TU München

»Schluckbare Elektronik wird breite Realität sein«

1. März 2017, 12:04 Uhr | Engelbert Hopf

Fortsetzung des Artikels von Teil 1

Aktuelle Forschungsschwerpunkte

Weltweit laufen derzeit Projekte, die auf den massiven Einsatz von Mikroelektronik und Big Data im Bereich der Medizin setzen. Welches der Projekte halten Sie derzeit für das aussichtsreichste?

Ich kenne derzeit kein Projekt, das verwertbare Daten unter medizinischen Standards liefert. Aus meiner Sicht ist das gegenwärtig die Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen und das Erzeugen riesiger Mengen an Datenmüll. Sofern die Datenerhebung unter nachvollziehbaren und wissenschaftlichen Standards erfolgt, kann dieses Vorgehen durchaus therapeutisch sinnvolle Daten generieren. Ein großes Problem ist aber weltweit die Festlegung auf einheitliche und verbindliche Qualitäts- und Erfassungsstandards.

Halten Sie es für realistisch, dass sich aus den bisherigen Fitness-Armbändern und ähnlichen Geräten wirkliche Healthcare-Wearables entwickeln? Was wäre für Sie das Kriterium, um ein wirklich von einem sinnvoll und nachhaltig nutzbaren Healthcare-Wearable sprechen zu können?

Das Spielen mit der elektrischen Eisenbahn vermittelt Technikverständnis und macht Spaß. Aber auch begnadete Modelleisenbahner können später kein Eisenbahnunternehmen führen oder in solchen Unternehmen technische Verantwortung übernehmen. Gegenwärtig haben diese Objekte aus meiner Sicht Spielzeugcharakter, sie sind aber nicht kalibrierbar und täuschungssicher. Das Problem der Authentifizierung ist nicht gelöst, und die Datenstandards sind nach wie vor unsicher.

Sie haben in der Vergangenheit immer wieder hervorgehoben, dass in puncto mikroelektronikgestützte Medizinelektronik zwar viel in Deutschland und Europa entwickelt wurde, die Vermarktung aber dann in anderen Weltregionen stattfand. Hat sich an dieser Einschätzung etwas geändert? Oder warum werden nach wie vor nur wenige dieser Entwicklungen wirklich auch im deutschen und europäischen Medizinbereich umgesetzt?

Nach meinem Dafürhalten haben wir hier in Deutschland immer noch schlechte Förderstrukturen und zu wenig Risiko-Kapital bei solchen Projekten. Zudem sind die Kriterien für Ablehnung oder Förderung nicht objektiv nachvollziehbar und transparent, sie scheinen eher politisch motiviert zu sein. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, die bürokratische Regulationswut bei Förderprojekten erstickt innovative Ansätze im Keim und ist für die Zukunft unseres Industriestandorts suizidär. Vielleicht sollten sich die Leute einfach mal fragen, weshalb es keinen deutschen Google, Facebook und dergleichen gibt und weshalb wir es zugelassen haben, dass ausländische Unternehmen mittlerweile wesentliche Komponenten unserer Infrastruktur steuern. Nur um Missverständnissen vorzubeugen: Das hat wenig mit Nationalismus zu tun, sondern viel mehr mit Resilienz!

Sie haben sich in den letzten Jahren primär der Tumordiagnose und -behandlung gewidmet. Wie weit ist diese Forschung inzwischen gediehen? Wo liegen heute Ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte?

Aus Sicht der Forschung läuft es gut, die Umsetzung dagegen etwas schleppend. Unsere Forschungsschwerpunkte und unsere Kooperationen liegen heute bei theranostischen Implantaten. Hier bietet die Mikroelektronik ein großes Potenzial, weil sich ihre Strukturierungsdimensionen denen molekularer Vorgänge in den Zellen immer mehr nähern und der Energieverbrauch sinkt.

Sie haben in den letzten Jahren, parallel zu Ihrer Forschungstätigkeit am Heinz Nixdorf-Lehrstuhl für Medizinische Elektronik der TU München, ein Netzwerk von Startups und Kooperationen mit mittelständischen Partner vorangetrieben. Wie stellen sich diese Bemühungen derzeit dar?

Das Steinbeis Zentrum Medizinische Elektronik in München koordiniert die verschiedenen Projekte und entwickelt mit Partnern auch neuartige Lösungsansätze. Wir kooperieren weiterhin mit Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Partnern aus der Industrie. Darüber hinaus veranstalten wir Fortbildungsmaßnahmen auf dem Gebiet der Medizinischen Elektronik und beraten Unternehmen und Behörden zu Themen aus dem Bereich der Medizinelektronik.

Abschließend ein Blick in die Zukunft: Gehen Sie davon aus, dass letztlich der Druck einer alternden Gesellschaft dazu führen wird, dass sich technische Entwicklungen, die bisher nur sehr schleppend vor sich gingen, dann unter dem Druck des normativ Faktischen deutlich beschleunigen werden?

Das ist wirklich schwer zu beantworten. Ich gehe davon aus, daß die Medizinelektronik sich insgesamt in den nächsten Jahren gut entwickeln wird, weil aktuell viele interessante Ansätze in der Pipeline sind und die zunehmende Leistungsfähigkeit der Mikroelektronik auch Anwendungen auf molekularem Niveau ermöglichen wird. Schluckbare Elektronik wird ebenso breite Realität werden wie Geräte zur Selbstdiagnose.

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