Systems, Firmware und AI. Und natürlich klassische Industrien wie Automotive oder Medizintechnik, die extrem stark von diesen Technologien profitieren.
»Europa hat Forschung, aber zu wenig globale Champions«
Aber warum entstehen in Europa so selten globale Technologieführer?
Alois Eder: Die Zahlen sind relativ eindeutig: Rund ein Drittel der weltweiten Forschung kommt aus Europa, aber nur ein sehr kleiner Anteil globaler Tech-Champions.
Das Problem liegt im Übergang: von der Idee zum skalierbaren Unternehmen. Es fehlt oft an Geschwindigkeit, Kapital und konsequenter Marktorientierung. Am Ende zählt nur eines: kommerzieller Erfolg im globalen Maßstab.
„Geopolitik verändert die Industrie massiv«
Und welche Rolle spielen geopolitische Unsicherheiten?
Philipp Mai: Eine sehr große. Besonders im Bereich kritischer Infrastruktur und Defense sehen wir klare Veränderungen. Lieferketten sollen zunehmend regionalisiert werden, teilweise sogar „Europe-only“. Das ist bei komplexen Halbleiterprodukten jedoch extrem schwierig.
Alois Eder: Wir sehen zusätzlich eine stärkere Sensibilität beim Thema IP und Supply Chain Security. Unternehmen denken vorsichtiger über Daten, Partnerschaften und Veröffentlichungen nach. Das verändert die Art, wie Innovation global geteilt wird.
Welche Rolle spielen Lieferketten und Fertigungskapazitäten konkret?
Alois Eder: Eine sehr zentrale Rolle. Bei Leading-Edge-Technologien gibt es global nur sehr wenige Hersteller. Das ist ein strukturelles Risiko. Europa ist hier stark in der Anwendung, aber abhängig in der Fertigung an der Spitze der Technologie.
Philipp Mai: Und gleichzeitig ist das System global extrem verflochten. Jede Region hat ihren Anteil an der Wertschöpfung. Europa ist nicht isoliert, sondern Teil eines komplexen globalen Netzwerks – und darin durchaus unverzichtbar.
»Erfolg heißt: Startups werden zu globalen Champions«
Woran messen Sie den Erfolg der Partnerschaft in drei bis fünf Jahren?
Alois Eder: Am Ende ist die wichtigste Kennzahl: Wie viele der Startups werden zu echten globalen Unternehmen? Dazu kommen klassische Indikatoren wie Finanzierung, Skalierungsgeschwindigkeit und Überlebensrate. Aber entscheidend ist der langfristige Erfolg im Markt.
Philipp Mai: Für uns hat das auch eine sehr praktische Dimension: Erfolgreiche Startups werden später selbst zu Kunden. Das heißt, es entsteht ein nachhaltiges industrielles Ökosystem.
»Europa braucht mehr Mut, Kapital und industrielle Kooperation«
Was muss sich ändern, damit Europa Technologieführer hervorbringt?
Alois Eder: Mehr Selbstbewusstsein. Europa hat enorme Innovationskraft. Diese muss stärker in Markt- und Geschäftserfolg übersetzt werden. Dazu braucht es mehr Risikokapital und vor allem den Mut, große industrielle Partnerschaften früh einzugehen.
Philipp Mai: Und ich würde ergänzen: Etablierte Industrieunternehmen müssen stärker selbst aktiv werden – durch Kooperationen, Investitionen und auch Spin-offs. Das ist kein Nice-to-have, sondern ein entscheidender Hebel für Europas Wettbewerbsfähigkeit.