Baden-Württemberg macht den Anfang

Offen: Bundesweit erstes KI-Reallabor für die Gesundheit

4. August 2026, 16:08 Uhr | Elektronik medical (uh)
Als geschützter Experimentierraum bringt das Reallabor relevante Akteure zusammen und begleitet die Umsetzung der Vorgaben des EU AI Acts.
© Bosch Health Campus

Das KI-Reallabor Gesundheit hat am Bosch Health Campus in Stuttgart seinen Betrieb gestartet. In der bundesweit einzigartigen »Saindbox« können Entwickler, Kliniken und Behörden gemeinsam KI-Anwendungen testen – von automatisierter Patientensteuerung über die ePa-Auswertung bis zu Fragen des AI Act.

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Nach rund einjähriger Aufbauphase hat das KI-Reallabor Gesundheit am Bosch Health Campus am 31. Juli seine Türen in Stuttgart geöffnet: Die vom Land Baden-Württemberg mit jährlich rund einer Million Euro geförderte Einrichtung firmiert künftig unter dem Namen »Saindbox – AI Health Sandbox BW« und gilt als bundesweit einzigartig im Gesundheitsbereich.

»Unser Gesundheitswesen steht vor großen Herausforderungen. Die Menschen werden älter, der Fachkräftemangel nimmt zu und die Nachfrage nach medizinischen Leistungen steigt«, sagte Gesundheitsminister Oliver Hildenbrand bei der Eröffnung. Künstliche Intelligenz könne diese Probleme zwar nicht allein lösen, aber helfen, »knappe Ressourcen gezielter einzusetzen und die Versorgung der Menschen langfristig zu sichern«.

Prof. Dr. med. Mark Dominik Alscher, Geschäftsführer des Bosch Health Campus, verweist auf die strukturellen Grenzen des bestehenden Systems: »Das alte Gesundheitssystem stößt an finanzielle und personelle Grenzen. KI hat das Potenzial, die Funktionsfähigkeit und auch die Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems wieder herzustellen«.

Wer bekommt Zugang zum KI-Reallabor?

Über die Aufnahme neuer Projekte entscheidet ein externer Beirat: Zweimal jährlich wählt er eine begrenzte Zahl von Use Cases für eine regulatorische Begleitung von bis zu zwölf Monaten aus. Wichtigstes Auswahlkriterium ist der konkrete Mehrwert für das Gesundheitswesen; eine finanzielle Zuwendung ist mit der Aufnahme nicht verbunden.

Bezug zum EU AI Act

Das Reallabor versteht sich als Regulatory Sandbox im Sinne der europäischen KI-Verordnung, die solche kontrollierten Testumgebungen für den Austausch zwischen Entwicklern und Aufsichtsbehörden vorsieht. Ab 2026 muss jeder EU-Mitgliedstaat mindestens ein solches KI-Reallabor betreiben – Baden-Württemberg hatte die entsprechende Struktur bereits vorab nach den Vorgaben des AI Act aufgebaut.

»Die Saindbox ist mehr als eine Testumgebung. Wir bringen KI-Entwickelnde, Gesundheitsversorgung und regulatorische Expertise frühzeitig an einen Tisch. So können Fragen zu Datenzugang, Regulierung und Implementierung parallel zur technologischen Entwicklung bearbeitet werden – genau dort, wo sie in der Praxis entstehen,« beschreibt Prof. Dr. Oliver G. Opitz, Leiter des Bosch Digital Innovation Hubs und Kopf des Reallabors, den Ansatz.

Für Fragestellungen zu bereits identifizierten regulatorischen Barrieren steht zudem ein Short Track zur Verfügung, über den kurzfristig Unterstützung angefragt werden kann.

Für Fragestellungen zu bereits identifizierten regulatorischen Barrieren steht zudem ein Short Track zur Verfügung, über den kurzfristig Unterstützung angefragt werden kann.

© Bosch Health Campus

Inhaltlich gliedert sich das Reallabor in drei Arbeitsbereiche: Datenzugang und Dateninfrastrukturen (KI-Daten Lab), regulatorische Rahmenbedingungen (KI-Framework Lab) sowie Kompetenz- und Akzeptanzaufbau (KI-Kompetenz Lab). Die Saindbox steht dabei im Austausch mit dem baden-württembergischen Landesdatenschutzbeauftragten, dem Bundesgesundheitsministerium und der Bundesnetzagentur, um regulatorische Hürden frühzeitig zu identifizieren.

Anwendungsfälle in der Erprobung

Bereits in der Entwicklungsphase schärften konkrete Testszenarien das Konzept, etwa die KI-gestützte Auswertung von Papierakten. Laut Opitz extrahiert die entsprechende Lösung Informationen aus Papier- und PDF-Dokumenten und bereitet sie strukturiert auf. Zentrales aktuelles Projekt ist die Entwicklung einer Anwendung zur KI-gestützten Patientensteuerung, die Menschen schneller zur passenden Versorgungsebene lotsen soll. Erprobt wird sie zunächst in der hausärztlichen Versorgung, in der Kinder- und Jugendmedizin als Beispiel für die fachärztliche Versorgung sowie in der Notaufnahme. Am Robert-Bosch-Krankenhaus testet zudem das Freiburger Unternehmen Averbis bereits eigene KI-Anwendungen im Rahmen des Reallabors. Insgesamt bearbeitet die Saindbox derzeit rund sechs Anwendungsfälle, wie Opitz berichtet. (uh)

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