Der OP wird zur digitalen Plattform: Der OR1 X Pro von Karl Storz verknüpft 4K-Visualisierung, Gerätekonnektivität, zentrale Steuerung und automatische Datenerfassung. Was heute schon den Workflow erleichtert, soll morgen KI-gestützte Assistenz und neue Arbeitsformen in der Chirurgie möglich machen.
Im Operationssaal zählt jede Bewegung. Ein Monitor muss neu positioniert, eine Bildquelle umgeschaltet, ein Befund aufgerufen oder eine Aufnahme dokumentiert werden. Was im Einzelnen nach Routine aussieht, summiert sich im Verlauf eines Eingriffs zu vielen kleinen Unterbrechungen. Genau an dieser Schnittstelle zwischen Chirurgie, Medizintechnik und klinischer IT setzt das neue »OR1 X Pro« von Karl Storz an.
Die erste weltweite Installation des OP-Systems erfolgte an der Universitäts-Frauenklinik Tübingen. Seit Ende Juni in Europa verfügbar, wurden mit dem Marktstart weitere Installationen für Berlin und Norwegen angekündigt. Das OR1 X Pro soll Visualisierung, Gerätekonnektivität, Kollaboration und operative Daten in einer gemeinsamen Infrastruktur zusammenführen. Der Neuigkeitswert liegt damit weniger in einem einzelnen Monitor oder einer isolierten Softwarefunktion; vielmehr ist der Plattformansatz entscheidend: Der Operationssaal wird als digitaler Arbeitsplatz verstanden, in dem Bildquellen, Geräte, klinische Informationssysteme und OP-Anwendungen möglichst ohne Medienbrüche zusammenspielen.
4K ist die Basis, nicht die Pointe
Zur Ausstattung gehören laut Storz eine 4K-Visualisierungs- und IT-Infrastruktur, deckenmontierte Monitore, integrierte Wandarbeitsplätze sowie ein modernisiertes User Interface. Die Bildschirme sollen unterschiedliche Bildquellen darstellen und zugleich den Zugriff auf klinische Informationssysteme und OP-Anwendungen ermöglichen.
Im High-End-OP ist die hochauflösende 4K-Darstellung längst etabliert. Die relevante Frage lautet vielmehr: Wie zuverlässig lassen sich Bildquellen und Geräte in den klinischen Ablauf integrieren? Wie schnell kann das Team zwischen Informationen wechseln? Und wie gut funktioniert die Bedienung unter sterilen Bedingungen und unter Zeitdruck?
Der Tuttlinger Medizinproduktehersteller verspricht eine zentrale Steuerung, weniger manuelle Arbeitsschritte und eine ergonomischere Raumgestaltung. Das trifft einen realen Bedarf. Im OP konkurrieren medizinische Entscheidungen, Kommunikation, Dokumentation und Technikbedienung um dieselbe knappe Ressource – die Aufmerksamkeit der Ärzte und des medizinischen Teams.
Konkret beziffert Karl Storz die Zeitersparnis bei der OP-Vorbereitung: Bei roboterassistierten Verfahren sollen bis zu 23 Minuten, bei laparoskopischen Eingriffen bis zu 15 Minuten entfallen. Zurückzuführen sei dies auf die zentrale Einbindung von Geräten und Bildquellen, vorkonfigurierte Einstellungen und weniger manuelle Bedienschritte.
Eine zentrale Funktion ist die automatische Aufzeichnung und Archivierung von Bild-, Video- und Prozessdaten. OR1 X Pro soll diese Daten in hoher Qualität für Dokumentation, Qualitätssicherung und Lehre nutzbar machen. Hinzu kommt das sogenannte Time-Shift-Recording: Das OP-Team kann laufende Bildsequenzen pausieren, zurückspulen und verpasste Szenen nachträglich speichern, ohne die Live-Übertragung oder den Eingriff zu unterbrechen.
Das ist mehr als eine Komfortfunktion. Im laufenden Eingriff können relevante Momente schnell übersehen werden – etwa wenn die Aufmerksamkeit des Teams gerade an anderer Stelle gebunden ist. Mit Time-Shift lässt sich die betreffende Sequenz nachträglich sichern, ohne dass der operative Ablauf angehalten werden muss. Das kann die Dokumentation, die spätere Nachbesprechung und die Ausbildung unterstützen.
Nahtlos integriert in die OP-Zukunft - das Storz-System arbeitet herstellerunabhängig und kann über die gängigen Schnittstellen sowohl externe Daten wie auch Geräte anschließen.
Die Softwarewelt rund um OR1 bietet dafür mit der hauseigenen Scenara-Software konkrete Bausteine. Scenara.media ermöglicht laut Datenblatt die Bearbeitung und Speicherung endoskopischer Bild- und Videodaten bis 4K UHD sowie die Weiterleitung an ein PACS. Scenara.reports unterstützt die standardisierte OP-Dokumentation und den Datenexport an das Krankenhausinformationssystem. Scenara.procedures fungiert als Kommunikationshub zwischen KIS beziehungsweise EHR und Scenara, unterstützt HL7 Order Management sowie eine DICOM-Worklist und kann an ein DICOM-Archiv angebunden werden.
Für die OR1-Softwarefamilie veröffentlicht Karl Storz außerdem DICOM-Konformitäts- und HL7-Schnittstellenbeschreibungen. Die Plattform verbindet damit nicht nur Bildgebung und Dokumentation, sondern auch perioperative Prozesse: Scenara soll prä-, intra- und postoperative Abläufe zusammenführen und den zentralisierten Zugriff auf chirurgische Bilder, Videosequenzen und Berichte ermöglichen.
Damit wird der OP nicht nur zum Ort des Eingriffs, sondern auch zu einer Quelle strukturierter klinischer Daten. Time-Shift erweitert diesen Ansatz um eine praktische Funktion für den Alltag: Relevante Sequenzen müssen nicht mehr exakt im richtigen Moment markiert werden, sondern können auch nachträglich aus dem laufenden Bildstrom heraus gesichert werden. Für Forschung, Ausbildung, Qualitätsmanagement und die spätere Nachbesprechung kann das relevant sein. Anbindung, Speicherung und Nutzung der Daten müssen dabei in den klinischen Workflow und die Datenschutzprozesse der jeweiligen Einrichtung eingebunden werden.
Neben dem Time-Shift-Recording bietet die Plattform weitere praktische Funktionen: Längere OP-Videos lassen sich über eine Surgical Timeline durchsuchen, schneiden und mit Einzelbildern oder Annotationen versehen - ohne dafür in ein anderes Programm wechseln zu müssen. Live-Bilder können an andere Standorte übertragen und dort kommentiert werden – etwa für Konsile, Schulungen oder die Zusammenarbeit im Kliniknetz. Rollenbasierte Aufgaben, Formulare und Checklisten unterstützen den OP-Workflow; auch Raumwechsel und Reinigungsprozesse lassen sich digital abbilden.
Was heißt KI-ready?
Karl Storz beschreibt den OR1 X Pro als skalierbare OP-Automatisierungsplattform mit KI- und EPA-Integration. Damit sind eine KI-gestützte Workflow-Automatisierung, Computervision und die Echtzeiterfassung von Abläufen gemeint. Offiziell genannt werden unter anderem die Automatisierung von Dokumentation und Kommunikation sowie die Unterstützung des nächsten Arbeitsschritts. Denkbar sind perspektivisch Funktionen wie automatische Szenenerkennung, kontextabhängige Workflow-Unterstützung oder eine intelligentere OP-Dokumentation. Aus den vorliegenden Produktinformationen lässt sich jedoch nicht ableiten, dass OR1 X Pro sämtliche dieser Funktionen bereits anbietet.
In der ersten Produktvorstellung hebt Storz insbesondere die Rechenleistung des Systems hervor. Ein NVIDIA-Hochleistungschip soll eine bis zu 18.000-fach höhere Rechenleistung als der NEO-IP-Prozessor der Vorgängergeneration bieten. Die leistungsfähige GPU schafft bei der Verarbeitung großer Bild- und Videodatenmengen die Voraussetzung für rechenintensive Anwendungen mit geringer Latenz.
Sicherheit und Datenschutz gehören bei einer digitalen OP-Plattform zur Kernfunktion. Karl Storz beschreibt dafür ein eigenes Security Framework, das sich an ISO 27001, dem NIST Cybersecurity Framework und relevanten Industriestandards orientiert. Ein globales Netzwerk von Produktsicherheitsbeauftragten soll Sicherheits- und Datenschutzfunktionen entwickeln, Sicherheitsvorfälle bearbeiten und die koordinierte Meldung von Schwachstellen unterstützen. Auch die Scenara-Software bringt zentrale Sicherheits- und Verwaltungsfunktionen mit. Scenara.core soll unter anderem die Authentifizierung und Autorisierung von Nutzern, die Synchronisation mit Active Directory, die Datenspeicherung und die Audit-Protokollierung unterstützen. Für das Content Management nennt Storz eine Verschlüsselung nach aktuellen Sicherheitsstandards, eine Backup-Strategie und eine Nutzerverwaltung, die den Zugriff auf berechtigte Personen beschränkt.
Beim Datenschutz setzt Storz zudem auf den »OR1 Privacy Shield«. Die KI-basierte Funktion soll Personen im Sichtfeld automatisch unkenntlich machen – etwa bei der Aufzeichnung oder Weitergabe von OP-Bildern. Damit adressiert das Unternehmen ein konkretes Problem videobasierter OP-Dokumentation: Im Erfassungsbereich der OP-Kameras stehen nicht nur Patienten, sondern auch Ärzte, Mitarbeitende und weitere Personen.
Für die Installation in den Kliniken sind also wichtige Sicherheitsfunktionen der Plattform gesetzt; für die konkrete OR1-X-Pro-Installation müssen daraus dann standortspezifische Sicherheits- und Datenschutzkonzeptionen entstehen. Dazu gehören unter anderem die Einbindung in das Kliniknetzwerk, Zugriffsrechte, Patchmanagement, Fernwartung sowie Regeln für die Speicherung und Löschung der Daten.
Was das OP-Team davon hat
Für Ärzte und Pflegepersonal liegt der mögliche unmittelbare Nutzen in einem übersichtlicheren Zugriff auf Bildquellen, klinische Informationen und OP-Anwendungen. Weniger Umschalten, weniger Kabel- und Bedienaufwand sowie zentral verfügbare Informationen können Arbeitsabläufe vereinfachen. Eine gute Benutzeroberfläche kann zudem helfen, die kognitive Belastung des Teams zu reduzieren. Entscheidend ist dabei nicht, wie viele Funktionen ein System bereitstellt, sondern wie schnell und sicher die relevanten Funktionen erreichbar sind.
Das gilt insbesondere für den sterilen Bereich. Wenn sich die Technik an das Team und den Eingriff anpassen soll, muss klar sein, wodurch diese Anpassung ausgelöst wird und welche Kontrollmöglichkeiten bestehen. Karl Storz spricht von einer »Zero-Touch-Zukunft«. Als Ziel beschreibt der Begriff möglichst wenige manuelle Interaktionen. Im medizinischen Umfeld braucht eine solche Automatisierung gleichzeitig eine größtmögliche Kontrolle. Automatisierung darf nicht bedeuten, dass das System Entscheidungen oder Zustände unbemerkt verändert. Das Team muss jederzeit erkennen können, was das System tut, warum es das tut und wie sich ein Vorgang manuell übersteuern lässt.
Der Patient profitiert indirekt
Patienten profitieren nicht direkt von einem neuen Monitor oder einer zentralen Bedienoberfläche. Ein möglicher Nutzen entsteht über verbesserte Abläufe: Wenn relevante Informationen schneller verfügbar sind, Dokumentationsschritte zuverlässiger erfolgen und Medienbrüche abnehmen, kann das die Prozessqualität im OP unterstützen. Auch die Aufzeichnung von Bild-, Video- und Prozessdaten kann die Nachvollziehbarkeit von Eingriffen verbessern und damit das Qualitätsmanagement sowie die Lehre stärken. Die Anbindung an PACS und Krankenhausinformationssysteme erleichtert dabei die Einbettung der Informationen in bestehende klinische Strukturen.
Im Sichtfeld der OP-Kamera wird durch eine Verpixelung von Personen der Datenschutz gewahrt.
Das Tuttlinger Unternehmen betritt mit dem OR1 X Pro keinen unbesetzten Markt. Zu den relevanten Anbietern integrierter OP- und Video- beziehungsweise Workflow-Lösungen zählen unter anderem Stryker, Olympus, Getinge, Brainlab oder Barco, wobei die Wettbewerber unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Das verbindende Marktversprechen – Geräte, Videosignale, Daten und Workflows in einer gemeinsamen Umgebung zu steuern – ist damit nicht exklusiv. Differenzieren muss sich OR1 X Pro über die konkrete Umsetzung: über die Bedienbarkeit, die Einbindung von Geräten verschiedener Hersteller, die Datenarchitektur, die Cybersicherheit und den nachweisbaren Nutzen im klinischen Alltag.
Gerade die Herstellerbindung ist dabei ein wichtiger Punkt. Ein eng integriertes System kann Bedienung, Service und Verantwortlichkeiten vereinfachen. Über den sogenannten Vendor-Lock-In könnte es aber auch zu Abhängigkeiten führen, wenn Schnittstellen zu Fremdgeräten oder ein späterer Systemwechsel nur eingeschränkt möglich sind. Für Kliniken ist deshalb nicht nur die Leistungsfähigkeit des Systems relevant, sondern auch die Frage, wie offen und langfristig wartbar die Plattform angelegt ist. Storz positioniert die OR1-Plattform ausdrücklich als herstellerunabhängig. Nach Angaben des Unternehmens lassen sich mehr als 1.000 Geräte verschiedener Anbieter integrieren; unterstützt werden über 100 Videoauflösungen. Bildsignale sollen dabei in nativer Qualität und ohne wahrnehmbare Latenz dargestellt werden. Damit verspricht OR1 X Pro nicht nur eine enge Einbindung eigener Systeme, sondern auch Offenheit gegenüber vorhandener Kliniktechnik. Für Krankenhäuser ist das entscheidend: Eine OP-Integrationsplattform muss sich in gewachsene IT- und Geräteumgebungen einfügen können.
Die Schnittstellen entscheiden
Das OR1 X Pro-System steht exemplarisch für einen wichtigen Wandel im OP: Die zentrale Innovation liegt nicht mehr allein in der Qualität einzelner Geräte, sondern in ihrer Einbettung in eine gemeinsame digitale Infrastruktur. 4K-Visualisierung, zentrale Steuerung, automatische Datenerfassung und zusätzliche Rechenleistung sind wichtige Bausteine. Ihr tatsächlicher Wert entsteht aber erst durch das Zusammenspiel mit Interoperabilität, IT-Sicherheit, verständlicher Benutzerführung und klaren Verantwortlichkeiten.
Für die Medizintechnik verschiebt sich damit auch der Wettbewerb. Künftig wird nicht nur gefragt werden, wie gut ein Endoskop Bilder liefert oder wie leistungsfähig ein Monitor ist. Entscheidend wird ebenso sein, wie Geräte miteinander kommunizieren, wie Daten verarbeitet und geschützt werden und ob neue Anwendungen ohne vollständigen Austausch der Infrastruktur integriert werden können. Der smarte OP ist deshalb weniger eine Frage spektakulärer Einzeltechnologien als der Qualität seiner Schnittstellen. Das OR1 X Pro liefert dafür einen technisch interessanten Ansatz. Ob daraus im klinischen Alltag tatsächlich ein effizienterer und sichererer OP entsteht, muss sich jedoch erst zeigen – im Zusammenspiel des Teams und in belastbaren Daten aus der Versorgung. (uh)