Vom KI-Bildgenerator zum Pionier der Ganzkörperdiagnostik? Diese Mission wurde von dem KI-Unternehmen gerade als erstes Hardware-Projekt vorgestellt – und sorgt für handfeste Debatten. Der technisch durchaus bemerkenswerte Ganzkörper-Scanner mit Butterfly-Technologie ist als Wellness deklariert.
Midjourney war bislang bekannt für seine generative KI-Software zur Bilderzeugung. Doch nun ändert sich die strategische Ausrichtung: Mit Midjourney Medical hat das Unternehmen eine neue Division gegründet, die - ganz Silicon-Valley-like - die Medizintechnik von Grund auf verändern soll.
Am 17. Juni stellte Gründer David Holz das erste Produkt in San Francisco vor: ein Ganzkörper-Ultraschall-CT-Scanner, der laut Holz in einer Minute vollständige 3D-Querschnittsbilder von Muskeln, Fett, Knochen und Organen liefern soll – ohne Strahlung, ohne Magnetfelder, und für wenige Dollar pro Scan. »Kein solches Gerät wurde jemals zuvor gebaut«, proklamierte Holz in visionären Worten.
Zumindest von Inszenierung versteht Midjourney also etwas. Die Marketingbilder beschreiben den Scan-Prozess in bester Wellness-Manier und in einem warmen Goldton: Eine schlanke Person gleitet mit geschlossenen Augen und entspannter Miene in ein leuchtendes Wasserbecken – nichts erinnert an eine klinische Umgebung. Was dabei technisch passiert, ist weniger glamourös, aber durchaus bemerkenswert.
Der Patient betritt eine flache Plattform, die ihn mit fünf Zentimetern pro Sekunde in das Becken absenkt. Dabei passiert er einen Ring mit 500.000 mikroskopisch-kleinen Ultraschallsensoren – entwickelt in Kooperation mit Butterfly Network, dessen »Ultrasound-on-Chip«-Technologie Midjourney im November 2025 für eine Einmalzahlung von 15 Mio. US-Dollar sowie jährliche Gebühren lizenziert hat.
Jedes System enthält 40 dieser Semiconductor-Module, die gemeinsam zwei Petaflops Rechenleistung bündeln und pro Sekunde rund 17 Gigabyte Rohdaten verarbeiten. Das Ergebnis soll eine millimetergenaue 3D-Körperkarte sein – eine Auflösung, die laut Holz »in vielerlei Hinsicht mit einem MRT vergleichbar« sei, dabei aber hundertmal schneller. Der Begriff Ultraschall-CT ist dabei durchaus treffend: Wie bei der klassischen Computertomografie werden tomografische Schnittbilder aus vielen Winkeln rekonstruiert – nur eben mit Schallwellen statt Röntgenstrahlung.
Bemerkenswert: Generative KI spielt beim eigentlichen Bildgebungsvorgang bewusst keine Rolle. »Wir verwenden dabei noch gar keine KI – nur wirklich ausgefeilte Hardware und Software«, betonte Holz gegenüber Bloomberg. KI kommt erst in der Nachverarbeitung zum Einsatz, um Gewebe und Organe automatisch zu segmentieren und zu beschriften – eine Entscheidung, die anatomische Halluzinationen im Kern des Bildgebungsprozesses ausschließen soll.
Die vielleicht unorthodoxeste Komponente der Strategie ist nicht die Technologie selbst, sondern ihr geplanter Einsatzort. Midjourney plant, die Scanner in einem eigenen Wellness-Zentrum namens »Midjourney Spa« zu betreiben – ein rund 2.300 Quadratmeter großes Gebäude in San Franciscos Union Square, ausgestattet mit Saunen, Kaltbädern und Hot Tubs, das Ende 2027 eröffnen soll. Zehn Scanner sollen dort stehen; der medizinische Scan wird zur Nebenwirkung eines entspannten Spa-Besuchs.
Hinter dieser Positionierung steckt auch regulatorische Kalkulation. Eine FDA-Zulassung als diagnostisches Medizinprodukt besitzt das Gerät derzeit nicht. In dieser Ausgangsphase liefert der Scanner ausschließlich sogenannte »Body Composition Maps« – also Körperzusammensetzungskarten –, die keiner Zulassung als diagnostisches Gerät bedürfen. Die Roadmap sieht vor, bis 2031 weltweit 50.000 Scanner zu betreiben, die monatlich eine Milliarde Scans ermöglichen sollen. Holz' Ambitionen gipfeln in der These, frühe Bildgebung könne »30 Prozent aller Todesfälle und 50 Prozent aller Gesundheitskosten« vermeiden.
Die Ankündigung hat unter Fachleuten unmittelbar Gegenwind erzeugt – und der ist technisch substanziell, nicht nur reflexartig skeptisch. Der Kern der Kritik betrifft die Physik des Ultraschalls selbst: Schallwellen können weder Knochen noch Luft zuverlässig durchdringen. Das bedeutet konkret: Gehirn, Lunge und Darm – Organe, die bei den häufigsten MRT-Indikationen im Vordergrund stehen – bleiben für das Midjourney-System weitgehend unsichtbar. Die in den Marketingmaterialien gezeigten Abdominalbilder wählen genau jenen Körperbereich, in dem Ultraschall traditionell stark ist – und extrapolieren daraus einen Universalanspruch, der physikalisch nicht gedeckt ist.
Neuroradiologin Gennaro D'Anna schrieb auf LinkedIn, in der Medizin werde man von »Evidenz, nicht von glänzenden Bildern« beeindruckt. Brustradiolgin Laura Heacock ergänzte, die bisher gezeigten Materialien demonstrierten weder medizinische Diagnosequalität noch überträfen sie moderne Ultraschall-, CT- oder MRT-Systeme. Der Chirurg Prof. Shafiq Ahmed, der das Gerät ebenfalls öffentlich analysierte, meint: »Es kann CT oder MRT nicht ersetzen. Aber als günstiger, sicherer, wiederholbarer Ganzkörper-Ultraschall könnte es tatsächlich wertvoll sein« – wenn die klinische Validierung folgt.
Ein weiterer Einwand betrifft nicht die Technologie, sondern das Konzept des Ganzkörper-Screenings an sich. Das American College of Radiology empfiehlt Ganzkörper-Screening-MRTs bei asymptomatischen Personen bereits heute nicht – wegen zu hoher Falsch-Positiv-Raten und fehlender Evidenz für verbesserte Patienten-Outcomes. Die zugrundeliegende Annahme, dass frühere Befundentdeckung automatisch zu besseren Ergebnissen führt, ist in der radiologischen Fachwelt umstritten – und Midjourney hat sie in seiner Präsentation schlicht als Faktum gesetzt.
Midjourney hat mit dem Scanner-Projekt zweifellos eines erreicht: Aufmerksamkeit. Der technische Kern – halbleiterbasierte Ultraschall-Chips von Butterfly Network kombiniert mit massiver Rechenleistung – ist real und nicht von der Hand zu weisen. Immerhin besitzt Butterfly Network für sein Handheld-Gerät Butterfly iQ+ bereits FDA-Clearance für klinische Diagnostik – das verleiht der Technologiepartnerschaft neben all dem Marketing-Tamtam zumindest eine gewisse Glaubwürdigkeit. (uh)