Die EU hat ein Problem erkannt. Nur droht sie, daraus das falsche Rezept abzuleiten: Europäische Unternehmen sollen ihre Lieferketten stärker diversifizieren und Monopolabhängigkeiten zeitnah abbauen. Ein entsprechender Gesetzvorschlag wird derzeit von der EU-Kommission vorbereitet.
Europas Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten und insbesondere von China ist real. Die vergangenen Jahre haben eindrucksvoll gezeigt, wie schnell aus einer vermeintlich effizienten Lieferkette eine strategische Schwachstelle werden kann. Pandemie, Ukraine-Krieg, Exportbeschränkungen und geopolitische Spannungen haben den Einkauf längst von einer Kostenfunktion zu einer Frage der unternehmerischen und zunehmend auch nationalen Sicherheit gemacht. Die EU-Kommission hat deshalb durchaus einen Punkt, wenn sie Europas Lieferketten resilienter machen will.
Nur: Resilienz lässt sich nicht per Verordnung bestellen.
Genau hier beginnt das Problem mit den geplanten Vorgaben zur Diversifizierung. Wenn Unternehmen künftig dazu verpflichtet werden, bestimmte Beschaffungsquoten einzuhalten oder mehrere Lieferanten aus unterschiedlichen Ländern vorzuhalten, klingt das auf dem Papier nach einer robusteren Lieferkette. In der industriellen Realität kann es jedoch genau das Gegenteil bewirken.
Denn nicht jede Lieferkette lässt sich beliebig diversifizieren. Wer elektronische Komponenten, Spezialchemikalien, Maschinenbauteile oder kritische Rohstoffe einkauft, weiß: Es gibt eben nicht immer drei gleichwertige Lieferanten auf drei Kontinenten. Manche Bauteile werden weltweit von einer Handvoll Unternehmen gefertigt. Bei anderen existieren zwar alternative Anbieter, diese müssen aber erst qualifiziert, auditiert und in die Produktion integriert werden. Und gerade in der Elektronik können Änderungen an einem Bauteil eine komplette Neuzertifizierung oder ein neues Design-In erforderlich machen.
Eine gesetzliche Lieferantenquote ignoriert diese Realität.
Noch problematischer wird es, wenn aus der Diversifizierung eine neue Berichtspflichtindustrie entsteht. Dann werden Einkaufsabteilungen nicht nur damit beschäftigt sein, Lieferkettenrisiken zu managen, sondern zunehmend damit, gegenüber Brüssel nachzuweisen, dass sie sie richtig gemanagt haben.
Das ist der entscheidende Denkfehler: Die EU verwechselt Risikomanagement mit Regeltreue.
Ein Unternehmen kann eine Lieferkette mit einem einzigen Lieferanten bewusst und vernünftig absichern – etwa durch Sicherheitsbestände, langfristige Verträge, alternative Fertigungsstandorte, strategische Lagerhaltung oder ein belastbares Notfallkonzept. Umgekehrt kann eine Lieferkette mit drei Lieferanten hochriskant sein, wenn alle drei auf denselben chinesischen Vorproduzenten angewiesen sind.
Drei Lieferanten bedeuten nicht automatisch dreifache Sicherheit.
Und genau deshalb sollte die EU aufhören, Resilienz an leicht kontrollierbaren Kennzahlen festzumachen. Die Zahl der Lieferanten ist eine Kennzahl. Sie ist aber noch lange kein Maß für die tatsächliche Widerstandsfähigkeit einer Lieferkette.
Der Einkauf weiß das. Er weiß auch, dass Diversifizierung Geld kostet. Ein zweiter Lieferant ist nicht einfach eine zusätzliche Adresse in einer Datenbank. Er muss gefunden, qualifiziert und entwickelt werden. Es müssen Werkzeuge bereitgestellt, Prozesse angepasst, Qualitätsanforderungen geprüft und unter Umständen neue Zulassungen durchlaufen werden. Am Ende bezahlt der Kunde diese zusätzliche Sicherheit.
Das kann sinnvoll sein. Aber die Entscheidung darüber sollte dort getroffen werden, wo Risiko, Kosten, Technologie und Markt zusammenlaufen: im Unternehmen.
Das bedeutet keineswegs, dass die EU untätig bleiben sollte. Im Gegenteil. Strategische Abhängigkeiten bei kritischen Rohstoffen, Halbleitern, Pharmawirkstoffen oder Schlüsseltechnologien sind ein legitimes europäisches Sicherheitsproblem. Die Kommission weist selbst darauf hin, dass externe Abhängigkeiten zunehmend als geopolitisches Druckmittel eingesetzt werden.
Aber wenn Europa diese Abhängigkeiten reduzieren will, muss es vor allem Alternativen schaffen, statt Unternehmen dazu zu zwingen, Alternativen zu benutzen, die es vielerorts schlicht noch nicht gibt.
Warum nicht europäische Produktionskapazitäten fördern? Warum nicht die Qualifizierung alternativer Lieferanten erleichtern? Warum nicht Genehmigungsverfahren beschleunigen, Energiepreise senken und Investitionen in strategische Technologien attraktiver machen? Warum nicht dafür sorgen, dass europäische Anbieter bei kritischen Technologien überhaupt wettbewerbsfähig werden?
Denn darin liegt die eigentliche Ironie der aktuellen Debatte: Europa möchte unabhängiger von China werden und gleichzeitig seine Unternehmen mit zusätzlichen regulatorischen Kosten belasten. Die EU-Kommission selbst räumt ein, dass die Produktion bestimmter kritischer Rohstoffe in Europa deutlich teurer sein kann und dass hohe Energiepreise und ein strengeres regulatorisches Umfeld die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Projekte beeinträchtigen.
Das ist keine Kleinigkeit. Denn ein Unternehmen, das aufgrund europäischer Vorgaben gezwungen wird, teurere Bezugsquellen zu nutzen, während seine Wettbewerber außerhalb Europas diese Vorgaben nicht erfüllen müssen, wird nicht automatisch resilienter. Es wird zunächst einmal teurer.
Und genau das kann sich Europa angesichts der ohnehin angespannten Wettbewerbssituation kaum leisten.
Die EU sollte deshalb einen Schritt zurücktreten und sich eine einfache Frage stellen: Was macht eine Lieferkette tatsächlich resilient – und was macht sie lediglich bürokratisch überprüfbar?
Die Antwort dürfte ziemlich eindeutig ausfallen.
Ein risikobasierter Ansatz wäre sinnvoller als starre Quoten. Unternehmen sollten kritische Abhängigkeiten identifizieren und nachweisen müssen, dass sie für relevante Risiken angemessene Gegenmaßnahmen getroffen haben. Wie diese Maßnahmen aussehen, sollte aber denjenigen überlassen bleiben, die die Lieferkette tatsächlich kennen.
Denn ein Einkaufsleiter braucht keine EU-Verordnung, um zu wissen, dass ein Single Source Risk gefährlich sein kann. Er braucht vielmehr die Freiheit, dieses Risiko mit der für sein Unternehmen sinnvollsten Strategie abzusichern.
Europa braucht resilientere Lieferketten. Aber es braucht keine resilientere Bürokratie.
Wenn Brüssel tatsächlich die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen stärken will, sollte es deshalb nicht vorschreiben, bei wem Unternehmen einkaufen müssen. Es sollte dafür sorgen, dass sie überhaupt eine wettbewerbsfähige Auswahl haben.
Sonst könnte am Ende ausgerechnet das gut gemeinte Ziel der strategischen Unabhängigkeit Europas zum nächsten Wettbewerbsnachteil werden.