Arbeitsmarkt Verteidigung

Defense auf Turbo: Welche Fachkräfte jetzt fehlen

27. April 2026, 09:30 Uhr | Corinne Schindlbeck
Tim Zychacek, Geschäftsführer von Mission:Hire, Karrierepartner der Enforce Tac, Nicholas Minkner, Geschäftsführer von 8R Partners und Eva Brückner, Geschäftsführerin der Personalberatung Heinrich&Coll
Defense entwickelt sich gerade zu einem der dynamischsten Arbeitsmärkte für Ingenieurinnen und Ingenieure. Doch der Markt funktioniert nach eigenen Regeln: Tim Zychacek, Geschäftsführer von Mission:Hire, Karrierepartner der Enforce Tac, Nicholas Minkner, Geschäftsführer von 8R Partners und Eva Brückner, Geschäftsführerin der Personalberatung Heinrich&Coll geben Auskunft.
© Mission:Hire, 8R Partners, Heinrich&Coll

Die Auftragsbücher der Verteidigungsbranche sind so voll wie nie – der Personalbedarf wächst dementsprechend, und zwar entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Doch gesucht werden nicht nur »mehr Ingenieure«. Drei Personalberater erklären, wie die Branche tickt.

Was lange als eine Art „Manufaktur“ galt - ein Nischenmarkt mit stabilen, aber begrenzten Perspektiven - entwickelt sich seit der Zeitenwende zu einem der dynamischsten Arbeitsmärkte für Ingenieurinnen und Ingenieure. Der Bedarf wächst. Doch der Markt funktioniert nach eigenen Regeln.

Mit über 1.400 Ausstellern aus 45 Ländern (2025: 998) und rund 26.500 Fachbesuchern aus 100 Ländern (2025: 18.576) hat die Enforce Tac in diesem Jahr deutlich zugelegt. »Aufbruch«  - so beschreibt Eva Brückner, Geschäftsführerin der Personalberatung Heinrich & Coll., die Stimmung. Wachstum sei allgegenwärtig: »Wir waren zu dritt auf der Messe und haben sicherlich über 150 Gespräche geführt - und überall derselbe Tenor: Wir wachsen, wir suchen dringend Personal.«

Tempo!

Was sich derzeit vollzieht, ist mehr als ein konjunktureller Aufschwung. Der Markt verändert seine Struktur. Tim Zychacek, Geschäftsführer von Mission:Hire und offizieller Karrierepartner der Enforce Tac, spricht von einer Verschiebung »in drei Richtungen gleichzeitig: mehr Leute, andere Profile, mehr Tempo«.

Vor 2022 sei die Branche geprägt gewesen von langen Entwicklungszyklen und kleinen Stückzahlen. Heute gehe es um den Hochlauf: »mehr Munition, mehr Drohnen, mehr Luftverteidigung, mehr Satellitenkommunikation«. Die Industrie müsse nach Jahren des Rückbaus ihre Kapazitäten in kürzester Zeit wieder hochfahren – auch personell.

Gleichzeitig zeigt sich ein paradoxes Bild: Trotz wachsender Bewerberzahlen geraten viele Unternehmen unter Druck. »Viele sind mit der schieren Masse überfordert«, sagt Zychacek. Zahlreiche Bewerber seien fachlich nicht passend oder wollten opportunistisch in den Wachstumsmarkt wechseln. Dennoch bleibt der Bedarf enorm: »Fast jedes Unternehmen in der Branche ist auf der Suche. Salopp würde ich sagen: Tausende.«

Auch Nicholas Minkner, Geschäftsführer von 8R Partners, beobachtet diesen strukturellen Wandel. Die gestiegenen Verteidigungsausgaben würden zunehmend in konkrete Programme übersetzt – mit direktem Effekt auf den Arbeitsmarkt: »Mehr Projekte bedeuten mehr Entwicklungs-, Produktions-, Integrations- und Servicekapazitäten – und damit mehr Bedarf an qualifiziertem Personal.«

Minkner sieht vor allem einen Mangel an erfahrenen Spezialisten: »Es fehlt nicht primär an Budget oder Aufträgen, sondern an Menschen, die komplexe Systeme entwickeln, integrieren und in die Produktion überführen können.« Brückner verweist auf einen weiteren kritischen Punkt: die Industrialisierung. Es fehle nicht nur an Entwicklern, sondern auch an Know-how, »wie man manufakturelle Entwicklung und Produktion in die Serie überführt«.

Software wird zum Taktgeber

Einigkeit besteht auch bei der technologischen Entwicklung: Die Verteidigungsindustrie wird softwarezentriert. Minkner spricht von einer klaren Verschiebung hin zu »Software, Datenfusion, vernetzten Systemen sowie Cybersecurity und KI«. Die Zeitenwende habe diesen Trend zusätzlich beschleunigt.

Zychacek formuliert es noch pointierter: »Software Defined Defence ist kein Schlagwort mehr, sondern gelebte Realität.« Systeme würden zunehmend per Software-Update weiterentwickelt statt durch neue Hardware ersetzt.

Entsprechend verändert sich der Arbeitsmarkt. Besonders gefragt sind laut Zychacek Embedded-Entwickler, Systems Engineers, Radar- und Optronik-Spezialisten – ergänzt um Cybersecurity-Experten und Datenwissenschaftler. Gleichzeitig verschärft sich der Wettbewerb mit anderen Industrien. Minkner betont: »Dieser Wettbewerb ist hart, weil dieselben Kernprofile gesucht werden - wie z.B. erfahrene Entwickler und Architekten in hardwarenaher Software (C/C++, Embedded Linux), Security Engineering und Architecture, DevSecOps, Funk- und Netzwerktechnik - insbesondere in einem ohnehin angespannten IT-Arbeitsmarkt«. Aber auch andere Sektoren wie Luft- und Raumfahrt, High-Tech aber auch die internationale Software-Industrie suche solche Kernprofile, so Minkner. »Der Wettbewerb ist hart«.

Ein normaler Arbeitsmarkt?

Da kommt es der Verteidigungsbranche zugute, dass sie das Schmuddel-Image offenbar abstreifen kann. Lange galt sie vielen Ingenieurinnen und Ingenieuren als Brötchengeber moralisch schwierig, wenn nicht gar indiskutabel. Diese Haltung verschiebt sich, zeigen Studien: »Die Leute sehen heute, dass es hier um echte Sicherheit geht, nicht um abstrakte Bedrohungsszenarien.«, so Zychacek. Rund 35 Prozent der Ingenieurstudierenden könnten sich laut Universum-Studie eine Tätigkeit in der Luft- und Rüstungsindustrie vorstellen.

Den Paradigmenwechsel beobachtet auch Brückner, schon lange und vor der »Zeitenwende« in der Branche tätig: Das Denken habe sich von »ich will keine Waffen bauen« hin zu »ich möchte meinen Beitrag zu Frieden und Freiheit in Europa leisten« verschoben. Auch Nicholas Minkner erkennt an, dass Verteidigung heute stärker »im Kontext von Sicherheit, Souveränität und Schutz kritischer Infrastruktur« gesehen werde.

Auch das erklärt den aktuellen Run vieler auf die Branche. Doch warnt Brückner ausdrücklich vor  - technikgetriebener - Weichzeichnung: Der Hype um Software Defined Defence dürfe nicht als Versprechen eines »cleanen Krieges« missverstanden werden. »Das verstellt den Blick auf das, was Krieg bedeutet: viel Leid, Tod, Dreck – und die Unterschreitung jeglicher, moralischer Vorstellung.«

Wachsend, aber nicht offen

Doch selbst wenn Kandidaten oder zumindest viele Interessenten aktuell verfügbar sind - es bleiben strukturelle Hürden. Die Besetzung von Positionen dauert oft Monate -  Zychacek spricht von »drei bis neun Monaten - teils deutlich länger als in anderen Branchen. Hauptgrund sind Sicherheitsüberprüfungen, die Zeit kosten und den Kandidatenpool einschränken.

Dazu kommt, wie Minkner ergänzt: Neue Mitarbeitende seien häufig erst mit Verzögerung voll einsatzfähig – ein zusätzlicher Bremsfaktor im Kapazitätsaufbau. Hinzu kommt ein bekanntes, hausgemachtes Problem: »Recruitingprozesse sind oft nicht mehr zeitgemäß und nicht skalierbar«, sagt Zychacek.

Trotz aller Dynamik bleibt die Branche selektiv. Brückner beschreibt sie als „sehr geschlossen“ – Netzwerke spielten weiterhin eine zentrale Rolle, insbesondere im Vertrieb. Das bedeutet, auch Quereinsteiger haben es nicht leicht. Zwar interessieren sich zunehmend Fachkräfte aus angrenzenden Industrien für den Markt, doch ohne relevanten Hintergrund bleibt der Einstieg schwierig. Auf der Enforce Tac war das deutlich sichtbar. Brückner berichtet: »Nicht jeder freut sich auf diese Neueinsteiger - das wurde mir vielfach gespiegelt.« Viele unterschätzten zudem, »wie konservativ die Branche tickt«.

Stabilität als Argument

Warum wollen bzw. wechseln dennoch immer mehr Ingenieurinnen und Ingenieure in die Verteidigungsindustrie? Ein zentraler Grund ist die rosige Perspektive. Zychacek verweist auf Projektlaufzeiten von zehn bis zwanzig Jahren und eine vergleichsweise hohe Jobsicherheit. Brückner sieht zusätzlich Vorteile in der technologischen Tiefe und den verfügbaren Entwicklungsbudgets. Minkner bringt es auf den Punkt: Der Sektor vereine derzeit »technologische Relevanz, hohe Investitionsdynamik und gesellschaftliche Bedeutung«.

Ausblick: Wachstum bleibt – Anforderungen steigen

Für die kommenden Jahre erwarten alle drei Experten eine anhaltend hohe Nachfrage. Minkner geht davon aus, dass sich der Engpass weiter zuspitzt – allerdings differenzierter: Der Markt werde »kompetenzgetriebener«. Brückner prognostiziert Wachstum bis mindestens 2030, bevor sich die Dynamik abflacht. Zychacek sieht die Branche auf Jahre hinaus als einen der stabilsten Arbeitgeber in Deutschland.

Einig sind sich alle drei: Der Verteidigungsarbeitsmarkt wächst - aber nicht beliebig. Wer hier bestehen will, braucht mehr als Fachwissen: Erfahrung, Systemverständnis und die Fähigkeit, in einem Umfeld zu arbeiten, das zugleich hochreguliert, technologisch anspruchsvoll und politisch wie emotional aufgeladen ist.

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