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Garz & Fricke

»Wir wollen kein neuer Cloud-Anbieter sein«

25. August 2020, 08:30 Uhr   |  Joachim Kroll

»Wir wollen kein neuer Cloud-Anbieter sein«
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Kai Poggensee, CTO und Christoph Kutzera, Head of Solutions bei Garz & Fricke.

Im Februar 2020 hat Garz & Fricke eine eigene Cloud-Lösung angekündigt. Mutet sich das mittelständische Unternehmenda nicht ein bisschen zu viel zu? Wir fragten Christoph Kutzera, Head of Solutions und CTO Kai Poggensee.

DESIGN&ELEKTRONIK: Es gibt schon viele Cloud-Anbieter. Warum bietet Garz & Fricke jetzt auch eine eigene Cloud an?

Christoph Kutzera: Wir sind ein Anbieter von HMIs und Bezahlsystemen. Ein signifikanter Anteil der Geräte, die wir verkaufen, ist bereits vernetzt. Den Wunsch nach Vernetzung gibt es ja schon seit Jahren und deshalb bieten wir auch schon seit zwölf Jahren ein System an, das man heute Cloud nennt und das früher M2M oder Telemetrie hieß. Mit unserem Erfahrungsschatz und ausgehend von über 50.000 Automaten, die bereits online sind, haben wir dieses System neu gedacht und auf die nächste Ebene gehoben.

Kai Poggensee: Wir wollen kein neuer Cloud-Anbieter sein, der in Konkurrenz zu den großen Cloud-Plattformanbietern tritt, sondern wir wollen einen Mehrwert zu unseren Geräten bieten. Unseren Kunden hilft das, den Gerätepark zu vernetzen, zu managen, zu betreiben und Daten auszutauschen.

D&E: Worin besteht diese »neue Ebene«?

Kutzera: Bisher hatten wir ein Teleme-trieprodukt für Tabakwaren, das sehr stark auf diesen Anwendungsfall fokussiert war. Wir haben es jetzt auf ein universelles HMI-Produkt inklusive Sicherheitslösung erweitert, das in vielen anderen Anwendungsfällen zum Einsatz kommen kann. Dafür liefern wir jetzt die Plattform, die es unseren Kunden einfach macht, das in Betrieb zu nehmen und zu nutzen.

Poggensee: Eine Cloud ist nicht nur der Serverdienst, dazu gehört auch die Middleware auf der Seite des Clients und das Management-Interface. Bisher waren wir da sehr zentriert auf bestimmte Gerätetypen und Kundenkreise. Das haben wir jetzt agnostisch gemacht, es wird zukünftig auf allen unseren Geräten und für alle Kunden angeboten. Das Management-Interface haben wir generalisiert, man kann es jetzt an jeden Kunden anpassen.

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Bild 1: Die Daten der IoT-Geräte fließen über einen gesicherten Kanal in die Garz & Fricke Cloud. Von dort kann der Eigentümer der Geräte die Daten über Cloud2Cloud Connect in seine eigene Cloud synchronisieren.

D&E: Was ist der Zusatznutzen für die Kunden?

Poggensee: Das was wir »Garz & Fricke Cloud« nennen ist ein ganzes Ökosystem. Der Kunde kann damit die Daten, die er schon immer auf seinen Geräten hatte, völlig transparent über seinen ganzen Gerätepark hinweg sammeln und synchronisieren. Er muss sich auch keine Gedanken darüber machen, welche Protokolle er verwendet, wie er sich mit der Cloud verbindet, wie er Interoperabilität herstellt und wie er dafür sorgen kann, dass seine vier Garz & Fricke-Geräte mit dem fünften Nicht-Garz & Fricke-Gerät zusammenarbeiten. Auch dafür ist unser »Cloud2Cloud Connector« gedacht, damit kann der Kunde seine Daten in seine eigene Cloud übertragen und so auf seiner Seite zusammenführen.

Kutzera: Der Nutzen besteht darin, dass auf den Geräten alles vorinstalliert ist. Probleme, mit denen sich nicht jeder beschäftigen möchte, sind gelöst: Server-Infrastruktur, Sicherheitsanwendungen, Schlüsselspeicher und die Vorinitialisierung in der Fertigung bei Seriengeräten.

Wir wollen einen Vendor-Lock-in vermeiden. «

D&E: Welche Hardware- und Software-Voraussetzungen müssen gegeben sein?

Kutzera: Unser System ist Linux-basierend aber nicht auf Linux begrenzt. Es läuft auch mit Android, und eine Portierung auf Windows IoT ist ebenfalls möglich. Wir stellen APIs bereit für die Anwendung des Kunden, der dort Datenpunkte registrieren kann. Die Daten werden dann über Standardprotokolle wie MQTT, abgesichert über OpenSSL, in unser Rechenzentrum übertragen oder direkt in die Datenbanken des Kunden durchgeschleust. Wir wollen dabei ein Vendor-Lock-in vermeiden und haben deshalb einen entsprechend flexiblen Ansatz mit unserem Cloud2Cloud-Connector. Was die Hardware angeht, so nutzen wir auf allen unseren Geräten einen sicheren Speicher, ein Secure Element, für Schlüssel und Zertifikate.

D&E: Das bedeutet, Sie können dem Kunden einen eigenen Server installieren oder das als Dienstleistung anbieten und die Daten selbst hosten?

Poggensee: Nicht ganz. Wir wollen maximale Sicherheit und eine vorkonfigurierte Out-of-the-box-Funktion bieten. Deswegen haben wir uns dafür entschieden, dass der Kunde seine Daten aus unserer Cloud zieht. Auf dem Gerät, das der Kunde kauft, ist unsere Middleware installiert, die sich automatisch mit der Garz & Fricke Cloud verbindet. Der Kunde verbindet dann seine Cloud mit unserer und zieht sich seine Daten da raus. Damit können wir gewährleisten, dass der gesamte Kanal vom Gerät in die Cloud durchgängig gesichert ist, bei überschaubarem Aufwand für uns. Trotzdem ist der Kunde jederzeit im Besitz seiner Daten.

D&E: Dem Kunden trauen sie also nicht zu, den Kommunikationskanal zu sichern? der wäre das für Sie einfach mit mehr Aufwand verbunden?

Poggensee: Wenn der Kunde das alles kann, dann bräuchte er unser System vermutlich nicht. Dazu müsste er einen eigenen Client haben und komplett verstehen, wie man gegen eine Cloud arbeitet. Der Mehrwert, den wir bieten, besteht darin, dass man sich über das ganze Cloud-Thema keine Gedanken machen muss und seine Daten nur in ein lokales API auf dem Client einspeist. Deshalb sehen wir das primäre Szenario darin, dass ein Kunde, der sich nicht in der Tiefe mit den technischen Details auseinandersetzen möchte, unser System nutzt.

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Bild 2: Interview in Zeiten von Corona: Kai Poggensee (oben) und Christoph Kutzera im Video-Chat.

D&E: Wie fügt sich ihr Zahlungssystem KarL4 ist dieses Szenario ein und was ist das überhaupt?

Kutzera: KarL4 ist die Abkürzung für Kartenlesegerät in der vierten Generation. Es erlaubt die Zahlung mit Girocard beziehungsweise der kontaktlosen Girocard. Die Kreditkarte ist im Zulauf. Es ist ein Terminal ohne Pinpad, das heißt, für Zahlungen im europäischen Raum bis 25 Euro. Das wird aber aktuell auf 50 Euro erweitert.

Poggensee: Der KarL ist zwar ein Gerät, das cloud-enabled ist, aber bei Bezahlgeräten gibt es immer noch einen zweiten Kanal, den Bezahlkanal, der unabhängig davon laufen muss. Da sind ein Softwarestack, ein Protokoll und eine Sicherung installiert, die nach den Vorgaben der Deutschen Kreditwirtschaft zertifiziert sind. Die Bezahlvorgänge laufen auch nicht über die Cloud, sondern über die Systeme der Deutschen Kreditwirtschaft. Über die Cloud können wir Metadaten dazu bekommen, das heißt, wir können nicht den gesamten Vorgang duplizieren und mitloggen, aber der Kunde kann die Information erhalten, ob eine Bezahltransaktion erfolgreich abgewickelt wurde oder ob eine bestimmte Menge an Waren ausgelöst wurde.

D&E: Aber nochmal: Warum hosten Sie Ihr System nicht auf einer bestehenden Cloud-Plattform?

Kutzera: Aufgrund unserer zwölfjährigen Erfahrung beim Betrieb einer solchen Plattform haben wir uns entschieden, das selbst zu machen. Das hat finanzielle Gründe, aber auch viele Vorteile: Die Kontrolle der Serverarchitektur, und durch die Verwendung standardisierter Protokolle begeben wir uns nicht in die Abhängigkeit eines bestimmten Anbieters.

D&E: Ist das Projekt Gaia-X der Bundesregierung für Sie von Belang?

Poggensee: Ja, das ist durchaus relevant für uns, und wir haben beim BMWi auch angefragt, ob wir in einer der Arbeitsgruppen mitmachen können. Das Gaia-X-Thema schwebt sozusagen auf der Meta-Ebene. Da geht es um grundlegende rechtliche Fragen, die zu klären sind. Aber ganz dominant ist auch die Frage: Wie erzeugt man Interoperabilität zwischen verschiedenen Cloud-Systemen. Und wie kann man das Vendor-Lock-in vermeiden, in das man sich sowohl bei den großen Plattformanbietern als auch bei kleineren IoT-Anbietern begibt. Dazu wollen wir mit unserem Cloud2Cloud Connect den Gegenentwurf liefern.
Genau an dieser Stelle wird Gaia-X für uns sehr interessant, denn da geht es auch darum, wie man Datenmodelle so gestaltet, dass sie migrierbar sind. Wie kann man Cloud-Anbieter und Cloud-Systeme mit Konnektoren vesehen, dass man Daten automatisiert von einem ins andere System übertragen kann? Das sind Themen, die für uns alle interessant und wichtig sind. Bei der Ausgestaltung muss man fairerweise sagen, dass wir mit unserem System da derzeit in einer prototypischen Phase sind, also gerade in der Markteinführung. Das ist aber ein Vorteil, weil wir dadurch solche Trends wie bei Gaia-X noch mit aufnehmen können.

D&E: Vielen Dank für ihre Zeit.
Das Interview führte Joachim Kroll.

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