Adieu Schrittmachersyndrom - synchron auch ohne Sonde. Per Far-Field-Sensing erfasst der elektrodenlose LivIQ-Herzschrittmacher von Biotronik das elektrische Signal des Vorhofs direkt durch das Herzgewebe und stimuliert den Ventrikel passend dazu. Die ersten klinischen Studien haben begonnen.
Der Herz-Patient ist 70, sein Venenstatus fragil, die Infektanamnese lang. Jetzt kommt ein AV-Block, also Herzrhythmusstörungen, dazu. Der Kardiologe überlegt: Elektrode legen? Wo? Mit welchem Risiko? Es ist eine Abwägung, die Ärzte kennen – und die seit ein paar Jahren neben den klassischen Schrittmachern eine neue, mit weniger Risiko behaftete Antwort kennt - elektrodenlose Herzschrittmacher.
Medtronic hat mit dem Micra vor rund einem Jahrzehnt den Beweis erbracht, dass ein Implantat von der Größe einer Vitaminkapsel zuverlässig stimulieren kann – ohne Tasche, ohne Leitung, direkt im Ventrikel verankert. Über 100.000 Mal implantiert, klinisch breit validiert. Das Konzept funktioniert.
Und trotzdem gibt es eine offene Baustelle. Denn ein Schrittmacher, der nur den Ventrikel stimuliert, ohne den Vorhof zu kennen, stimuliert am natürlichen Rhythmus vorbei. Das Ergebnis kann das Schrittmachersyndrom sein: Leistungseinbruch, Schwindel, Unwohlsein. Medtronic hat dieses Problem mit dem Micra AV adressiert. Biotronik wählt für seinen neuen LivIQ mit DX-Technologie einen neuartigen technischen Ansatz, der möglicherweise mehr Präzision verspricht.
Die AV-Synchronie – die koordinierte Abstimmung zwischen Vorhof und Ventrikel – ist das Herzstück einer physiologisch korrekten Herzaktion. Bei konventionellen Zweikammersystemen stellt eine Vorhofleitung diesen Kontakt her. Beim elektrodenlosen Ansatz fällt genau diese Leitung weg. Die Frage lautet also: Wie hört ein Implantat, das allein im Ventrikel sitzt, was der Vorhof tut?
Medtronic löst das mit einem Akzelerometer. Der Micra AV misst die mechanische Wandbewegung des Ventrikels, die durch die Vorhofkontraktion ausgelöst wird – und schlussfolgert daraus den Vorhofrhythmus. Klinisch wirksam, batterieeffizient, die Laufzeit des AV2 liegt bei über 15 Jahren.
Biotronik setzt nun auf elektrisches Far-Field-Sensing. Das Implantat hört direkt das P-Wellen-Signal des Vorhofs, das sich als elektrisches Fernfeld durch das Herzgewebe ausbreitet – konzeptionell näher am klassischen EKG-basierten Sensing. Nach Herstellerangaben ist LivIQ damit der weltweit erste intrakardiale Schrittmacher, der AV-synchrones Pacing über atriale Fernfeldsignale ermöglicht – und das nicht nur in Ruhe, sondern auch unter körperlicher Belastung. Der Vorteil, den sich der Berliner Hersteller davon verspricht: höhere Spezifität in klinischen Situationen, in denen das mechanische Signal schwach oder uneindeutig ist – bei Vorhofflimmern-Episoden, tachykarden Phasen oder anatomischen Varianten.
Hinzu kommt ein weiterer Designanspruch: Das System soll zuverlässige Frequenzanpassung bereitstellen, ohne die Batterielaufzeit zu beeinträchtigen – für Entwickler ein relevanter Hinweis darauf, wie das Energiemanagement des Sensing-Konzepts ausgelegt ist. »LivIQ vereint zwei wesentliche Weiterentwicklungen: ein besonders leicht zu handhabendes Katheterdesign und ein neues Sensing-Konzept, das die Therapie in noch mehr klinischen Situationen unterstützt«, sagt Dr. Andreas Hecker als CTO von Biotronik. Ob dieser Ansatz dem mechanischen Sensing klinisch überlegen ist, muss die Evidenz zeigen.
Genau diese Evidenz soll jetzt erhoben werden. Erste Implantationen mit dem LivIQ sind durchgeführt – unter anderem am Kokura Memorial Hospital in Kitakyushu und am NCVC in Osaka. Im März 2026 startete Biotronik die globale Zulassungsstudie BIO-LivIQ: 325 Patienten, bis zu 60 Zentren weltweit, prospektives Design. Die Endpunkte umfassen Stimulationsleistung, Sicherheit, AV-Synchronie-Verhalten und Lebensqualität – Ziel ist der regulatorische Nachweis für die weltweiten Zulassungsanträge. Zum Paket gehört auch ein eigens entwickelter Implantationskatheter, ausgelegt für präzise Platzierung und gute Manövrierbarkeit für die operierenden Ärzte.
»Ich freue mich, dass sich eine überzeugende Option für ein elektrodenloses Einkammergerät abzeichnet, die eine zuverlässige AV-Synchronie und zugleich eine langfristige Leistungsfähigkeit verspricht«, kommentierte Dr. Kengo Kusano, Studienleiter am NCVC Osaka das LivIQ-System.
Der elektrodenlose Herzschrittmacher steht für eine klare Systemphilosophie bei Biotronik: Komplexität reduzieren, ohne Diagnostik oder Therapiequalität zu opfern. Das technologische Fundament dafür ist die DX-Sensorik – die atriale und ventrikuläre Informationen aus einer minimierten Systemkonfiguration heraus gewinnt. Dass dieses Prinzip klinisch trägt, belegen frische Daten: Die auf dem ACC 2026 präsentierten Ergebnisse der CRT-NEXT-Studie zeigen, dass ein Zweielektroden-System nicht zwangsläufig weniger Therapiequalität bedeutet – und die Komplikationsrate deutlich senken kann.
Für Entwickler in der kardialen Gerätetechnik zeichnet sich ab, wohin die Reise geht: Far-Field-Sensing-Algorithmen mit hoher Selektivität, miniaturisierte Gehäuse mit optimierten Energiebudgets, präzise steuerbare Kathetersysteme, robuste Telemetrie für das Remote Monitoring. Der Wettbewerb der Ansätze – mechanisches versus elektrisches Sensing – ist dabei kein Makel, sondern ein Zeichen dafür, dass das Feld technologisch lebendig ist. Welche Architektur sich in welchem klinischen Setting durchsetzt, wird die nächste Studiengeneration beantworten.