Kerngeschäft statt Diversifikation

Ottobock trennt sich von seiner Rollstuhlsparte

19. Juni 2026, 11:53 Uhr | Ute Häußler
Der Hauptsitz von Ottobock im niedersächsischen Duderstadt.
© Ottobock

Mit dem Verkauf von Human Mobility an DHCare zieht Ottobock einen Schlussstrich unter ein Geschäft, das zuletzt im Konzern eher als Randgeschäft lief – und offenbar nicht mehr zur künftigen Identität des Prothetik-Weltmarktführers passt. Der Deal soll im zweiten Halbjahr 2026 abgeschlossen werden.

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Kaum ein Jahr nach dem Börsengang zieht Ottobock die nächste strategische Konsequenz: Der Duderstädter MedTech-Konzern verkauft seinen gesamten Rollstuhlbereich »Human Mobility« an das internationale Medizintechnikunternehmen DHCare. Die Produktlinie, die bislang im Segment »Others« mitlief, ist für Ottobock damit endgültig kein Thema mehr.

Prothesen und Neuro-Orthesen

Oliver Jakobi, der frühere Vertriebschef, ist seit gut vier Jahren an der Spitze von Ottobock, zunächst interimistisch, seit Dezember 2022 fest.

Oliver Jakobi, der frühere Vertriebschef, steht seit gut vier Jahren an der Spitze von Ottobock, zunächst interimistisch, seit Dezember 2022 fest.

© Ottobock

Offiziell ist die Begründung schnell erzählt: Ottobock will sich auf die Bereiche mit dem größten Entwicklungspotenzial konzentrieren, vor allem Prothetik und Neuro-Orthetik. CEO Oliver Jakobi spricht von einem »technologisch führenden Geschäft mit hoher klinischer Glaubwürdigkeit«, das im neuen Umfeld »beste Wachstumschancen« habe. Das klingt nach einer runden Geschichte – und ist es strategisch wohl auch: Seit dem IPO im Oktober 2025 muss sich Ottobock an der Börse stärker über Wachstumsraten und Margenfokus definieren als zuvor als Familienunternehmen. Ein Nichtkerngeschäft wie Rollstühle, das eben nicht das margenstarke Mensch-Maschine-Schnittstellen-Geschäft ist, passt da schlechter ins Bild als noch vor zwei, drei Jahren.

Für DHCare ist der Deal dagegen ein Statement: Es ist die erste Akquisition unter neuer Eigentümerstruktur und die erste als kombinierte Plattform – ein Einstand, der zeigt, wohin die Reise gehen soll. CEO Graham Ewart nennt die Übernahme einen »wichtigen Meilenstein« auf dem Weg zur führenden Mobilitätsplattform Europas. Mit Human Mobility übernimmt DHCare vor allem eine starke Position im DACH-Raum sowie Kompetenz bei komplexen Elektrorollstühlen – Bereiche, die im bestehenden, breiter aufgestellten DHCare-Portfolio offenbar gefehlt haben.

Was der Verkauf für Mitarbeitende bedeutet

Die deutschen Human-Mobility-Gesellschaften sowie der niederländische Kinderrollstuhlspezialist veldink4Kids wechseln vollständig in den neuen Konzernverbund. Bis zum Closing will Ottobock nach eigener Darstellung verlässlicher Partner für Anwender, Kostenträger, Leistungserbringer und Fachhandel bleiben – Formulierungen, die in Übernahmesituationen meist vor allem eines transportieren sollen: Ruhe.

Wie geordnet der Übergang tatsächlich verläuft, dürfte sich vor allem in Frankreich zeigen. Dort haben die jeweiligen Landesgesellschaften beider Gruppen exklusive Verhandlungen über einen separaten Verkauf des französischen Human-Mobility-Geschäfts aufgenommen, die Information und Konsultation der Arbeitnehmervertretungen sollen erst »in Kürze« beginnen. CFO Dr. Arne Kreitz betont zwar, der Übergang solle für Mitarbeitende, Standorte, Kunden und Partner »geordnet und verlässlich« gestaltet werden – doch dass das französische Geschäft separat verhandelt wird, deutet darauf hin, dass die Einigung dort komplexer ist als im Rest Europas.

Am Ende bleibt ein klassisches Fokussierungs-Narrativ, wie es börsennotierte MedTech-Konzerne derzeit reihenweise erzählen: Ottobock konzentriert sich aufs Kerngeschäft, DHCare bekommt seine europäische Mobilitätsplattform, und ein Geschäft, das nicht mehr strategiekonform ist, wechselt den Besitzer. Für die Anwender und Patienten von Human Mobility dürfte vor allem zählen, ob aus dem »verlässlichen Übergang« auch tatsächlich einer wird.

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