Erstmals als Leitwirtschaft im Koalitionsvertrag verankert, MedTech-Strategie gestartet – 2025 brachte der deutschen Medizintechnik politische Anerkennung. Der neue BVMed-Jahresbericht zieht eine positive Bilanz, mahnt aber gleichzeitig: Strategiepapiere allein verbessern noch keine Versorgung.
Wenn ein Branchenverband seinen Jahresbericht unter das Motto »2025 hat Weichen gestellt, 2026 muss liefern« stellt, ist das als klare Erwartungshaltung an die Politik formuliert. Die Botschaft des Bundesverbands Medizintechnologie (BVMed) ist eindeutig: Die Grundlagenarbeit sei getan, jetzt zählen Ergebnisse.
Was jahrelang als politisches Desiderat galt, ist 2025 Realität geworden. Im Koalitionsvertrag heißt es unter den Zeilen 3431/3432 erstmals explizit: »Wir stärken die industrielle Gesundheitswirtschaft, insbesondere die pharmazeutische Industrie und Medizintechnik, als Leitwirtschaft.« BVMed-Vorstandsvorsitzender Mark Jalaß ordnet das ein: »Das ist mehr als ein politisches Signal – es ist die Grundlage dafür, die MedTech-Branche endlich mitzudenken und strategisch zu unterstützen: als Innovationstreiberin, als Versorgungsfaktor und als wirtschaftliche Stärke für den Standort Deutschland.«
Geschäftsführer Dr. Marc-Pierre Möll ergänzt die andere Seite der Bilanz: »Gleichzeitig war 2025 ein Jahr der Klarheit. Die Herausforderungen sind ja nicht neu: die überbordende Bürokratie, die praxisuntaugliche MDR und die Wettbewerbsfähigkeit sowie Resilienz Deutschlands und Europas. Neu ist aber, dass Politik und Industrie jetzt gemeinsam an Lösungen arbeiten.« Genau daran knüpft die Forderung für 2026 an: »Das darf keine Eintagsfliege sein«, so Möll zur Verstetigung des MedTech-Strategieprozesses.
Dass die Stimmung verhalten bleibt, zeigen die Zahlen aus der BVMed-Herbstumfrage 2025: Die befragten Unternehmen erwarteten zwar einen Umsatzanstieg von rund 3,1 Prozent – doch mehr als die Hälfte geht gleichzeitig von einer Verschlechterung der Gewinnsituation aus. Kostentreiber sind Bürokratie (80 Prozent der Befragten), gestiegene MDR-Zertifizierungskosten (65 Prozent) und Personalkosten (64 Prozent).
Besonders alarmierend für den Standort: Knapp ein Drittel der befragten Unternehmen verlagert Investitionen ins Ausland. Für eine Branche, die 93 Prozent mittelständisch geprägt ist, rund 9 Prozent des Umsatzes in F&E investiert, 68 Prozent des Umsatzes im Export erwirtschaftet und mit über 210.000 Beschäftigten eine tragende Rolle in der deutschen Gesundheitswirtschaft spielt, sind das strukturelle Warnsignale.
So sieht die Medizintechnik als Branche aus: Besonders bemerkernswert ist die hohe KMU-Quote und der wichtige Export.
Die MDR bleibt das regulatorische Kernproblem der Branche. Der BVMed formuliert die Anforderung klar: »Die MDR muss weiterentwickelt werden – hin zu einem Regulierungssystem, das Patientensicherheit gewährleistet und gleichzeitig Innovation sowie Versorgungssicherheit in Europa ermöglicht.« Ein konkreter Revisionsvorschlag der EU-Kommission liegt seit Dezember 2025 vor; der BVMed war über sein MDR/IVDR-Whitepaper, das er 2023 gemeinsam mit dem VDGH vorgelegt hatte, bereits früh in die europäische Diskussion eingebunden. Auf EU-Ebene zeigen die Zahlen das Strukturproblem deutlich: Europäische Unternehmen wenden 3,9 Prozent ihrer Arbeitsressourcen für Regulierung auf, US-Unternehmen nur 3,2 Prozent – ein Wettbewerbsnachteil von rund 20 Prozent.
Der Jahresbericht bündelt die Branchenforderungen in fünf Handlungsfeldern. Jalaß formuliert den gemeinsamen Nenner: »Ob Krankenhausreform, Ambulantisierung, Digitalisierung oder Krisenvorsorge – all das funktioniert nur, wenn die MedTech-Branche als Teil der Lösung verstanden und frühzeitig eingebunden wird. Nicht als nachgelagerter Ausstatter, sondern als Partner und Lösungsanbieter.«
Konkret betreffen die Forderungen des BVMed die Modernisierung der Versorgungsstrukturen, die Ambulantisierung, den Infektionsschutz, eine resiliente Produktion sowie die Nachhaltigkeit; in allen fünf Handlungsfelder soll die Medizintechnik eine tragende Rolle als Partner und Problemlöser einnehmen.
Dass der Koalitionsvertrag erstmals konkret auf MedTech eingeht, sei kein Selbstläufer – er agiere ein politisches Instrument, das aktiv eingesetzt werden muss. Der BVMed macht unmissverständlich klar, die Bundesregierung daran messen zu wollen: »Strategiepapiere allein verbessern weder die Gesundheitsversorgung noch stärken sie den Wirtschaftsstandort Deutschland. Wir brauchen planbare Rahmenbedingungen, schnellere Prozesse und eine konsequente Umsetzung in der Praxis«, so Möll. Der gerade als Vorstandsvorsitzender wiedergewählte Jalaß fasst zusammen: »Wenn wir jetzt mutig handeln und MedTech konsequent stärken, können wir unser Gesundheitssystem und den MedTech-Standort Deutschland zukunftsfest machen.«
Der BVMed-Jahresbericht 2025/26 ist unter bvmed.de/jahresbericht frei zugänglich.