Mit der Fritzbox als Paradereferenz Rafi will EMS-Umsatz ausbauen

Wer es schafft, ein Consumer-Produkt wie die Fritzbox noch wirtschaftlich in Deutschland zu fertigen, der hat sich den Ritterschlag zum erfolgreichen EMS-Anbieter ohne Zweifel verdient. Auf diesen Lorbeeren ausruhen will sich Rafi aber nicht, sondern »nach dem Ausbau der Fertigung erst recht durchstarten«, wie Hermann Kling betont, Senior Vice President Electronics von Rafi.

Den Firmennamen Rafi verbindet man nicht in erster Linie mit der Auftragsfertigung von Elektronik, sondern mit Schaltern, Tasten und Eingabesystemen für diverse Applikationen aus dem Industrie- und Automotive-Umfeld. Im eigentlichen Sinne ist Rafi also ein klassischer OEM mit einer hohen Fertigungstiefe im eigenen Haus. 2011 hat Rafi seine SMT-Fertigung am Standort Berg aufgerüstet und setzt seit kurzem verstärkt auf die Auftragsfertigung als zweites Standbein, um seine SMT-Linien auch in schwächeren Zeiten auszulasten. Mit 15 SMT-Linien in fünf Werken gehört die Rafi-Gruppe damit zu den größten deutschen Auftragsfertigern. Neben Deutschland hat das Unternehmen auch EMS-Standorte in Ungarn und Shanghai. Über die reine Baugruppenfertigung hinaus gehören benachbarte Dienstleistungen wie Kunsttoffspritzguss, die Metallbearbeitung, Sieb- und Digitaldruck sowie Gravieren und Heißprägen ebenfalls zum EMS-Spektrum von Rafi. Aber auch bei der Entwicklung will Rafi punkten: »Unsere Entwicklungskompetenz erstreckt sich auf den gesamten Produktlebenszyklus: von der Mechanik-, Elektronik- und Software-Entwicklung bis hin zum Engineering«, erklärt Kling.

Die Fritzbox als Paradereferenz

Ein Neuling im EMS-Geschäft ist das Unternehmen aus Baden-Württemberg aber nicht: Zum einen ist der Rafi-Konzern bereits über die Gesellschaft Rafi Eltec als EMS-Dienstleister tätig – zum anderen fertigt Rafi mehr oder weniger unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit über viele Jahre am Standort Berg den WLAN-Router »Fritzbox« für AVM. Dass ein solches Gerät überhaupt noch hierzulande produziert wird, ist an sich schon erstaunlich. Denn besonders im Telekommunikationsumfeld ist der Preisdruck hoch, und die Konkurrenzprodukte »Made in China« locken den Verbraucher mit Niedrigpreisen.

Wie rechnet sich das? Das Erfolgsrezept, das es letztlich ermöglicht, die Box in Deutschland zu produzieren, ist laut Kling zum einen die hohe Wertschöpfung im Unternehmen, ein zentraler und kostenbewusster Einkauf von Bauteilen und die »atmende« Supply Chain. »Atmend« heißt in diesem Fall vor allem »flexibel«, denn die Absatzzahlen der Fritzbox folgen den klassischen Zyklen eines Consumer-Produktes mit den Extremen des Sommerlochs und des Weihnachtsgeschäfts. »Wobei sich diese saisonbedingten Ausschläge mehr und mehr glätten. Aber dennoch gibt es Faktoren, die für uns nicht unbedingt langfristig planbar sind, beispielsweise besondere Marketing-Aktionen der Provider.« Dementsprechend variieren die Absätze pro Monat.

Rafi federt diese Spitzen und Tiefen im Auftragseingang nicht über hohe Lagerbestände ab, sondern just-in-time über die atmende Fertigung. Damit das alles reibungslos funktioniert, ist ein »Höchstmaß an Flexibilität und Schnelligkeit« erforderlich, wie Kling betont. Beispielsweise spielen die Rafi-Experten bei Bedarf auch noch kurz vor dem Verpacken eine andere Firmware auf. Ein wichtiger Faktor ist es nach Ansicht von Kling aber auch, kostenbewusst einzukaufen: So kommen die Leiterplatten und passiven Bauelemente zentral für die Gruppe aus China, wo Rafi ein eigenes Einkaufsteam vor Ort hat. Die Qualität dürfe darunter selbstverständlich nicht leiden, so Kling. »Über Rahmen- und Qualitätsvereinbarungen und Audits gewährleisten wir, dass die verwendeten Bauteile den Qualitätsansprüchen der deutschen Kunden genügen.«  
Warum hat sich Rafi gerade jetzt entschlossen, sein EMS-Segment auszubauen? Auf diese Frage hat Kling eine pragmatische Antwort parat: »Wir haben kürzlich unsere Fertigung erweitert. Die Kapazitäten sind also vorhanden. Was liegt also näher, als unsere Fertigung auch für Fremdaufträge zur Verfügung zu stellen?« Außerdem, so Kling, habe Rafi mit der Fritzbox ein sehr erfolgreiches Referenzprojekt. »Warum sollten wir darauf nicht aufbauen?«
Bereits jetzt ist EMS ein erfolgreiches Standbein der Rafi-Gruppe: Mit Rafi Eltec in Überlingen, die seit 2006 zur Rafi-Unternehmensgruppe gehört, setzt die Gruppe EMS-Projekte in kleineren und mittleren Stückzahlen um. Konkurrenz innerhalb der Firmengruppe sieht Kling dadurch nicht: »Wir arbeiten mit einem Vertrieb, der Kunde hat einen Ansprechpartner im Haus. An welchem Standort wir den Kundenauftrag fertigen, entscheiden wir anhand bestimmter Selektionskriterien.« Eine Rolle spielen Größe und Volumen des Auftrags, welche Fertigungstechnologien erforderlich sind, die Komplexität und die Entwicklungsleistung. Große Stückzahlen gehen zu Rafi nach Berg, kleine und mittlere Stückzahlen fertigt Rafi Eltec in Überlingen.

Welche Märkte will Rafi mit dem EMS-Geschäft adressieren? Potenzial sieht Kling vor allem im Bereich Medizin, Industrieelektronik, Telekommunikation und erneuerbare Energien. Im nächsten Schritt will Kling das EMS-Geschäft international vorantreiben: Die Werke in China und Ungarn produzieren bereits EMS-Aufträge. Und am neuen Rafi-Standort in den USA, in Seattle, soll das EMS-Geschäft auch ein Thema werden.