Investitionsdruck, KI‑Dynamik und geopolitische Risiken verändern die Märkte. Elena Schultz, Geschäftsführerin des Sensor+Test-Veranstalters AMA Service GmbH, erklärt, warum Sensorik zum strategischen Kern wird – und wie die Sensor+Test 2026 Orientierung im komplexen Umfeld bieten will.
Markt&Technik: Die Sensor+Test ist seit Jahren ein Fixpunkt der Branche. Wenn wir auf die kommende Ausgabe 2026 schauen: Was steht für Sie ganz oben auf der Agenda?
Elena Schultz: 2026 geht es für uns um weit mehr als um eine Leistungsschau technologischer Neuheiten. Die Sensor+Test versteht sich zunehmend als strategische Plattform in einer Phase tiefgreifender industrieller Neuordnung. Sensorik, Mess- und Prüftechnik sind heute nicht länger nachgelagerte Technologien – sie bilden die Grundlage für Wettbewerbsfähigkeit in nahezu allen Zukunftsmärkten: von Energie über Mobilität bis KI. Unser Fokus liegt deshalb klar auf Orientierung in einer zunehmend komplexen Technologielandschaft. Unternehmen stehen unter wachsendem Innovationsdruck, müssen gleichzeitig resilienter, effizienter und nachhaltiger agieren. Die Sensor+Test 2026 soll genau dabei helfen: technologische Entwicklungen nicht nur sichtbar machen, sondern ihre wirtschaftliche und strategische Relevanz einordnen.
Gibt es Schwerpunktbereiche oder Sonderthemen, die in diesem Jahr besonders zeigen, wohin die Branche sich bewegt?
Absolut. Die technologische Stoßrichtung ist eindeutig: Sensorik entwickelt sich von der Erfassung zur Intelligenzschicht industrieller Systeme. Drei Bereiche stechen besonders hervor: erstens die zunehmende Verbindung von Sensorik mit KI und datengetriebener Entscheidungslogik. Zweitens Edge Computing, also die Verlagerung von Intelligenz direkt an den Ort der Datenerfassung. Und drittens hochspezialisierte neue Sensorarchitekturen, die Präzision, Energieeffizienz und Systemintegration neu definieren. Was wir erleben, ist ein Paradigmenwechsel: Sensoren messen nicht mehr nur – sie werden zu aktiven Steuerungselementen industrieller Wertschöpfung.
Wenn wir auf den Markt blicken: Erleben wir gerade eher Rückenwind für Sensorik und Messtechnik – oder dominiert die Vorsicht?
Kurzfristig sehen wir ein anspruchsvolles Marktumfeld mit hoher Investitionsdisziplin. Strategisch betrachtet erleben wir jedoch klaren Rückenwind. Denn unabhängig von konjunkturellen Schwankungen bleibt die zentrale Erkenntnis bestehen: Ohne präzise Daten gibt es keine Automatisierung, keine Energieeffizienz, keine resilienten Lieferketten und keine belastbare KI. Sensorik ist damit keine zyklische Randtechnologie, sondern ein struktureller Kernmarkt. Genau deshalb sehen wir aktuell weniger spekulative Dynamik, aber eine bemerkenswert robuste strategische Nachfrage.
Die Investitionsbereitschaft schwankt derzeit stark. Wie reagieren Ihre Aussteller darauf? Setzen sie mehr auf High-End – oder stärker auf pragmatische, kosteneffiziente Lösungen?
Die klassische Gegenüberstellung von High-End oder Kosteneffizienz greift heute zu kurz. Der Markt fordert beides: technologische Exzellenz und wirtschaftliche Skalierbarkeit. Gefragt sind Lösungen, die hochpräzise, intelligent und gleichzeitig industriepraktisch sind. Unsere Aussteller reagieren darauf mit einem klaren Fokus auf Systemnutzen: geringerer Energieverbrauch, höhere Prozessstabilität, schnellere Integration und belastbarer ROI. Innovation wird damit stärker denn je an wirtschaftlicher Wirksamkeit gemessen.
Welche technologischen Entwicklungen erleben Sie aktuell als besonders treibend – etwa KI, Edge Computing oder neue Sensormaterialien?
KI ist zweifellos ein Treiber – aber nicht isoliert. Der entscheidende Wandel entsteht durch das Zusammenspiel von Sensorik, Datenqualität und Systemintelligenz.
Künstliche Intelligenz erhöht den Wert präziser Messdaten exponentiell. Edge Computing reduziert Latenz, stärkt Datensouveränität und ermöglicht Echtzeitfähigkeit. Neue Materialien schaffen zusätzliche Freiheitsgrade bei Miniaturisierung, Robustheit und Energieeffizienz. Die eigentliche Disruption liegt also nicht in einzelnen Technologien, sondern in ihrer Konvergenz.
Viele Hersteller sprechen inzwischen darüber, datengetriebene Geschäftsmodelle aufzubauen. Verschiebt sich die Sensorik dadurch nicht immer stärker in Richtung Software?
Software gewinnt massiv an Bedeutung – aber sie bleibt abhängig von der Qualität der physischen Datengrundlage. Deshalb wird Sensorik nicht verdrängt, sondern strategisch aufgewertet. Wer die Datenquelle kontrolliert, kontrolliert langfristig auch die Qualität datengetriebener Geschäftsmodelle. Die Zukunft liegt nicht in Hardware versus Software, sondern in integrierten Wertschöpfungsmodellen entlang der gesamten Datenkette.
Sensorik ist eine Schlüsseltechnologie für Energie, Mobilität und KI. Haben Politik und Förderlandschaft diese Bedeutung Ihrer Meinung nach ausreichend erkannt?
Das Bewusstsein wächst – aber die politische Konsequenz ist vielerorts noch nicht ausreichend. Wenn Europa technologische Souveränität ernst meint, muss stärker in Basistechnologien investiert werden. Sensorik gehört dazu. Denn Schlüsselindustrien entstehen nicht erst bei der Anwendung, sondern bei den Technologien, die Anwendungen überhaupt ermöglichen. Gerade in geopolitisch angespannten Zeiten wird deutlich: Technologische Abhängigkeit beginnt oft unsichtbar – bei Komponenten, Standards und Innovationsgeschwindigkeit.
Wie sehr beeinflussen geopolitische Spannungen – insbesondere zwischen USA und China – die Strategien und Entwicklungspläne Ihrer Aussteller?
Sehr stark. Lieferketten, Technologietransfer, Marktzugang und regulatorische Sicherheit sind längst zentrale Managementthemen. Viele Unternehmen überdenken Partnerschaften, diversifizieren Beschaffung und regionalisieren kritische Strukturen. Das verändert Strategien spürbar – ohne jedoch die globale Innovationslogik grundsätzlich aufzulösen.
Und ganz grundsätzlich: Kann Europa im globalen Sensorikmarkt langfristig mithalten – oder droht die Abwanderung wichtiger Technologien?
Europa kann technologisch absolut mithalten. Unsere Stärken liegen in Präzision, industrieller Anwendungskompetenz und Forschungstiefe. Die eigentliche Herausforderung ist weniger technologische Fähigkeit als strategische Geschwindigkeit: Wie schnell gelingt Skalierung? Wie konsequent werden Innovationen industrialisiert? Und wie entschlossen wird Technologiepolitik umgesetzt? Europa hat Substanz. Entscheidend ist, ob daraus ausreichend strategische Schlagkraft entsteht.
Wenn Sie fünf Jahre nach vorne blicken: Wie wird die Sensor+Test dann aussehen? Eher breiter aufgestellt oder noch stärker auf ihre technologischen Kernbereiche konzentriert?
Ich bin überzeugt: Die Sensor+Test wird in fünf Jahren noch fokussierter, relevanter und strategischer sein. Nicht Breite wird entscheidend sein, sondern Tiefe. Die industrielle Welt wird komplexer, nicht einfacher. Gerade deshalb gewinnen Plattformen an Bedeutung, die technologische Exzellenz präzise kuratieren. Die Sensor+Test wird sich deshalb weiter als europäischer Referenzpunkt für Sensorik, Mess- und Prüftechnik profilieren – mit klarer technologischer Kernkompetenz, aber offen für die entscheidenden Konvergenzfelder von KI, Automatisierung, Nachhaltigkeit und Datenökonomie. Oder anders formuliert: Die Sensor+Test der Zukunft wird nicht nur zeigen, was technologisch möglich ist – sondern mitentscheiden, was industriell relevant wird.
Die Fragen stellte Nicole Wörner.