Kapitalbindung durch Endprodukte

Wie sich die Branche auf Zahlungsausfälle vorbereitet

21. November 2022, 15:00 Uhr | Engelbert Hopf
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Vor dem Hintergrund sich verschlechternder wirtschaftlicher Rahmenbedingungen wurden in letzter Zeit Warnungen aus der Wirtschaft lauter, dass das Thema Kapitalbindung durch nicht komplett fertig gestellte Produkte speziell mittelständische Unternehmen in Zahlungsschwierigkeiten bringen könnte.

Eine aktuelle Umfrage der Markt&Technik in der Elektronikbranche zeigt, dass es sich bisher um Einzelfälle handelt, die Befragten aber eine Verschärfung der Situation in den nächsten Monaten durchaus für möglich halten.

»Wir haben bereits seit einigen Monaten Einzelfälle, in denen wir uns mit Zahlungsausfällen oder drohenden Zahlungsausfällen beschäftigen mussten«, bestätigt Rüdiger Scheel, Vice President Mobility bei Murata Europe. »Wir beobachten die Lage darum sehr genau, und gerade bei Kunden, die zugleich mit schrumpfendem Absatz und starken Materialpreissteigerungen zu kämpfen haben wie etwa Automotive Tier-Ones, ist die Lage sehr angespannt.« Als Konsequenz versucht Murata wo nötig die Außenstände und damit das Risiko zu minimieren.

Zu wirklichen Zahlungsausfällen ist es bei NetModule nach Auskunft von Ralf Fachet, Senior Director Sales & Marketing, »noch nicht gekommen, jedoch sind vereinzelt Zahlungsverzögerungen aufgrund von Cashflow-Problemen aufgetreten«. Der Grund dafür: Die Kunden, typischerweise Systemanbieter, benötigen vorab Komponenten von verschiedenen Zulieferern mit festem Zahlungsziel ab Lieferung, die Kunden selbst erhalten jedoch erst Zahlungen, nachdem das Gesamtsystem abgeliefert wurde. »Aus diesem Grund haben wir bei einigen Kunden das Zahlungsziel gegen einen Preisaufschlag verlängert«, so Fachet; »zum Teil wurden dabei Zahlungszielverlängerungen auf 60 oder 90 Tage angefragt und gewährt«.

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Rüdiger Scheel, Murata: »Wir haben seit einigen Monaten Einzelfälle, in denen wir uns mit Zahlungsausfällen oder drohenden Zahlungsausfällen beschäftigen müssen.«
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Auch bei Glyn wurde man bereits Anfang dieses Jahres konkret mit einer solchen Herausforderung konfrontiert, wie Harald Kasteleiner, Business Unit Manager Analog & Power, bestätigt. »Es gibt konkrete Hinweise, dass wir in der kommenden Zeit weitere Unregelmäßigkeiten bei einigen Kunden sehen werden.« Das Verlängern von Zahlungszielen stellt dabei für ihn nur eine Möglichkeit von vielen dar. »Den tatsächlich richtigen Lösungsansatz zu finden ist deutlich komplexer und stark abhängig von den tatsächlichen Bedürfnissen jedes einzelnen Kunden.«

Thilo Hack, Vorstand bei Ansmann, sieht bei einigen Branchen wie etwa der Fahrradbranche gewisse Spannungen. »Aktuell ist viel Material im Zufluss aufgrund der Forecast-Wellen der letzten acht bis zwölf Monate, inzwischen ist jedoch die Nachfrage und damit verbunden der Absatz deutlich abgeflacht. Dies, verbunden mit den dramatisch gestiegenen Energiekosten und den anstehenden wirtschaftlichen Herausforderungen, wird einige Unternehmen an die Grenze der Belastbarkeit bringen.« Von der Verlängerung der Zahlungsziele hält er in diesem Zusammenhang wenig, »das löst in so einem Fall das Problem nicht, es verschiebt die Problematik nur nach hinten und der Berg an zu begleichenden Zahlungen wird noch größer«.

Eine konkret erhöhte Anzahl an Zahlungsausfällen kann Kai Heinemann, Geschäftsleiter Entwicklung und Produktmanagement bei Block Transformatoren-Elektronik, derweil noch nicht feststellen. »Wenn wir aber Anzeichen für Zahlungsausfälle sehen, wählen wir abhängig vom Kunden eine von mehreren Optionen; das kann die Verlängerung des Zahlungsziels sein oder das genaue Gegenteil, also nur noch Lieferung gegen Vorkasse.« Zum jetzigen Zeitpunkt erwarten wir beim Gros unserer Kunden noch keine Verschlechterung innerhalb kurzer Zeit; wie sich die Situation langfristig entwickelt, werden wir aber genau beobachten!«

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Harald Kasteleiner, Glyn: »Wir wurden bereits mit einer solchen Herausforderung konfrontiert, und es gibt konkrete Hinweise, dass wir in der kommenden Zeit weitere Unregelmäßigkeiten bei einigen Kunden sehen werden.«
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»Nein, bislang haben wir keine Zahlungsausfälle«, erläutert Thomas Grasshoff, Head of Strategic Marketing bei Semikron Danfoss, »für eventuelle Zahlungsausfälle haben wir zudem eine Warenkreditversicherung«. Forderungen nach längeren Zahlungszielen seien nicht neu, »es gibt aber auch Lösungen wie Factoring-Modelle, wo die Forderung früher realisiert wird und wir dafür Zinsen zahlen«. Kapitalbindung hängt für ihn von der Art des Geschäfts ab: »Bei Projektgeschäften sind durch die Kunden längere Vorfinanzierungen notwendig als etwa bei elektrischen Antrieben. In Südeuropa gibt es traditionell mehr Projektgeschäft, deshalb ist dort das Risiko auch höher.«

Ein Problem, das auch Harald Sauer, Director Taiyo Yuden Europe, sieht: »Beim Problem der Kapitalbindung kann ich nicht unbedingt regionale Unterschiede beobachten, es ist aber festzustellen, dass Kunden in südosteuropäischen Ländern oder auch Nordafrika eher von Kündigungen der Kreditversicherung betroffen sind, nur weil sie sich in einem Land befinden, in dem das Risiko höher eingeschätzt wird.« Taiyo Yuden verfolgt die Strategie, dass jeder Kunde eine Kreditversicherung haben muss; »Kunden, die nicht versichert werden, müssen mit uns eine Lösung finden, die uns vor Zahlungsausfällen bewahrt«.

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Ralf Fachet, NetModule: »Vereinzelt ist es zu Zahlungsverzögerungen aufgrund von Cashflow-Problemen gekommen. Bei einigen Kunden haben wir deshalb das Zahlungsziel gegen einen Preisaufschlag verlängert.«
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Karsten Bier, CEO von Recom, geht davon aus, »dass es natürlich zu einem Zahlungsproblem bei einigen Kunden in den nächsten Monaten kommen kann; doch bevor ein Kunde bei uns einen Kreditrahmen bekommt, wird eine entsprechende Bonitätsprüfung durchgeführt«. Sobald Informationen verfügbar sind, werden diese im System geflaggt, und außerdem die Zahlungsmoral eines jeden einzelnen Kunden überwacht. »Sobald gewisse Parameter erreicht sind, wird der Kunde im System gesperrt.« Verlängerungen des Zahlungsziels schließt er nicht aus; »im Einzelfall wird man sich zusammensetzen, um eine Lösung zu erarbeiten, die aber nicht von Dauer sein kann«.

Eine Verlängerung von Zahlungszielen kommt für Hermann Püthe, Geschäftsführender Gesellschafter der inpotron Schaltnetzteile, nicht infrage: »So groß ist unsere Finanzreserve nicht, dass wir als Bank unserer Kunden für zinslose Darlehen dienen könnten!« Schließlich habe man selbst gegenüber den eigenen Lieferanten Zahlungsverpflichtungen, die auch die Liquidität beeinflussen. Püthe weist darauf hin, dass in den südeuropäischen Ländern schon bisher Zahlungsziele von 90 oder 120 Tagen üblich waren. »Eine weitere Verschlechterung der Liquidität der entsprechenden Unternehmen und damit noch längere Zahlungsziel-Wünsche sind durchaus vorstellbar.«

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Kai Heinemann, Block Tranformatoren-Elektronik: »Wenn wir Anzeichen für Zahlungsausfälle sehen, wählen wir abhängig vom Kunden eine von mehreren Optionen: von der Verlängerung des Zahlungsziels bis zur Lieferung nur gegen Vorkasse.«
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Direkte Probleme, etwa durch Kapitalbindung bei Kunden, konnte Dr. Alain Schumacher, CTO von IEE, in den letzten Monaten nicht feststellen, »aber es gibt Fälle, in denen eine Verlängerung von Zahlungszielen angefragt wird. Die maximale Dauer beträgt dabei bis zu 90 Tage.« Kein erhöhtes Problem mit Zahlungsausfällen registriert auch Josef Pfeil, Vertriebsleiter bei Dynamis Batterien, »auch beim Thema Verlängerung von Zahlungszielen bemerken wir bislang keine erhöhte Aktivität«.
»Nein, mit solchen Dingen wurden wir bislang noch nicht konfrontiert«, gibt auch Oliver Walter, CEO der Camtec Power Supplies, zu Protokoll, »wenngleich es naheliegend ist, dass der eine oder andere mal irgendwann solche Probleme bekommen könnte«. Christian Blersch, CEO von E.E.P.D., sieht sich für kommende Eventualitäten gut gerüstet: »Wir haben eine Warenkreditversicherung für unsere Lieferungen.« Aktuell gibt es bei E.E.P.D. auch keine Anfragen zur Verlängerung von Zahlungszielen.

Um sich vor möglichen Problemen zu schützen, arbeitet ebm-papst nach Auskunft von Hauke Hannig, Pressesprecher der ebm-papst-Gruppe, »in westlichen Ländern eng mit Kreditversicherungen zusammen, in anderen Ländern nutzen wir auch andere Instrumente zur Absicherung von Zahlungen bis hin zur Vorkasse«. Anfragen zur Verlängerung von Zahlungszielen »lehnen wir als Hersteller von Motoren und Ventilatoren in der Regel ab«.

»Ein striktes Forderungsmanagement in Kombination mit starken und echten Partnerschaften lässt uns bisher einen kontinuierlichen Forderungseingang verzeichnen«, stellt Denis Giba, Managing Director bei Odu, fest. Zahlungsziele sind für ihn Teil der Konditionen, »und die pünktliche Bezahlung steht nicht zur Disposition«. Odu setzt darum auf frühzeitige Kommunikation zur Problemerkennung, »um dann möglichst kundenindividuell und flexibel agieren zu können«.

Laut ZVEI berichten Mitglieder davon, dass immer wieder Produkte nicht fertiggestellt werden können, weil einzelne Komponenten fehlen. Aus diesem Grund verzögerten sich immer wieder die Lieferzeiten; ein grundsätzliches Problem mit Kapitalbindung und daraus folgender Zahlungsunfähigkeit seit aber nicht bekannt. 


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