Weil der Automotive-Markt nur langsam Fahrt aufnimmt, erschließt MicroVision neue Absatzfelder. Im Verteidigungsmarkt sollen LiDAR-Sensoren Drohnen und autonome Fahrzeuge unterstützen. Erste Bestellungen über Tausende Sensoren zeigen, dass die Strategie zu greifen beginnt.
In den vergangenen Jahren traten zahlreiche LiDAR-Anbieter auf den Markt, die meisten sind inzwischen wieder von der Bildfläche verschwunden, denn der von den Unternehmen anvisierte Automotive-Markt ist viel langsamer auf die neue Sensortechnologie eingestiegen als viele gehofft hatten. Glen DeVos, CEO von MicroVision, setzt deshalb seit langem auf unterschiedliche Absatzmärkte. Bereits Anfang des Jahres betonte er während eines Pressegesprächs zur Übernahme von Luminar, dass diversifizierte Absatzmärkte jenseits der Automobilindustrie absolut erforderlich seien. Im Automotive-Markt dauere es schlicht zu lange, bis nennenswerte Umsätze entstehen. Neben Industrieanwendungen nannte er bereits zu diesem Zeitpunkt ausdrücklich den Defense-Markt als einen Bereich, in dem MicroVision seine vorhandene Technologie einsetzen will.
Jetzt erklärt DeVos: »Der Automotive-Bereich ist für uns weiterhin wichtig, aber die Erschließung erfordert viel Zeit. Deshalb haben wir uns in den letzten anderthalb Jahren auf industrielle Anwendungen konzentriert, darunter Offroad-Fahrzeuge sowie Sicherheits- und Verteidigungsanwendungen.« In diesem Zusammenhang spricht er von drei Anwendungsbereichen im Defense-Markt, auf die sich das Unternehmen derzeit konzentriert.
Wahrnehmungssysteme für unbemannte und autonome Fahrzeuge. Dazu zählen UGVs (Unmanned Ground Vehicles) ebenso wie autonome Systeme für maritime Anwendungen. DeVos: »Bei UGVs erfüllt LiDAR zunächst eine ähnliche Aufgabe wie beim automatisierten Fahren: Der Sensor erfasst die Umgebung und liefert Daten für die Erkennung von Hindernissen und die Wegplanung. Laut seiner Aussage liefert MicroVision bereits seit dem vierten Quartal 2025 »Movia L«-Sensoren an einen UGV-Anbieter.
Die Detektion und Verifikation von Objekten über sehr große Entfernungen. Hier ist nach Angaben von DeVos insbesondere die Scantinel-Technologie interessant. Der auf 1550-nm-FMCW-Technologie basierende LiDAR soll Reichweiten von bis zu einem Kilometer ermöglichen. In Kombination mit Radar und Kamera könne das System Drohnen und anderen Objekten zuverlässig erkennen. Gleichzeitig lassen sich laut seiner Aussage damit Fehlalarme reduzieren, die bei Systemen auftreten können, die ausschließlich mit Kamera und Radar arbeiten.
Drohnen für ISR-Missionen (Intelligence, Surveillance and Reconnaissance), also für Aufklärung und Überwachung. DeVos: »Dabei geht es insbesondere darum, Einsatzkräften am Boden Informationen in Echtzeit zur Verfügung zu stellen. Im Fokus stehen derzeit Verteidigungsanwendungen, grundsätzlich sind aber auch zivile Einsatzmöglichkeiten denkbar.«
Laut seiner Aussage liegt der derzeitige Schwerpunkt auf dem dritten Bereich. »Der entscheidende Punkt ist, dass wir LiDAR- und Kameradaten direkt an Bord der Drohne in Echtzeit zusammenführen können«, erklärt DeVos. Dadurch lässt sich bereits während des Flugs eine dreidimensionale Karte der Umgebung erstellen und an eine Bodenstation, ein UGV oder ein mobiles Endgerät übertragen. Eine nachträgliche Offline-Auswertung der Daten ist nicht erforderlich.
Das ist insbesondere für autonome Bodenfahrzeuge im Gelände interessant. Da sie mit wechselnden Bodenverhältnissen, Hindernissen oder Gräben umgehen müssen, benötigen sie aktuelle Umgebungsinformationen für die Wegplanung. Eine vorausfliegende Drohne kann diese Daten erfassen und dem UGV in Echtzeit zur Verfügung stellen. Ebenso lässt sich die Technik zur Überwachung der Umgebung von Anlagen oder Kommandoposten einsetzen.
Gegenüber reinen Kamerasystemen liefert LiDAR nicht nur ein zweidimensionales Bild, sondern ein räumliches Modell der Umgebung. Darin lassen sich beispielsweise Stromleitungen, Gräben, Fenster oder Abstände zwischen Gebäuden erkennen und vermessen. Zudem arbeitet LiDAR weitgehend unabhängig von den Lichtverhältnissen und kann auch nachts 3D-Daten erfassen. Nach Angaben von MicroVision lassen sich teilweise sogar Bodenstrukturen unter Baumkronen erkennen.
Welchen Zeitgewinn die Verarbeitung direkt auf der Drohne bringen soll, verdeutlicht DeVos anhand eines Vergleichs aus Gesprächen mit militärischen Anwendern: Demnach dauert es mit bisher eingesetzten Verfahren etwa 40 Minuten, eine rund 4000 Quadratmeter große Fläche als 3D-Karte aufzubereiten. Das System von MicroVision soll dies in ungefähr 40 Sekunden erledigen, weil die Karte bereits während des Flugs entsteht.
Um die Daten über gewöhnliche Funkverbindungen übertragen zu können, übermittelt das System nicht die vollständige, datenintensive Punktwolke. Stattdessen reduziert es die Daten an Bord und erzeugt daraus ein kompakteres dreidimensionales Umgebungsmodell. Dafür sind laut MicroVision etwa 3 bis 4 Mbit/s erforderlich; einschließlich der Kamerabilder liege die Datenrate bei maximal rund 10 Mbit/s.
Die technologische Grundlage für das Drohnengeschäft hat MicroVision Anfang August mit der Produktfamilie Movia Air vorgestellt. Sie basiert auf der vorhandenen Movia-Plattform, wurde aber speziell für unbemannte Flugsysteme angepasst. Movia Air ist für die präzise Kartierung im Nahbereich vorgesehen und wird nach Angaben von MicroVision derzeit in etwa 30 Metern Höhe erprobt. Für größere, meist als Starrflügler ausgeführte Drohnen, die in 300 Metern Höhe und darüber fliegen, seien dagegen Scanning-LiDAR-Sensoren wie Iris oder Halo vorgesehen.
Movia Air ist ein LiDAR-Sensor für UAVs (Unmanned Aerial Vehicle, typischerweise Drohnen) und soll unter anderem Objekterkennung und -verfolgung, Hindernisvermeidung sowie autonome Folge- und Landefunktionen ermöglichen. Gegenüber der industriellen Movia-Ausführung hat MicroVision das Gewicht nach eigenen Angaben um rund 50 Prozent reduziert. Gerade bei Drohnen ist dies wichtig, weil sich jedes zusätzliche Gewicht unmittelbar auf Nutzlast und Flugzeit auswirkt. DeVos beziffert das Gewicht von Movia Air auf etwa 390 g; bei einer vollständigen Integration in die Drohne seien rund 352 g möglich. Movia Air Plus wiege je nach Rechner und Kamera zwischen 600 und 900 g. Mit der kommenden MOVIA-S-Plattform strebt das Unternehmen ein Gewicht von weniger als 200 g an.
Außerdem erweitert Movia Air Plus den Sensor um Edge-Processing, Perception-Software und optional eine Kamera. Damit können die Sensordaten direkt auf der Drohne verarbeitet werden. Zu den vorgesehenen Funktionen gehören Echtzeit-3D-Mapping, Sensorfusion, SLAM (Simultaneous Localization and Mapping), Geländeerkennung, Hindernisvermeidung, Objekterkennung und autonome Navigation. »Autonome Flugsysteme benötigen mehr als Bilder. Sie müssen ihre Umgebung verstehen und Entscheidungen in Echtzeit treffen«, erklärt DeVos. Movia Air liefert dafür die LiDAR-Daten; Movia Air Plus ergänzt die Verarbeitung unmittelbar an Bord.
Auch die Kosten will MicroVision deutlich senken. Bisher auf Drohnen eingesetzte LiDAR-Systeme kosteten nach Angaben von DeVos einschließlich der Nutzlast häufig deutlich mehr als 10.000 Dollar und basierten meist auf elektromechanischen Sensoren. Für LiDAR-Sensoren der von MicroVision vorgesehenen Art nennt er bei entsprechenden Stückzahlen eine Größenordnung von rund 1500 Dollar.
Für diese Aktivitäten hat MicroVision zudem ein eigenes Aerial-Systems-Team aufgebaut. Dazu kamen Mitarbeiter des Drohnenherstellers Rapid Flight um Hal Brown. Das Team arbeitet in Chantilly im US-Bundesstaat Virginia und war gemeinsam mit anderen MicroVision-Entwicklern an den Movia-Air-Produkten beteiligt.
Laut DeVos hat MicroVision die für Drohnen entwickelte LiDAR- und Echtzeit-Mapping-Technologie inzwischen aus der Entwicklungsphase in die konkrete Erprobung mit Partnern überführt und beginnt nun, sie öffentlich zu demonstrieren und zu vermarkten. »Wir haben die Zusammenarbeit mit einer Reihe von Unternehmen aufgenommen, wie zum Beispiel Avular und dessen auf Verteidigungs- und Sicherheitsanwendungen spezialisierte Tochtergesellschaft, aufgenommen, um die Technologie weiterzuentwickeln und zu demonstrieren, was sie kann.«
Bei der Joint Interagency Field Experimentation (JIFX) kündigte MicroVision eine öffentliche Demonstration von MOVIA Air Plus mit einem weiteren Partner an. Die von der Naval Postgraduate School geleitete Veranstaltung bringt Vertreter von Militär, Behörden, Industrie und Wissenschaft zusammen, um neue Technologien unter realitätsnahen Einsatzbedingungen zu erproben. MicroVision wollte dort die integrierte Drohnen- und Sensorlösung sowie die Wahrnehmung und 3D-Kartierung in Echtzeit vorführen.
Für den weiteren Jahresverlauf kündigt MicroVision eine weitere Demonstration an: Dabei will das Unternehmen zeigen, wie sich die von MOVIA Air erfassten Daten mit den Daten der Long-Range-LiDAR-Sensoren IRIS kombinieren lassen. Auf diese Weise soll aus Luft- und Bodenperspektive ein einheitliches Echtzeitbild der Einsatzumgebung entstehen.
MicroVision hat außerdem vor kurzem Kurzem bekannt gegeben, dass sich das Unternehmen mit J.A. Green & Company Unterstützung holt, um aus bisherigen Erprobungen und Kontakten konkrete Partnerschaften, Programmteilnahmen und langfristig Aufträge im US-Verteidigungsmarkt zu entwickeln zu gewinnen. Die auf Verteidigungs-, Regierungs- und Industriepolitik spezialisierte Beratungsgesellschaft soll geeignete Beschaffungs- und Förderprogramme identifizieren, MicroVision bei staatlichen Informations- und Angebotsanfragen unterstützen und Kontakte zur US Army, zur Navy, zum Marine Corps sowie zu weiteren Regierungsstellen vermitteln. Einen konkreten Auftrag meldete MicroVision mit der Zusammenarbeit allerdings noch nicht.
Dass die Strategie erste kommerzielle Ergebnisse liefert, zeigt eine Ende August veröffentlichte Meldung: MicroVision hat von mehreren Kunden in Nordamerika und Europa Erst- und Folgebestellungen über insgesamt Tausende Iris-LiDAR-Sensoren erhalten. Die Sensoren sind für Industrie-, Sicherheits- und Verteidigungsanwendungen vorgesehen, darunter autonome Geländefahrzeuge, Raumfahrtsysteme, Logistiklösungen und Robotik. »Diese Aufträge spiegeln die kommerzielle Entwicklung wider, auf die wir hingearbeitet haben: von der Evaluierung und Validierung über den Einsatz bis hin zu größeren Stückzahlen«, erklärt DeVos. Entscheidend sei, dass die Bestellungen nicht nur von einem einzelnen Kunden oder aus einem einzigen Anwendungsbereich stammten. Vielmehr hätten sich mehrere Kunden in Nordamerika und Europa für die Technik entschieden.
Die kurzfristig verfügbaren Iris-Sensoren sollen zunächst laufende Kundenprojekte und Produktionsprogramme bedienen. Der Wechsel auf die neue Halo-Plattform soll nach Angaben von MicroVision gegen Ende 2027 beginnen und sich 2028 fortsetzen. Da die Kunden Iris bereits in ihre Systeme integriert und validiert haben, sollen sie diese Vorarbeiten beim Übergang zu Halo weitgehend weiterverwenden können. MicroVision will damit die Grundlage für größere Stückzahlen und wiederkehrende Erlöse mit Hardware und Software schaffen.